Annette Heinrich/Christian Hestermann: „Aktion Leder“ – Die Stasi und das deutsche Fußballduell WM ’74 (Arte)

Deutlich überkonstruiert

20.06.2014 •

20.06.2014 • Zu den Seltsamkeiten der Programmplanungen des deutschen Fernsehens gehört, dass Sportdokumentarfilme und -dokumentationen gerne im Umfeld von sportlichen Großereignissen gezeigt werden, als könnten diese Filme von der Erwartung der Fans profitieren. Das ist selbstverständlich absurd, weil die professionell erregte Neugier auf ein weltweit beachtetes Ereignis wie die derzeit stattfindende Fußball-WM in Brasilien gerade durch kritische Hintergrundberichterstattung empfindlich gestört würde, so dass solche Art der Berichterstattung folglich lieber ausgeblendet und ignoriert wird, um sich aktuell den Spaß nicht verderben zu lassen. Insofern wäre es besser, wenn kritische Berichterstattung – die nur noch in wenigen TV-Programmen, wie etwa dem WDR Fernsehen („Sport inside“), kontinuierlich erfolgt – systematisch aufgriffe, was beispielsweise bei solchen Großereignissen und um sie herum seit vielen Jahren falsch läuft.

Am 10. Juni zeigte nun Arte in einem Double-Feature zwei kritische Sportdokumentationen, von denen sich eine teilweise und die andere vollständig mit dem aktuellen Thema des Fußballs beschäftigte. Der Dokumentarfilm „Druck, Doping, Depressionen: Spitzensportler packen aus“ (20.15 bis 21. 50 Uhr) von Xavier Deleu und Yonathan Kellerman, eine französische Produktion, ging systematisch und also flächendeckend den Folgen des Spitzensports auf die Körper der Athleten nach. Zu den vielen Beispielen, die der Film meist in Zeugenaussagen der betroffenen Sportler selbst präsentierte, gehörte auch der italienische Spitzenfußball. In den 1980er Jahren wurden Spieler von Juventus Turin auf besondere, ihnen aber nie bekannt gemachte Weise mit neuen Medikamenten behandelt. Langfristige Folge: Die Krebserkrankungen kommen bei den Profi-Spielern dieses Vereins mehr als doppelt so häufig vor wie bei den Gleichaltrigen in der italienischen Gesamtbevölkerung. Darüber wird ebenso wenig gesprochen wie über die Folgen jener angeblichen Vitaminspritzen, die der deutschen Weltmeister-Mannschaft 1954 in der Halbzeitpause des dann 3:2 gewonnenen Endspiels gegen Ungarn verabreicht worden waren und die einigen dieser Spieler langfristig nicht bekamen.

Eine andere unerzählte Geschichte versprach auch die zweite Dokumentation dieses Abends bei Arte: „‘Aktion Leder’ – Die Stasi und das deutsche Fußballduell WM ’74". Dieser Film von Annette Heinrich und Christian Hestermann (Produktion: Spiegel TV), vom ZDF für das Arte-Programm zugesteuert, beschäftigte sich mit dem einzigen Fußball-Länderspiel, das die Mannschaft der Bundesrepublik jemals gegen die der DDR austrug. Diese auch politisch brisante Begegnung fand ausgerechnet während der Fußball-Weltmeisterschaft 1974 in der Bundesrepublik statt, als das Los die beiden Mannschaften in einer Vorrundengruppe zusammengeführt hatte. Der Film rekonstruierte auf beiden Seiten die Vorgeschichte dieser auch ideologisch hochgerüsteten Begegnung und montierte sie parallel zu der Erzählung von einer Flucht aus der DDR, die einem jungen Paar ausgerechnet während der natürlich auch im DDR-Fernsehen live übertragenen Begegnung glücken sollte.

Diese Montage zweier unterschiedlicher Geschehnisse wirkte jedoch über weite Strecken eher zufällig und beliebig. Sie diente deutlich nur dem Zweck, die Fußballgeschichte, deren Ende ja bekannt ist – die DDR siegte in Hamburg sensationell 1:0 –, mit Spannung aufzuladen, denn wie die Fluchtgeschichte ausgehen würde, wussten die Zuschauer ja nicht. Das Ganze wirkte aufgesetzt und störte den Blick auf die vielen kleinen Details, die man von den beiden Fußballmannschaften erfuhr. So wirkte die Kasernierung des bundesdeutschen Teams, von der es schon manche Erzählung gab, im Kontext des Berichts vom Leben der DDR-Mannschaft in den Tagen der WM noch absurder.

Deutlich wurde der soldatische Grundgedanke, dem auch westdeutsche Fußballfunktionäre wie der damalige DFB-Präsident Hermann Neuberger noch anhingen, und dem zufolge die Spieler von allem abgeschirmt werden müssen, was irgendwie nach Leben aussah. Dass den bundesdeutschen WM-Spielern damals als einziges Freizeitvergnügen nur ein Ausflug ausgerechnet in ein Kinderparadies gestattet wurde, bewies die Lebensferne der DFB-Funktionäre und erklärte die Rebellion der westdeutschen Spieler, die sich dann im Kampf um die Siegprämie entlud. Die DDR-Akteure wiederum wurden als Erwachsene ernst genommen, was sich vor allem in der Furcht der Funktionäre zeigte, jene könnten die Zeit in der Bundesrepublik zur Flucht nutzen. So waren in der Reisegruppe der Mannschaft und unter den handverlesenen DDR-Fans, die zu dem deutsch-deutschen Spiel nach Hamburg anreisten, jede Menge an Mitarbeitern der Staatssicherheit, die dann aber auch nicht alles mitbekamen, wie die Spieler im Nachhinein mit großer Begeisterung berichteten. Die Stasi hatte damals unter dem Operationsnamen „Aktion Leder“ alle Geschehnisse rund um das Spiel beobachtet und, was die ostdeutsche Seite anging, so zu beeinflussen versucht, dass das Ganze eine positiven Ausgang nahm.

Leider kamen die sportlichen Elemente in dieser Dokumentation zu kurz. Dass zum Zeitpunkt der Begegnung der Mannschaften beide bereits für die zweite Runde qualifiziert waren und dass die DDR durch den Sieg und den damit errungenen Gruppensieg in die wesentlich stärkere Zwischengruppe geriet (mit Holland, Brasilien und Argentinien!), wurde nicht oder nur am Rande erwähnt. Selbst das Spiel wurde kaum thematisiert, allein das Tor, das Jürgen Sparwasser für die DDR in der 77. Minute schoss, wurde ausführlich gezeigt. In der Summe blieb trotz der vielen hübschen Details ein Ungenügen zurück. Denn dass die Flucht des Ehepaars geglückt sei, weil die Grenzsoldaten von der TV-Übertragung abgelenkt waren und genau zum Zeitpunkt der dann vernachlässigten Kontrolle das entscheidende Tor gefallen sei, das war dann doch deutlich überkonstruiert. So sah sich der Zuschauer, der dieser Spannung gefolgt war, am Ende ebenso enttäuscht wie der Fußballfan, der nicht viel Neues über das Spiel selbst erfuhr.

• Text aus Heft Nr. 25/2014 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

20.06.2014 – Dietrich Leder/FK