Marc Mauricius Quambusch/Jan-Henrik Gruszecki: Ekstase und Schock – Die Fußballhauptstadt Buenos Aires. Reihe „Die Story“ (WDR Fernsehen)

Ritualisierter Bürgerkrieg

28.02.2014 •

28.02.2014 • Unter dem Titel „Ekstase und Schock“ würde man eigentlich keine Dokumentation über Fußball, sondern eher einen Film über Aktionskunst und Transgression erwarten. Dennoch ist die Überschrift treffend gewählt. Die kultische Verehrung des Rasengevierts mit seinen 22 Akteuren und die daran geknüpften gewalttätigen Exzesse haben in Argentinien eine andere Dimension als in europäischen Ländern. Zwar gibt es auch in Deutschland die sogenannten Ultras, die in den Stadien verbotenerweise Pyrotechnik abbrennen und sich zum Teil heftige Auseinandersetzungen mit der Polizei liefern. In ihrer spannenden Mischung aus Reportage und Auslandsdokumentation zeigen Marc Mauricius Quambusch und Jan-Henrik Gruszecki jedoch auf, dass Fußball in Argentinien einer Form von ritualisiertem Bürgerkrieg gleichkommt.

Dass die Leidenschaft für das Spiel um das runde Leder in Buenos Aires heftiger entflammt als sonst wo auf der Welt, ist eigentlich bekannt. Das regelmäßig mit Spannung erwartete Stadtderby zwischen den Boca Juniors und River Plate, der „Superclásico“, bildete sogar den Hintergrund einer populären dänischen Spielfilmkomödie von Ole Christian Madsen. In ihrem Beitrag für die WDR-Reihe „Die Story“ gehen Quambusch und Gruszecki das Phänomen allerdings mit einer beachtenswerten Systematik an. Mit wenigen Pinselstrichen verdeutlichen die Autoren zunächst, dass das Fußballspiel – sowohl als aktive Freizeitbeschäftigung wie auch in Form seines medialen Konsums – in Argentinien andere Dimensionen hat. So bildet dort in Buenos Aires eine Stadtautobahn das Dach für endlos viele Minihallen, in denen der Ball bis spät in die Nacht rollt.

Mit der Information, dass die Ligaspiele grundsätzlich nicht zeitlich parallel, sondern nacheinander angepfiffen werden, wird deutlich, dass Zuschauer in Argentinien quasi das komplette Wochenende hindurch alle Partien live mitverfolgen. Am Montag, so ein ganz ‘normaler’ Fußballverrückter vor der Kamera, liege die Arbeit lahm, weil erst einmal hitzig über die zahlreichen Schiedsrichter-Fehlentscheidungen diskutiert werde – volkswirtschaftliche Produktivität sieht anders aus. Das eigentlich Interessante an dem Film ist jedoch, dass er nicht nur folkloristisch anmutende Skurrilitäten aufzeigt. Die Autoren haben ein Erkenntnisinteresse, sie wollen verstehen, was der Fußball außer purer Leidenschaft noch transportiert, einer Leidenschaft, die in Argentinien so unkontrollierbar geworden ist, dass in den Stadien die Gästeblocks seit geraumer Zeit leer bleiben müssen – um das oft tödlich endende Aufeinandertreffen der Fangruppen zu verhindern.

Die Identifikation mit einem Klub, so einer der zentralen Argumentationsstränge des Films, entspricht in Buenos Aires eng definierten regionalen Zugehörigkeiten. Wer in einem bestimmten Viertel aufwächst, dessen Herz schlägt lebenslang für seinen Verein. Er würde ihn sogar heiraten, wenn er eine Frau wäre – und er wird ihn nie mit einer anderen betrügen. Vor dem Hintergrund dieser Nibelungentreue zeigen die Autoren auf, was um das Spiel herum so alles geschieht. Hierfür nähern sie sich einer Fangruppe mit der Kamera an. Wenn man mitbekommt, welches Chaos allein die Anhänger eines im Grunde völlig unbedeutenden Viertliga-Klubs von Buenos Aires allwöchentlich anrichten, dann wird umso klarer, was bei Erstliga-Begegnungen los ist.

Für die quasi institutionalisierten Ausschreitungen verantwortlich sind spezifische Gruppen innerhalb der Fans, nämlich die „Barras Bravas“. Es gibt hier klar definierte Strukturen und Hierarchien. Interessante Beobachtungen und Interviews mit Fachjournalisten verdeutlichen, dass diese gewaltbereiten Fans – anders als die Ultras hierzulande – nicht außerhalb des jeweiligen Vereins agieren, sondern im Dienst korrupter Funktionäre handeln. Hier wird aber nicht nur Vereinspolitik gemacht. Der Film deutet an, dass diese Hooligans eine Art gelenkten Mob bilden, der über den Fußball hinaus auch bei Demonstrationen in Erscheinung tritt, um so politische Entscheidungen mit zu beeinflussen.

Obwohl ihr Film dicht am Fußball selbst bleibt und auch zahlreiche Spielszenen zeigt, vermitteln Marc Mauricius Quambusch und Jan-Henrik Gruszecki eine Ahnung davon, dass die unverhältnismäßige Begeisterung für diesen Ballsport in Argentinien fehlgelenkte Energien freisetzt. Man könnte von „repressiver Entsublimierung“ sprechen. In 45 dichten Minuten lässt der Film durchblicken, dass Sport hier ein Vehikel ist, um eine Art lärmenden Stillstand zu zementieren. „Ekstase und Schock – Die Fußballhauptstadt Buenos Aires“ ist nicht nur für Fußballfans interessant.

• Text aus Heft Nr. 9/2014 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

28.02.2014 – Manfred Riepe/FK