Lars Ohlinger: Klares Abseits – Rassismus im Fußball. Reihe „Gott und die Welt“ (ARD/SR)

Männlichkeit, Aggressivität, Kameradschaft

11.07.2014 •

11.07.2014 • Es nimmt ja bisweilen schon groteske Züge an, mit welchen Verrenkungen Formate, die im Prinzip mit Fußball herzlich wenig zu tun haben, irgendwie auch von der WM in Brasilien zu profitieren versuchen. Das reicht von Spielerfrauen-Porträts in den einschlägigen Boulevardmagazinen über Talkshows mit Ex-Kickern als Experten bis zu Grill-Offensiven beim Teleshopping, wo man die Studios mit allem erdenklichen Fan-Plunder dekoriert hat. Vermutlich war auch der Sendeplatz für diese Reportage aus der ARD-Reihe „Gott und die Welt“ im Hinblick auf das grassierende Fußballfieber durchaus mit Bedacht gewählt. Doch billige Trittbrettfahrerei kann man der zuständigen Redaktion kaum vorwerfen. Das Thema „Rassismus im Fußball“ spielt zwar bei dieser WM in Brasilien (wiewohl die Fifa-Initiative „Respect: Say no to racism“ auch dort präsent ist) kaum eine Rolle, aber deshalb ist es hierzulande noch längst nicht vom Tisch.

Autor Lars Ohlinger hatte für seinen Film drei deutsche Fußballer mit afrikanischen Wurzeln ausgewählt, die von ihren misslichen Erfahrungen berichteten. Darunter Danny da Costa vom FC Ingolstadt, der von rassistischen Beleidigungen berichtete, mit denen er bei einem Heimspiel gegen den TSV 1860 München aus dem Gästeblock bedacht worden. Als zweiter Zeuge dabei: Evans Ankomah Kissi, der irgendwo in der Provinz in der 6. Liga kickt und Ähnliches zu berichten wusste. Und dann bot der Autor mit Gerald Asamoah noch einen veritablen (Ex-) Nationalspieler auf. „Manches ist besser geworden, aber die Thematik ist noch da“, erklärte der gebürtige Ghanaer, erinnerte sich jedoch, dass er selbst als aktiver Part des deutschen „Sommermärchens“ (WM 2006) anschließend vor allem bei Spielen gegen Energie Cottbus noch viele rassistische Schmährufe erdulden musste.

Dann sah man Asamoah gemeinsam mit seinem Koautor Peter Großmann auf Lesereise mit seiner Autobiografie („Dieser Weg wird kein leichter sein“) in einem Ort in der Eifel. Was zum Thema Rassismus relativ wenig Erhellendes beitrug, aber immerhin erklärte, warum der ehemalige Nationalspieler, wenn die großen Fußballturniere im Fernsehen übertragen werden, regelmäßig als Experte im ARD-„Morgenmagazin“ auftritt (so auch wieder während der nun zu Ende gehenden WM); im „Moma“ im Ersten ist Großmann seit Jahrzehnten für den Sport zuständig ist.

Ungefähr in der Mitte des Films erschien diese schlichte Aneinanderreihung von Zeugenaussagen Betroffener dann allerdings doch ein bisschen dürftig, um das Thema auch nur annähernd informativ unter die Lupe zu nehmen. Zumal Lars Ohlinger bis auf ein paar Archiv-Sequenzen aus Cottbus auch mit keinerlei Anschauungsmaterial aufwarten konnte, wie Rassismus in deutschen Stadien überhaupt aussieht bzw. sich anhört. Einigermaßen überraschend gewann die Reportage dann doch noch eine zweite Ebene, indem beispielsweise ein Fan-Beauftragter des FC Schalke 04 beklagte, dass der Deutsche Fußball-Bund (DFB) und der Fußballweltverband Fifa zwar teure Hochglanzbroschüren zum Thema „Rassismus“ drucken ließen, aber für die konkreten Projekte vor Ort kaum Geld locker machten.

Und dann war da noch der Fußball- und Fan-Forscher Gunter A. Pilz, der deutlich machte, dass gerade der Fußball mit seinen Idealen wie Männlichkeit, Aggressivität und Kameradschaft Rechtsextreme anziehe. Des Weiteren wies Pilz darauf hin, dass die Problematik in den unteren Ligen noch weit gravierender sei, da dort die soziale und polizeiliche Kontrolle weit weniger gegeben sei als in Bundesliga-Stadien. Eine gleichermaßen plausible wie beunruhigende These, für die der Film jedoch leider jeden Beleg in Form von Bewegtbildern schuldig blieb. Dabei darf man dem Autor gewiss zugute halten, dass 30 Minuten nicht eben viel sind, um solch ein Thema erschöpfend zu behandeln und zudem die finanziellen Mittel der „Gott-und-die-Welt“-Redaktion des Saarländischen Rundfunks (SR) nicht so üppig sein dürften, dass sie es ihm ermöglicht hätten, über Monate auf deutschen Fußballplätzen nach einschlägigem Beweismaterial zu fahnden.

Doch unter dem Strich erwies sich der Beitrag (1,07 Mio Zuschauer, Marktanteil: 7,5 Prozent) als eine solide, wenn auch dramaturgisch nicht sonderlich durchdacht montierte Reportage, die in der allgemeinen Fußballeuphorie auf vorhandene Schattenseiten des deutschen Volkssports hinwies. Nur das Schlussbild mit Danny da Costa bei einem Ingolstädter Vereinsfest mit einem (weißen) Kleinkind auf dem Arm war denn doch ein wenig zu viel der Happy-End-Ikonografie.

• Text aus Heft Nr. 28/2014 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

11.07.2014 – Reinhard Lüke/FK