Das Rätsel von Maastricht

Freie Mitarbeiterin erklärt den WDR bei holländischem Radio-Talk zum Regierungssender

Von Reinhard Lüke
29.01.2016 •

Es kommt nicht eben häufig vor, dass Sendungen von niederländischen Lokalradios in Deutschland für heftige Diskussionen sorgen. Doch am 17. Januar ließ das Talkformat „De Stemming“ („Die Stimmung“) des kleinen Senders L1 nicht nur beim WDR die Alarmglocken schrillen. Zu der wöchentlich von 11.00 bis 13.00 Uhr stattfindenden und live übertragenen Gesprächsrunde in einem Maastrichter Café war an diesem Sonntag auch Claudia Zimmermann geladen, die in den Niederlanden lebt und seit 23 Jahren als freie Mitarbeiterin für das WDR-Lokalstudio Aachen aus dem Nachbarland berichtet.

In der Sendung wurde Zimmermann vor allem zu den Silvester-Ereignissen in Köln und den Umgang der deutschen Medien damit befragt. Auf die Frage des Moderators, ob von ihr erwartet werde, auf eine bestimmte Weise über Migranten und Flüchtlinge zu berichten, erklärte die Journalistin: „Ja, wir sind natürlich … Wir sind öffentlich-rechtlicher Rundfunk. Das heißt, dass wir auf jeden Fall, ich sag mal, in einer eher positiven Weise das Problem angehen. Am Anfang, als die Willkommenskultur von Merkel noch sehr, ja, gut war, waren natürlich auch die Geschichten sehr positiv. Inzwischen ist es ein bisschen gekippt. Jetzt sind auch immer mehr kritische Stimmen, auch aus dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk und auch natürlich aus der Politik, zu hören.“ Nachfrage des Moderators: „Bekommen Sie eine Anweisung: So müssen Sie berichten?“ Antwort: „Ja, im Prinzip nicht. Aber wir sind ein öffentlich-rechtlicher Rundfunk, das heißt, es gibt verschiedene Kommissionen, die bestimmen, wie unser Programm aussehen soll. Und wir sind natürlich schon angewiesen, das ein bisschen pro Regierung zu tun.“

„Ich habe Unsinn geredet“

Nun hat man dem WDR in der Vergangenheit schon vieles nachgesagt, doch der Vorwurf, ein Regierungssender zu sein, war eigentlich nie dabei. Dass er hier von einer eigenen Mitarbeiterin kam, macht die Sache noch abstruser. Doch vermutlich hätte dieser seltsame Gesprächsbeitrag aus einer niederländischen Lokalsendung kaum so hohe Wellen geschlagen, wäre er nicht Wasser auf die Mühlen all jener hierzulande gewesen, die unter dem Schlagwort „Lügenpresse“ inzwischen neben Zeitungen auch den öffentlich-rechtlichen Rundfunk bezichtigen, nicht der Wahrheit verpflichtet zu sein. Weshalb der WDR Claudia Zimmermann offenbar flugs zum Rapport einbestellte. In einer Pressemeldung des Senders vom 18. Januar ließ sich die Journalistin daraufhin so zitieren: „Ich habe an dieser Stelle Unsinn geredet. Unter dem Druck der Live-Situation in der Talkrunde habe ich totalen Quatsch verzapft. Mir ist das ungeheuer peinlich. Denn ich bin niemals als freie Journalistin aufgefordert worden, tendenziös zu berichten oder einen Bericht in eine bestimmte Richtung zuzuspitzen.“ Und WDR-Unternehmenssprecherin Ingrid Schmitz ergänzte, die in Maastricht von Claudia Zimmermann getätigten Äußerungen entsprächen „in keiner Weise der Haltung, den Werten und dem Programmauftrag des Unternehmens“.

Zwei Tage später äußerten sich auch zahlreiche freie Mitarbeiter des WDR zu der Angelegenheit in einem offenen Brief: „Wir, freiberufliche Mitarbeiter des Westdeutschen Rundfunks, distanzieren uns ausdrücklich von der aktuell öffentlich diskutierten Behauptung, es gäbe im WDR Vorgaben oder Anweisungen für eine politisch ausgerichtete Berichterstattung. […] Niemand schreibt uns einen einseitigen oder parteipolitischen Inhalt vor.“

Am 22. Januar erschien dann in der „Rheinischen Post“ ein Interview mit Claudia Zimmermann, in dem sie versuchte, das Rätsel von Maastricht zu erklären, dabei jedoch noch mehr Verwirrung stiftete. Zum einen sagte sie darin, schon öfter in der L1-Sendung zu Gast gewesen zu sein. Was den Versuch der 54-jährigen Hörfunkjournalistin, ihre Fehlleistung gegenüber dem WDR mit dem „Druck der Live-Situation“ zu erklären, noch unglaubwürdiger machte.

Zum anderen widersprach Zimmermann vehement dem Verdacht, womöglich des Niederländischen nicht ganz mächtig zu sein. „Ich wohne im Nachbarland“, sagte sie, „und spreche die Sprache fließend.“ Anschließend erklärte sie, was sie eigentlich in Maastricht hatte sagen wollen: „Unausgesprochen haben sich fast alle Journalisten über Jahre einen Maulkorb auferlegt, so wie auch die Polizei und die Politik. Wir haben doch alle die Tatsachen verschwiegen, Political Correctness falsch verstanden. […] Ich habe doch nur ausgedrückt, was alle wussten.“

Fazit: Es gab keine Auflagen seitens des WDR, aber für Claudia Zimmermann hat es sich so angefühlt, irgendwie. Bei L1 war offensichtlich eine deutsche Journalistin als Expertin zu einem Thema geladen, mit dem sie beruflich als Lokalreporterin in den Niederlanden so gut wie nichts zu tun hat. Der WDR hat inzwischen mitgeteilt, die Zusammenarbeit mit Zimmermann fortsetzen zu wollen.

29.01.2016/MK