Georg Büttel/Jochen Müller: Akte Lansing. 6‑teilige Serie (BR Fernsehen)

Durch und durch schräg

15.04.2019 •

Seit 2007 strahlt das Dritte Fernsehprogramm des Bayerischen Rundfunks (BR) montags bis donnerstags von 19.30 bis 20.00 Uhr die regionale Seifenoper „Dahoam is Dahoam“ aus. Eine kleine Erfolgsgeschichte am Rande, korrespondierend zu internationalen Sehgewohnheiten. Auch in Großbritannien beispielsweise, wo schon 1960 die stilbildende Serie „Coronation Street“ bei ITV auf Sendung ging, schaut das Publikum am Vorabend am liebsten eine Soap, wie „EastEnders“ (BBC), „Hollyoaks“ (Channel 4) oder „Emmerdale“ (ebenfalls ITV). Regionale Varianten gibt es auch, etwa im BBC-Programm für Wales die Serie „Pobol y Cwm“ („Die Leute vom Tal“).

Es handelt sich um Ensemble-Serien mit klar definierten Schauplätzen, einer Straße, einem Dorf, einem Stadtviertel. Die Handlung reflektiert häufig das aktuelle gesellschaftliche Geschehen. In der Regel folgen die Episoden dem Soap-Muster mit drei zopfartig verwobenen linearen Erzählsträngen, die teils auf Fortsetzung angelegt sind. Bei „Dahoam is Dahoam“ gibt es eine bemerkenswerte Besonderheit: Der genretypische Cliffhanger wird geschaffen, indem sich beim Abspann eine der Figuren direkt an das Publikum wendet. Was bei der US-amerikanischen Neuauflage der BBC-Serie „House of Cards“ hie und da als „sensationell“ beschrieben wurde, das Durchbrechen der vierten Wand, ist im deutschen Vorabendprogramm seit langem gängige Praxis.

Dem Titel entsprechend ist „Dahoam is Dahoam“ (Produktion: Constantin Television) durchsetzt von bajuwarischer Lebensart – oder dem, was man im Allgemeinen dafür hält. Der bairische Dialekt wurde aufgeweicht in der Absicht, auch im Rest der Republik verstanden und über das eigene Dritte Programm hinaus gesehen zu werden. Mit erstaunlicher Souveränität nimmt nun das BR Fernsehen diesen heimattümelnden Dauerbrenner ironisch auf die Schippe. „Akte Lansing“ heißt die Serie, die das macht. Sie hat sechs kurze, 15 bis 20 Minuten dauernde Episoden, die für die lineare Ausstrahlung am Donnerstagabend in zwei Blöcken à drei Folgen zusammengefasst wurden, und der Serientitel zitiert mit Lansing den fiktiven Schauplatz von „Dahoam is Dahoam“, in Wahrheit eine Studiokulisse in der Nähe von Dachau.

In das „Fernsehdorf“ Lansing wird der wegen seiner Unnachgiebigkeit von der Intendanz geschätzte, von Mitarbeitern gefürchtete Innenrevisor Dr. Dr. Georg Spiess (Stefan Murr) entsandt, um die Geschäftsführung zu überprüfen und Einsparpotenzial zu ermitteln. Diskret, versteht sich. Diese Exposition hat ein reales Vorbild: Vor einigen Jahren war beim BR tatsächlich eine Kostenanalyse notwendig geworden, weil der Oberste Bayerische Rechnungshof beim Sender unter anderem die Produktionsvorgänge von „Dahoam is Dahoam“ überprüft hatte (vgl. FK-Meldung) und dann 2011 in seinem aktualisierten Abschlussbericht „Überschreitungen des kalkulierten Kostenrahmens“ monierte.

In der Serie „Akte Lansing“ (Produktion: ebenfalls Constantin Television) wird nun der Wirtschaftsprüfer Dr. Dr. Georg Spiess zu einer Art Sonderermittler und zum Off-Erzähler nach Art des Film Noir. So vermeldet er beispielsweise: „Da war ich also auf meinem Weg ins weiß-blaue Kitschbiotop Lansing.“ Spiess hält nicht viel von „Dahoam is Dahoam“ und ist sich darin völlig einig mit dem zynischen Fernsehchef (Christoph Süß, in den Stabangaben ohne Rollenname). Der sagt diabolisch feixend: „Wir produzieren Kitsch fürs Prekariat, nicht für uns. Meine Lieblingsfilme sind von Tarkowski, Kieślowski, David Lynch…“ David Lynch findet vermutlich nicht von ungefähr Erwähnung, hatten doch er und sein Koautor Mark Frost 1992 in der ABC-Serie „On the Air“ ebenfalls die Vorgänge hinter den Kulissen einer Fernsehproduktion komödiantisch zum Thema gemacht.

„On the Air“ aber war zeitlich in den 1950er Jahren angesiedelt, „Akte Lansing“ dagegen spielt in der Gegenwart, was den satirischen Biss deutlich verschärft. Denn in Lansing sind nicht nur Einkaufswagen voller Spesenabrechnungen zu überprüfen. Der aus dem Ruhrgebiet stammende Produzent Kowalski (Stefan Lehnen) berichtet von abstürzenden Scheinwerfern, falsch zugeteilten Drehbüchern und weiteren beunruhigenden Vorfällen. Der Requisiteur, der Spiess geheime Informationen zuspielen wollte, wird ermordet. Schon steckt Spiess mittendrin im Komplott, wird verführt, niedergeschlagen und – der Zuschauer erfährt es früh – er wird durch die überall angebrachten Kameras ständig beobachtet. Nicht von „Big Brother“, sondern vom „Großen Löwen“.

„Akte Lansing“ ist Mediensatire, Krimigroteske und durch und durch schräg – buchstäblich, denn so manches Mal lassen die Regisseure Jochen Müller und Georg Büttel (der hier laut Abspann auch „Writer Producer“ ist) die Kamera aus der Horizontalen kippen. Überhaupt beweisen sie einen Hang zu ungewöhnlichen Aufnahmewinkeln, die dem Geschehen einen bizarren Anstrich verleihen und den ironischen Charakter auf Anhieb deutlich machen. Auch in der Bildtiefe wird mit erkennbarem Augenzwinkern inszeniert, wenn sich zum Beispiel zwei Personen unterhalten und im Hintergrund ein Lkw herumfährt, auf der Ladefläche eine Blaskapelle, die an den unpassendsten Stellen bayerische Folklore ausstößt.

Und der Dialogwitz kommt in der Serie ebenfalls nicht zu kurz. Köstlich etwa die kaustischen Auslassungen des adligen Drehbuchautors und Kniebundhosenträgers Freiherr Maximilian von und zu Dachsbach (Maximilian Pfnür). Vor dem irritierten Dr. Dr. Spiess imitiert der Schlawiner die von ihm selbst verfassten schlichten Seriendialoge und kommentiert maliziös: „Ohne profunde Shakespeare-Rezeption sind solche Dialoge natürlich undenkbar.“

Die ganze Intrige läuft darauf hinaus, dass Umstürzler die Wiedereinführung der Monarchie und die Loslösung Bayerns von der Bundesrepublik planen und sie in der Serie unterschwellig platzierte nationalistisch-royalistische Botschaften versteckt haben.

Dieses abenteuerliche Garn wird ausgesprochen amüsant gesponnen, in einer wilden Mischung aus Slapstick, Parodie und satirischer Meta-Erzählung, gespickt mit Anspielungen auf Hoch- und Populärkultur – von „Der dritte Mann“ bis „Kir Royal“. Einige der Schauspieler aus „Dahoam is Dahoam“ wirken in „Akte Lansing“ mit und nehmen sich dabei kräftig selbst auf die Schippe. So erscheint Brigitte Walbrun, die in „Dahoam is Dahoam“ als eher bodenständige Brauereichefin Rosi Kirchleitner eine der Hauptdarstellerinnen ist, hier als champagnerschlürfender Vamp.

Die serielle Erzählung funktioniert in „Akte Lansing“ auf mehreren Rezeptionsebenen – als kurzweilige Unterhaltungsserie und selbstreferentielle Spielerei, als intellektuelles und filmästhetisches Vergnügen. Nebenbei verfolgt der Bayerische Rundfunk mit dieser Produktion eine kluge Strategie, den auf internationale Massenkompatibilität ausgerichteten Serien der digitalen Abonnementkanäle mit originären, spezifischen Inhalten zu begegnen, indem regionales Kolorit und die Medienerfahrungen des Publikums nutzbar gemacht werden. (Alle Folgen von „Akte Lansing“ sind weiterhin in der Mediathek des BR Fernsehens abrufbar.)

15.04.2019 – Harald Keller/MK