Gottschalk liest? Literatur-Talkshow (BR Fernsehen)

Starring Thomas Gottschalk

28.03.2019 •

Thomas Gottschalk, der große Entertainer, Jahrgang 1950, der bereits Fernsehgeschichte geschrieben hat, er hat noch einmal eine neue Sendung: Im Dritten Fernsehprogramm des Bayerischen Rundfunks (BR) moderiert er nunmehr – viermal jährlich – das Literaturformat „Gottschalk liest?“. Die Sendereihe trägt im Titel also neben seinem Namen auch den Verweis auf eine Tätigkeit, die allerdings mit einem Fragezeichen versehen ist. Soll dies selbstironisch gemeint sein? Wie auch immer: Es handelt sich um eine Talkshow mit Gästen, in der über deren neue Bücher gesprochen wird. Aufgezeichnet wird sie an wechselnden Orten in Bayern.

Die erste Ausgabe kam aus dem Parktheater des Kurhauses Göggingen in Augsburg. Als Gäste auf der Bühne mit dabei waren Sarah Kuttner mit ihrem Roman „Kurt“, Ferdinand von Schirach mit seinem Erzählband „Kaffee und Zigaretten“, Vea Kaiser mit ihrem Roman „Rückwärtswalzer“ und Daniel Biskup mit seinem Fotobuch „Wendejahre“. Die mit Einspielern versehenen Einzelgespräche mit den vier Autoren dauerten insgesamt etwa eine halbe Stunde; in der letzten Viertelstunde der Sendezeit gab es ein Gespräch mit allen gemeinsam über das Büchermachen.

Studiodekoration und Kleidung des Moderators waren ambitioniert, dienten als Blickfang und suggerierten etwas Neues. Aber schon die Einspieler zu den vier vorgestellten Büchern ernüchterten den Zuschauer, denn diese Einspieler waren produziert wie preiswerte und (zu) schnell gedrehte Werbespots. Zu Beginn seines neuen Literaturtalks stellte Gottschalk den Ort der Veranstaltung vor. Er pries Augsburg als Literaturstadt und las als Beleg dafür einige Namen großer Literaten wie Hermann Hesse, Thomas Mann und Joachim Ringelnatz vom Zettel ab, die die Stadt in ihren Werken zitiert hätten. Doch einen besonders Prominenten erwähnte er nicht: Bertolt Brecht, der in Augsburg geboren und aufgewachsen ist. In den Gesprächen mit Sarah Kuttner, Ferdinand von Schirach und Vea Kaiser wirkte Gottschalk schlecht vorbereitet. Seine Lektüre ihrer Bücher war offensichtlich nicht besonders nachhaltig gewesen, was er durch Charme wettzumachen versuchte.

Die meisten Komplimente bekam dabei Sarah Kuttner ab, die sich, bevor sie Romane zu schreiben begann, als Fernsehmoderatorin einen Namen gemacht hat. Besonders knapp fiel das Gespräch mit Ferdinand von Schirach aus, dem prominentesten Autor, dem Literaturstar unter den Anwesenden. Gottschalk beendete die Unterhaltung dann ziemlich abrupt, nachdem ihn von Schirach ein paar Mal verbal in die Enge getrieben hatte.

Inhaltlich am profundesten geriet noch das Gespräch mit der jüngsten unter den Studiogästen, der 30-jähigen Österreicherin Vea Kaiser, und das nicht deshalb, weil es mit Lateinzitaten endete. Es waren auch nicht etwa besonders tiefsinnige Fragen von Gottschalk, die hier etwas bewirkten, sondern die inhaltliche Substanz war allein auf die Eloquenz zurückzuführen, mit der die Autorin selbst über ihr Buch sprach. An vierter Stelle wurde der Fotoreporter Daniel Biskup mit seinem neuen Bildband vorgestellt, der bisher unveröffentlichte Fotos aus dem Ostdeutschland der Jahre 1990 bis 1995 enthält. Hier ging es nicht um das geschriebene Wort, sondern um Bilder, deren Entstehungsgeschichte von Biskup lebhaft geschildert wurde.

Thomas Gottschalk ist ein ‘BR-Gewächs’; bereits in den 1970er Jahren machte er beim Bayerischen Rundfunk seine ersten Erfahrungen als Radio- und Fernsehmoderator. Seit den 80er Jahren trat er im ZDF auf, von 1987 bis 2011 moderierte er für den Sender die von Frank Elstner erfundene Show „Wetten, dass..?“. Danach wechselte er vorübergehend zur ARD. Auch im Privatfernsehen war er häufig und ist er weiterhin zu sehen. Dass Gottschalk das Mediengeschäft immer noch beherrscht, zeigt allein schon der Umstand, dass ausgerechnet kurz vor der Premiere von „Gottschalk liest?“ das Ende seiner langjährigen Ehe offiziell bekannt wurde. Die Trennung von Gottschalk und seiner Frau hat offenbar schon vor einiger Zeit stattgefunden, wenn man den Presseberichten glauben darf. Jetzt als Neuigkeit verbreitet, lenkte sie zugleich alle Aufmerksamkeit auf den Start seiner Literatursendung, was sicherlich dazu beitrug, dass „Gottschalk liest?“ dem Dritten Programm BR Fernsehen eine für diesen Dienstagabend-Sendeplatz ungewohnt hohe Einschaltquote bescherte (bundesweit: 480.000 Zuschauer, Marktanteil: 2,1 Prozent; BR-Sendegebiet: 290.000 Zuschauer, 8,7 Prozent).

Was befähigt Thomas Gottschalk eigentlich zum Moderator einer Literatursendung? Das Problem ist nicht, dass er angesichts seiner großen Berufserfahrung nicht auch einen Literaturtalk im Dritten Programm moderieren könnte, sondern dass er gegenüber den Autoren nicht die ‘dienende Funktion’ einnehmen kann, die hier von einem Moderator erwartet wird. Eigentlich sollte er dem „guten Buch zur späten Stunde“, um Moderator Denis Scheck von der ARD-Reihe „Druckfrisch zu zitieren, eine Plattform verschaffen. Stattdessen steht Gottschalk selbst im Zentrum der Sendung – und das ist auch der einzige Ort, an dem er seinem Selbstverständnis nach hingehört. Er ist der Star und lenkt alle Aufmerksamkeit auf seine Person.

Zuletzt hatte Gottschalk von sich reden gemacht, als mit der Nachricht, dass bei den großen Bränden im Herbst 2018 in Kalifornien auch seine Villa in Malibu zerstört worden ist, bekannt wurde, dass dabei auch eine Originalhandschrift des berühmten „Panther“-Gedichts von Rainer Maria Rilke mitverbrannte, die der TV-Moderator in seinem Haus eingerahmt an der Wand hängen hatte. Ob diese Information mit dazu beigetragen hat, eine Literatursendung im BR Fernsehen zu erhalten?

Man erinnert sich auch noch an die Sendung „Aus gegebenen Anlass“, in der Gottschalk im Jahr 2008 ein Gespräch mit dem berühmten Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki führte (vgl. FK-Heft Nr. 43/08). Der gegebene Anlass war die Verweigerung Reich-Ranickis gewesen, beim Deutschen Fernsehpreis den Ehrenpreis der Stifter anzunehmen. Die Verleihung war seinerzeit, am 11. Oktober 2008, von Gottschalk moderiert worden. Bis heute adelt ihn offenbar diese Begegnung mit dem sogenannten Literaturpapst. Gegen Ende von „Gottschalk liest?“ zitierte der Moderator denn auch Reich-Ranicki unter Nachahmung von dessen typischem Tonfall mit dem Ausspruch: „Ein Buch darf nicht langweilen.“ Wie Mitte März bekannt wurde, plant das ZDF im Jahr 2020, in dem Gottschalk 70 wird, eine einmalige Neuauflage von „Wetten, dass..?“, dem Format, mit dem er seine größten Erfolge feierte und das er dann noch einmal (ein wirklich letztes Mal?) präsentieren kann.

28.03.2019 – Brigitte Knott-Wolf/MK

Print-Ausgabe 17/2019

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