Dominic Egizzi: Ausgebremst – Der Überlebenskampf der Autobauer (Arte)

Eine gewisse Einseitigkeit

12.03.2019 •

Der Automobilindustrie bläst ein eisiger Wind ins Gesicht. Schaden genommen hat die gesamte Branche zunächst durch den Abgasbetrug von VW. Nach den kürzlich durchgesetzten Fahrverboten für Dieselautos hat sich die Situation offenbar noch einmal zugespitzt. Elektromobilität scheint der (oder ein) Ausweg aus dieser Krise zu sein – doch diesen Trend hat die Industrie hierzulande offenbar verschlafen. Ist der traditionelle Individualverkehr mit Verbrennungsmotoren ein Auslaufmodell? Wird die hiesige Autobranche, die für einen erheblichen Teil der deutschen Wirtschaftsleistung steht, tatsächlich „ausgebremst“? Diese Fragen wirft Dominic Egizzi in seiner Dokumentation auf, die jetzt auf Arte lief (und vom ZDF zugeliefert wurde).

Der 90-minütige Film ist anspruchsvoll. Er umreißt ein Themenspektrum im Spannungsfeld zwischen zwei Grundaspekten. Auf der einen Seite resümiert der Beitrag noch einmal jene Manipulationen, mit denen der VW-Konzern seine Dieselmodelle abgastechnisch sauberer erscheinen ließ. Erinnert wird daran, dass der VW-Vorstandsvorsitzende Martin Winterkorn und sein Nachfolger Matthias Müller über diesen Abgasbetrug ihre Posten verloren. Seither, so ein Tenor der Dokumentation, steckt die Autoindustrie in der Krise. Die Branche habe in der Vergangenheit stets gute Gewinne eingefahren und sei aufgrund dieser Erfolgsverwöhntheit nur widerwillig dazu bereit, zukunftsweisende Änderungen in Mobilitätskonzepten voranzutreiben.

Der Film kontrastiert daher die traditionelle Autoindustrie mit der Vision eines vermeintlich sauberen Verkehrskonzepts. In Kurzporträts vorgestellt werden Gilles Normand, Vizechef der E-Mobilitätssparte bei Renault, und der frühere BMW-Manager Carsten Breitfeld, der mit der 2017 von ihm mitgegründeten chinesischen Automobilmarke Byton bis Ende 2019 ein neues Konzept für E-Mobilität bis zur Marktreife entwickeln will. Der Trend, für den diese beiden Spezialisten hinsichtlich der E-Mobilität stehen, wird gestärkt durch grüne Politiker wie den für Verkehrsfragen zuständigen Pariser Vizebürgermeister Christophe Najdovski. Teile der französischen Hauptstadt, so zeigt der Film, ließ er bereits für Fahrzeuge mit Verbrennungsmotoren sperren. Bis 2030 sollen sie ganz aus Paris verbannt sein.

Nicht ganz verschweigen kann der Film unterdessen, dass die Mobilitätswende mit Problemen verbunden ist. Carsharing beispielsweise, so der zu Wort kommende Wissenschaftler Michael Schreckenberg, würde die Autodichte in Innenstädten vermehren statt reduzieren. Der Verkehrsforscher der Universität Duisburg-Essen moniert zudem, Strom für die E-Mobilität sei „nicht sauber“, habe eine „zweifelhafte Ökobilanz“ und die Herstellung der Batterien sei umweltschädlich. Solche kritischen Töne gehen jedoch mehr oder minder unter in dem Film, der den Stromer als „aussichtsreichste Alternative zum Verbrenner“ darstellt.

„Landen konventionelle Modelle bald auf dem Müllhaufen der Geschichte?“ Diese Frage stellt der Film nicht nur rhetorisch. Er stellt das traditionelle Auto als überkommene Art der Fortbewegung dar. Das Auto mit Verbrennungsmotor, so ein Experte, sei im Gegensatz zu einem Kühlschrank „nicht rational verfasst“. Es stehe für eine vergangene Ära, in der der Benziner als irrationaler „Ausdruck des Freiheitsgefühls“ fungiere. Belegt wird dieser Abgesang auf den Verbrenner durch das Kurzporträt eines passionierten Autoschraubers vom Land. Der PS-Fetischist, so suggeriert der Film, trete eigentlich nur zum Spaß aufs Gas. Mit wehmütigem Gesichtsausdruck bezeichnet der Mann sich als Zugehöriger einer „aussterbenden Spezies“.

Diesem Nostalgiker, der sich zum Benziner bekennt wie ein Raucher zum blauen Dunst, stellt der Film Öko-Hardliner wie Claudia Kemfert vom in Berlin ansässigen Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) gegenüber. Nicht zufällig zeigt die Dokumentation sie auf dem Fahrrad und in der Berliner U-Bahn. Verschwiegen wird, dass ein erheblicher Anteil der Bevölkerung sich ein solch bequemes Stadtleben mit kurzen Anfahrtswegen zur Arbeit nicht leisten kann. Pendler vom Land sind auf den Individualverkehr angewiesen. Das Auto ist für sie keineswegs, wie der Film behauptet, ein irrationales „Faszinosum“.

Die Faktenlage wird jedoch durch die Gewichtung der zu Wort kommenden Experten zuweilen ungenau dargestellt. So steht der im Untertitel beschworene „Überlebenskampf der Autobauer“ im Widerspruch zum Beispiel dazu, dass der VW-Konzern 2017 trotz „Dieselgate“ den größten Jahresgewinn der Konzerngeschichte erwirtschaftete: unter anderem mit Modellen der Kategorie SUV, also jenem „Auto in reiner Form“, dem Statussymbol, an dem laut dieser Dokumentation angeblich immer weniger Menschen Interesse hätten.

Problematisch ist an dem Film zudem die Lobpreisung der Wirtschaftsförderung von E-Mobilität in China. Möglich ist dieser planwirtschaftliche Boom im Reich der Mitte allein, weil der autoritäre Staat eine freiheitlich-demokratische Entscheidung seiner Marktteilnehmer gar nicht erst zulässt. Ein Fragezeichen notiert werden muss ebenso hinter der Darstellung der Deutschen Umwelthilfe (DUH), die inzwischen in die Kritik geraten ist. Über die durch gerichtliche Klagen erreichte Durchsetzung umstrittener Dieselfahrverbote bewirkte sie wirtschaftlichen Schaden für die Konkurrenten des japanisches Konzerns Toyota, also jenes Automobilherstellers, bei dem das Geschäft mit Dieselmotoren nur eine geringe Rolle spielt und der Sponsor der Deutschen Umwelthilfe ist. Im Dezember 2018 gab es im Übrigen Presseberichte, dass Toyota seine Kooperation mit der DUH aufgrund „öffentlichen Drucks“ nach insgesamt zwanzig Jahren auslaufen lassen wolle.

Durchzogen wird der Film (Produktion: Taglicht Media) durch einen einprägsamen visuellen Kontrast. Auf der einen Seite bekommen wir einen Ausblick auf die schöne neue E-Welt mit futuristisch anmutenden, selbstfahrenden Autos, die aussehen, als wären sie einer dystopischen Netflix-Serie entsprungen. Auf der anderen Seite wird der drohende „Verkehrsinfarkt“ mit dem Crash auf einer Carrera-Bahn visualisiert. Während hier der traditionelle Benziner als Spielzeugauto dargestellt wird, wirft die Dokumentation insgesamt einen verkürzten Blick auf den vermeintlichen Erfolg von Tesla, dem eigentlichen Spielmobil, über dessen Alltagstauglichkeit leider kein einziger Fahrer befragt wurde. Der Film, so das Fazit, greift ein relevantes Thema auf, in der Bewertung des gegenwärtigen Individualverkehrs und in der Einschätzung der wirtschaftlichen Durchsetzung von E-Mobilität neigt er aber zu einer gewissen Einseitigkeit.

12.03.2019 – Manfred Riepe/MK