Alice Agneskirchner: Wie „Holocaust“ ins Fernsehen kam (WDR/SWR/NDR)

Weit mehr als eine pflichtschuldige Dreingabe

06.02.2019 •

Wer 1979 Teenager oder älter war, wird sich erinnern. Schließlich sorgte die vierteilige US-Serie „Holocaust“ bei ihrer Ausstrahlung im Januar jenes Jahres nicht nur für Einschaltquoten, wie man sie in der Bundesrepublik sonst allenfalls von Durbridge-Krimis kannte, sondern sie sorgte auch Wochen danach noch für Diskussionen (vgl. FK-Hefte Nr. 3/79, 5/79 und 7/79). Keine Frage, „Holocaust“ war das, was man heute ein „Fernseh-Event“ nennen würde. Anlässlich der Wiederausstrahlung der Serie 40 Jahre später in drei Dritten Programmen der ARD – WDR, SWR und NDR zeigten im Januar die vier Folgen – gab es als Ergänzung dazu eine Dokumentation, welche die Entstehung, Rezeption und Nachwirkungen der US-Produktion nachzeichnete, die in Deutschland mit dem Untertitel „Die Geschichte der Familie Weiss“ gesendet wurde.

Für ihren 45-minütigen Film „Wie ‘Holocaust’ ins Fernsehen kam“ hatte Autorin und Regisseurin Alice Agneskirchner einigen Aufwand betrieben. So brachte sie in New York die Schauspielerinnen Rosemary Harris und Blanche Baker zusammen, die in der Serie Mutter und Tochter Weiss verkörperten, sprach mit Regisseur Marvin J. Chomsky wie auch Produzent Robert Berger und sie begleitete Michael Moriarty, der den opportunistischen Juristen und Nazi-Karrieristen Erik Dorf spielte, an Drehorte der überwiegend in Österreich realisierten Produktion. Den Erinnerungen aller Beteiligten war gemein, dass die Serie für sie kein Film wie jeder andere war. So benötigten einige Darsteller während des Drehs psychologische Betreuung. Und Hannah Lessing, die damals 14 Jahre alt war und ein erstummtes Kind spielte, kamen beim Besuch im ehemaligen KZ Mauthausen, wo die Gaskammer-Szenen entstanden, die Tränen, als sie die entsprechenden Szenen, die ihr vor Ort auf einem Tablet gezeigt wurden, wiedersah. Lessing ist heute Generalsekretärin des Österreichischen Nationalfonds und kümmert sich um Entschädigungen für die Opfer des Nationalsozialismus.

Aufschlussreich ganz besonders für die Zuschauer, die bei der deutschen Erstausstrahlung der Serie zu jung oder noch gar nicht geboren waren, dürften jene Sequenzen gewesen sein, die sich rund um den unter WDR-Federführung erfolgten Ankauf und die Rezeption von „Holocaust“ hierzulande drehten. „Es war uns klar: Erstens, wir werden das senden; zweitens, wir werden geprügelt werden“, erklärte der damalige WDR-Fernsehspielchef Günter Rohrbach, der im ARD-Verbund für das Projekt verantwortlich war. Mit dem Geprügeltwerden sollte er in einer Weise Recht behalten, die sich von heutiger Warte aus kaum mehr nachvollziehen lässt.

Denn Proteste kamen weniger aus Kreisen der Ewiggestrigen, die den Holocaust anzweifelten oder schlicht leugneten. Auch die gab es natürlich, doch weit massiver waren die Bedenken gegen die „Holocaust“-Serie in den eher linkslastigen Feuilletons, die sich vehement gegen eine Trivialisierung des millionenfachen Genozids durch eine Hollywood-Seifenoper eines kommerziellen TV-Networks aussprachen. Wobei das mit Hollywood Unsinn war. Der produzierende Sender NBC hat seinen Sitz damals wie heute in New York und gedreht wurde in Kalifornien keine einzige Szene der Serie. Aber ‘Hollywood’ war in intellektuellen Kreisen Ende der 1970er Jahre in Deutschland ein gängiges Totschlagargument, in dem sich nicht zuletzt der damalige Anti-Amerikanismus als Folge des Vietnam-Krieges spiegelte. Und schließlich hatte selbst der renommierte jüdische Holocaust-Überlebende und Publizist Elie Wiesel in der „New York Times“ mit seiner Kritik an der Serie in dieselbe Kerbe gehauen. Ähnlich umstritten war der Ankauf der Produktion auch innerhalb der ARD, wo man sich nach vielen Diskussionen nicht auf eine Ausstrahlung im Ersten einigen konnte. Weshalb die insgesamt sieben Stunden dauernde Serie schließlich zeitgleich in allen Dritten Programmen gezeigt wurde. Die erste Folge lief am 22. Januar 1979.

Den Zeitgeist jener Jahre machte die Dokumentation mit Hilfe von Zeitzeugen und Archivbildern transparent. Dem gegenüber stellte sie die ungeheure Resonanz, die „Holocaust“ in Deutschland hatte. Dabei bot die Serie historisch eigentlich nichts Neues. Dokumentationen über die Judenvernichtung hatte es bereits zahlreich auch in der Bundesrepublik gegeben. Eine fiktionale Produktion, die Opfern und Tätern Namen und eine Geschichte gab, die in der Manier eines Spielfilms auf Emotionen und Identifikationen setzte, das aber war noch nicht dagewesen. Entsprechend fielen die Reaktionen aus. Auf 54 Aktenordnern mit Zuschauerbriefen verwies eine Archivarin des WDR in der Dokumentation, wobei sich die meisten Schreiber tief betroffen zeigten. Darüber hinaus zeichnete der Film plausibel nach, wie die Serie unter den Generationen innerhalb von Familien für Diskussionen sorgte und selbst im Deutschen Bundestag ihren Widerhall fand, der sich daraufhin mehrheitlich gegen die Verjährung von Mordtaten aussprach. Auch das der bis dahin in der Bundesrepublik weitgehend ungebräuchliche Begriff „Holocaust“ 1980 zum Wort des Jahres gewählt wurde, wäre ohne die Serie nicht denkbar gewesen.

So war diese Dokumentation weit mehr als eine pflichtschuldige Dreingabe zur Wiederausstrahlung von „Holocaust“. Sie war der durchweg gelungene Versuch, Spätgeborenen deutlich zu machen, wie und warum die Ausstrahlung von „Holocaust“ einst die Bundesrepublik dermaßen erschütterte und warum dies so etwas wie eine Zeitenwende im Umgang der Deutschen mit dem Nationalsozialismus einläutete.

06.02.2019 – Reinhard Lüke/MK

Print-Ausgabe 8-9/2019

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