Dagmar Wittmers: Die Charité – Medizin unterm Hakenkreuz (ARD/RBB)

Wissenschaft und Politik

03.03.2019 •

Die Dokumentation von Dagmar Wittmers wurde im Anschluss an die ersten beiden Folgen der zweiten Staffel der ARD-Serie „Charité“ gezeigt und bezieht sich wie diese auf die Zeit des Nationalsozialismus. Anders als die fiktive Serie, die in den Jahren 1943 bis 1945 spielt, beginnt die Dokumentation jedoch ihre Rekonstruktion bereits mit dem Januar 1933, dem Zeitpunkt der „Machtergreifung“ Adolf Hitlers, und reicht bis in die frühe Nachkriegszeit hinein.

In ihrem Aufbau und ihrer Grundaussage stellt die 45-minütige Dokumentation „Die Charité – Medizin unterm Hakenkreuz“ eine eigenständige Beschäftigung mit der Thematik dar und könnte somit jederzeit auch unabhängig von der Spielserie im Programm gezeigt werden. Es handelt sich hier um eine der im Fernsehen ansonsten eher auf Nischenplätzen vorkommenden Wissenschaftsdokumentationen, denn es geht schwerpunktmäßig um die Veränderung von Forschungsparadigmen einer scheinbar nur der Rationalität verpflichteten Wissenschaft unter dem Einfluss der herrschenden politischen Agenda.

So verwendet die vom RBB produzierte Dokumentation auch keine Spielszenen aus der Serie, nur einige kurze Zitate aus den wenigen dokumentarischen Szenen, die die Serie enthält, finden sich hier wieder. Überhaupt kommt die Dokumentation – was positiv auffällt – ohne jegliches Reenactment aus. Das ist auch nicht nötig bei der Fülle an Original-Filmmaterial, das für diesen Beitrag zur Verfügung stand: Neben bekannten Szenen aus den „Wochenschauen“ jener Zeit zeigte der Film auch neues und bisher unbekanntes Archivmaterial, darunter viele unbekannte Dokumente aus der Medizin- und Institutionengeschichte. Die Dokumentation ist jedoch recht wortlastig, neben einem dominanten Kommentar kommen als Experten drei Medizinhistoriker ausführlich zu Wort. Sie beurteilen das Verhalten der damaligen leitenden Ärzte der Berliner Krankenhausinstitution „Charité“ kritisch und gehen dabei auch der Frage nach, ob es für sie damals Handlungsalternativen gegeben hätte.

Die Charité verfügt heute über ein renommiertes medizinhistorisches Museum, ohne dessen Existenz die Dokumentation sicher so nicht hätte realisiert werden können. So befindet sich unter den befragten Experten mit Thomas Schnalke der gegenwärtige Direktor dieses Museums. Das wurde bereits im Jahr 1899 gegründet, dann aber – nach dem Zweiten Weltkrieg, in dem es stark beschädigt wurde – erst wieder im Jahr 1998 (also nach der deutschen Wiedervereinigung) neu eröffnet. Mit eigenen Sonderausstellungen im Jahr 2017, als die erste Staffel der „Charité“-Serie lief, und gegenwärtig wieder bezieht das Museum sich selbst auch explizit auf diese ARD-Serie (vgl. dazu diese MK-Kritik und diese MK-Kritik). Ebenso hat das Erste bereits vor zwei Jahren eine Dokumentation von Dagmar Wittmers über die Geschichte der Charité um 1900 gezeigt („Die Charité – Geschichten von Leben und Tod“, 21.3.17, 21.50 bis 22.35 Uhr), als Begleitdokumentation zur ersten Serienstaffel.

Die jetzige Dokumentation zeichnet die Porträts mehrerer während der NS-Zeit tätiger einflussreicher Ärzte. Der Prominenteste unter ihnen ist der Charité-Chirurg Ferdinand Sauerbruch, der sich öffentlich zum Nationalsozialismus bekannte, jedoch auch sein Renommee dazu nutzte, Menschen zu helfen, die dem Nazi-Regime missliebig waren. Die Chefs des Pharmakologischen Instituts, der Kinder-, Nerven- und Frauenklinik der Charité waren ebenfalls in die NS-Gesundheitspolitik verstrickt. Erwähnt wird auch Karl Brandt, der Oberarzt in der Charité war, bevor er zum Begleitarzt Hitlers und höchsten Ärztefunktionär der Nazis avancierte. (Im ZDF gab es vor einigen Jahren, im April 2004, über Brandt als zentrale Figur der NS-Gesundheitspolitik eine bemerkenswerte dreiteilige Dokumentation unter dem Titel „Ärzte unterm Hakenkreuz“; vgl. FK-Heft Nr. 17/04).

Am Werdegang dieser leitenden Mediziner zeigt Dagmar Wittmers in ihrer Dokumentation exemplarisch die Grundzüge nationalsozialistischer Gesundheitspolitik. Es wird deutlich, wie stark diese von ‘rassischen’ und biologistischen Motiven getriebene Politik einerseits den Ausbau medizinischer Einrichtungen förderte. Andererseits stellte diese Politik die Gesundheit des sogenannten Volkskörpers über die gesundheitliche Fürsorge für den einzelnen Menschen, was dann einer (pseudo)wissenschaftlichen Eugenik, der Zwangssterilisation und schließlich der Euthanasie den Weg bereitete.

Beide Aspekte, die Förderung des Gesundheitswesens und der medizinischen Forschung wie auch deren politischen Missbrauch, berücksichtigt die Dokumentation, die damit den Fokus auf die politischen Steuerungsmöglichkeiten von Wissenschaftlern und Wissenschaft richtet. Der Film entfaltet diese Einsicht Schritt für Schritt, orientiert auch an Dokumenten wie beispielsweise medizinischen Lehrfilmen aus dieser Zeit. Dabei bleibt die Dokumentation (3,82 Mio Zuschauer, Marktanteil: 14,4 Prozent) trotz mancher erschreckender Bilder im Ton sachlich. Erst gegen Ende wird sie emphatisch, indem sie als Fazit ihrer historischen Rekonstruktion im Kommentar darauf hinweist, dass im Zentrum und somit an erster Stelle der ärztlichen Tätigkeit immer die Heilung des Menschen zu stehen habe und nicht die medizinische Forschung oder die sogenannte Volksgesundheit.

03.03.2019 – Brigitte Knott-Wolf/MK

Print-Ausgabe 8-9/2019

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