Andrea Kinne: Giovanni di Lorenzo – Meister der Zwischentöne (NDR Fernsehen)

Spuren des Unheimlichen

31.03.2019 •

Seit dreißig Jahren moderiert Giovanni di Lorenzo die Talksendung „3 nach 9“, die älteste laufende deutsche Talkshow (seit 1974), eine Produktion von Radio Bremen für das gemeinsame Dritte Fernsehprogramm mit dem NDR. Seit August 2004 ist di Lorenzo Chefredakteur der Wochenzeitung „Die Zeit“ (Hamburg); außerdem ist er einer der Herausgeber des „Tagesspiegels“ in Berlin, dessen Chefredakteur er zuvor war. Anlässlich seines 60. Geburtstags am 9. März widmete Radio Bremen Giovanni di Lorenzo ein Porträt. Autorin Andrea Kinne blickt auf Leben und Werk des sanftmütigen Talkers zurück, der einer der bekanntesten Journalisten Deutschlands ist und wie kaum jemand sonst Qualitätsjournalismus und Boulevard unter einen Hut bringt.

Der 45-minütige Film beginnt mit einem wunderschönen Panoramaschwenk. Von di Lorenzos Feriendomizil aus eröffnet die Kamera einen traumhaften Blick auf eine toskanische Hügellandschaft. Warum, fragt man sich sogleich, ist dieses Bild unterlegt mit der Musik von Jack Johnson? Beim näheren Hinhören passt das aber nur zu gut. Die melodischen Gitarrenakkorde des kalifornischen Ex-Surfers schmeicheln dem Ohr ebenso wie das temperierte Auftreten des Deutschitalieners Giovanni di Lorenzo, der immer den richtigen Ton zu treffen scheint. Von seiner Kindheit in Rimini über die ersten beruflichen Schritte in Hannover und München bis hin zu einer Redaktionskonferenz bei der „Zeit“ führt die Filmemacherin Stationen eines umtriebigen Lebens vor Augen.

Der Porträtierte ist dabei fast immer anwesend. In Begegnungen mit Freunden, Kollegen und Weggefährten streut di Lorenzo jeweils kurzweilige Anekdoten ein. Die Geschichte seiner Eltern, die sich auf einer Reise in einem Zug kennenlernten, klingt nach einer italienischen Operette. Einen witzigen Moment gibt es in der Tellkampfschule in Hannover, wo di Lorenzo einst Abitur machte und nun für den Film nicht nur einen ehemaligen Lehrer trifft. Über einen Tablet-Computer zugeschaltet ist auch sein ehemaliger Schulkamerad Steffen Seibert, der nach seiner Tätigkeit beim ZDF seit 2010 Angela Merkels Regierungssprecher ist. Und die Kamera streift alte Klassenfotos, auf denen Seibert schon damals so streberhaft erscheint wie heute.

Während einer Stippvisite im Verlagsgebäude der Tageszeitung „Neue Presse“ in Hannover, wo di Lorenzo seine ersten beruflichen Gehversuche unternahm, trifft der heutige Starjournalist auf Michael Radtke, der bei dem Blatt damals Ressortleiter für Kultur, Fernsehen und Unterhaltung war. Radtke „erkennt das Potenzial des zurückhaltenden jungen Mannes“, heißt es, er sei zum „journalistischen Mentor“ di Lorenzos geworden. Der erinnert sich („Das habe ich mir gemerkt“), dass Radtke immer gesagt habe: „Wenig Nebensätze. Die Botschaft muss ankommen.“ „Und möglichst wenig Substantive“, fügt Radtke hinzu.

Bei der Begegnung mit dem 72-jährigen Radtke parliert di Lorenzo auch über eine Episode aus seiner Zeit, als er in München zu studieren begann. Damals habe er in der Münchner „Abendzeitung“ sein erstes großes Interview veröffentlicht – und erschienen sei es mit der Autorenzeile „Von Hans Lorenz“. Man habe, erzählt di Lorenzo mit charmanter Empörung, einfach seinen italienischen Namen, „und zwar in der sparsamsten Form“, ins Deutsche übersetzt: „Die haben mir nicht mal den Johannes gelassen, sondern nur den Hans.“

Aufschlussreich ist dieses Porträt über di Lorenzo dann und wann, wenn medienhistorische Dokumente zitiert werden. Ausschnitte aus dem einst im Dritten Fernsehprogramm des Bayerischen Rundfunks (BR) laufenden Jugendmagazin „Live aus dem Alabama“ führen vor Augen, wie Giovanni di Lorenzo schon in jungen Jahren jene Fernsehpräsenz ausstrahlte, die seiner Laufbahn gewiss förderlich war. Über seinen Aufstieg über die Stationen „Süddeutsche Zeitung“ und „Tagesspiegel“ bis hin zur Chefredaktion der „Zeit“ erfährt man allerdings wenig. Andrea Kinnes Radio-Bremen-Dokumentation über den „3-nach-9“-Moderator ist – wie sollte es anders sein? – ein Promotion-Film in eigener Sache. Das Hochglanzporträt ist somit vergleichsweise glatt. Das geht bis hin zu Familienfotos, bei denen die darauf zu sehenden Schneeflocken noch digital animiert werden, um ein bestimmtes Gefühl zu unterstreichen.

Die befragten Kollegen ordnen das Schaffen di Lorenzos nicht wirklich kritisch ein. Als die Autorin zaghaft fragt, ob er etwas bereue, nennt di Lorenzo das Buch, das er zusammen mit Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) gemacht habe, dem Verteidigungsminister, der über eine Plagiatsaffäre stolperte. Auch einige frühere politische Einschätzungen bewertet der 60-Jährige heute anders. Welche das sind? Das kommt leider nicht zur Sprache. Ausgespart wird etwa auch die exponierte Rolle der Hamburger Wochenzeitung bei der publizistischen Begleitung der Flüchtlingskrise; über diese Berichterstattung hat sich di Lorenzo im Nachhinein ja selbstkritisch geäußert. Der strebsame „Vielarbeiter mit ostpreußischer Disziplin und italienischer Leidenschaft“ lässt sich in diesem Porträt nicht wirklich in die Karten schauen. In diesem Film über einen „Meister der Zwischentöne“, vermisst man insofern vor allem eines: Zwischentöne.

Am Ende gibt es dann doch noch einen Gänsehaut-Moment. Di Lorenzo führt das Kamerateam ins Büro von Helmut Schmidt (SPD), dem charismatischen Ex-Bundeskanzler und langjährigen Mitherausgeber der „Zeit“. In diesem Raum scheint die Zeit stillzustehen, offenbar hat dort niemand seit Schmidts Tod im Jahr 2015 etwas angetastet. Es entsteht der Eindruck wie in einem jener Horrorfilme, in denen Menschen das Zimmer eines verstorbenen Angehörigen nicht ausräumen, weil sie sich nicht von ihm trennen können. In diesem Sinne sitzt Giovanni di Lorenzo auf einem Stuhl, auf dem früher einmal Helmut Schmidt gesessen hat. Man ahnt, dass der Journalist von einem Gefühl von Unheimlichkeit heimgesucht wird. Ein Gefühl, das sich auf den Betrachter überträgt.

31.03.2019 – Manfred Riepe/MK