Michael Wech: Resistance Fighters – Die globale Antibiotika-Krise (Arte)

Eine sich anbahnende Katastrophe

29.03.2019 •

„Dieses Programm ist nicht geeignet für Kinder, Jugendliche und empfindsame Zuschauer“, informiert ein Insert vor Beginn des Films „Resistance Fighters – Die globale Antibiotika-Krise“. Denn es ist ein drastischer Film. Nicht so sehr in Bezug auf seine Bilder (da gäbe es zwar auch zwei, drei Sequenzen, einmal zum Beispiel einen abgetrennten Beinstumpf), sondern vor allem in Bezug auf seinen erschütternden Inhalt und die daraus folgenden tödlichen Konsequenzen. Der faktenreich recherchierte, spannende und beklemmende Dokumentarfilm von Michael Wech befasst sich mit der rapide wachsenden Zahl von Antibiotika-Resistenzen – eine höchst beunruhigende Tatsache, die für die Weltbevölkerung genauso bedrohlich ist wie Klimawandel und Terrorismus. Und die zur Todesursache Nummer 1 weltweit werden könnte, daran lassen die hier zahlreich versammelten Experten wie auch Prognosen der Vereinten Nationen (UN) keinen Zweifel. Die UN hatten im September 2016 eine Sonderversammlung zu dem Thema einberufen.

Demnach könnte die Menschheit schon in wenigen Jahrzehnten hinsichtlich der medizinischen Versorgung in vorindustrielle Zeiten zurückfallen. Dann nämlich, wenn auch die letzten Antibiotika, weil die Bakterien gegen sie resistent geworden sind, versagen sollten und die Menschen selbst an einfachen Infektionen sterben müssten. Dies beträfe die gesamte Medizin, schließlich werden Antibiotika zu einem großen Teil beispielsweise nach Operationen eingesetzt, um Entzündungen der OP-Wunde zu verhindern. Und es handelt sich um ein globales Problem, schließlich machen Bakterien nicht an Staatsgrenzen Halt. Ob es zu diesem „Armageddon“, wie es der britische Mikrobiologe Timothy Walsh hier einmal nennt, wirklich kommt? Er selbst, der seit 25 Jahren Antibiotika-Resistenzen erforscht, hat nicht allzu viel Hoffnung, dass die Menschen den Kampf gegen die Bakterien, die älteste Lebensform der Erde, gewinnen werden.

Ähnlich düster skizzieren auch die zahllosen anderen von Michael Wech befragten Bakterienforscher, Ärzte, Aktivisten und Journalisten in den USA, England, Deutschland, Bangladesch, China oder Vietnam die Lage. Von einem „Tsunami in Zeitlupe“, der „Bombe“, einer „globalen Krise“, einem „Krieg“ ist die Rede. Doch erscheinen diese dramatischen Aussagen weder reißerisch noch übertrieben, sondern sie wirken im Angesicht der Sprengkraft des Themas, ganz im Gegenteil, klarsichtig und realistisch.

Der deutsche Dialysearzt Gerd-Ludwig Meyer, ein Freund klarer Worte, nennt es ein „Verbrechen an der Menschheit“. Denn das Problem ist menschengemacht, durch Profitgier entstanden und wurde beispielsweise im US-Kongress über Jahrzehnte hinweg wider besseres Wissen ignoriert. Der Kongress in Washington hat unter Einfluss der amerikanischen Landwirtschaftslobby Anhörungen zu dem Thema 40 Jahre lang komplett blockiert, obwohl die ganze Zeit wissenschaftliche Erkenntnisse zu den Gefahren vorlagen.

Dass so viele Bakterien Resistenzen gegen Antibiotika entwickeln konnten, liegt vor allem am massiven Einsatz von Antibiotika in der Tiermast, wie der Film nachvollziehbar und aus diversen Perspektiven veranschaulicht. Dabei steht nicht zur Debatte, dass erwiesenermaßen kranken Tieren entsprechende Medikamente verabreicht werden können. Sondern das Problem hier ist der flächendeckende Einsatz von Antibiotika ohne jede medizinische Notwendigkeit, der allein dem Zweck der Wachstumsbeschleunigung bei den Tieren und der damit verbundenen Gewinnmaximierung dient.

Wech präsentiert in seinem sehr informativen und trotz der Fülle des Materials gut sortierten 90-minütigen Film unzählige Fakten, die den Zusammenhang belegen zwischen der maßlosen, wenig bis kaum regulierten Gabe von Antibiotika in der Massentierhaltung und der Entwicklung von Resistenzen bei zahlreichen Bakterienstämmen. Über das Fleisch selber, die Fäkalien der Tiere, die Abluft der Betriebe oder auch Stubenfliegen gelangen die Bakterien dann zu den Menschen. Ein Arzt in Dhaka (Bangladesh) berichtet, dass multiresistente Keime in seiner Klinik bereits heute ein tägliches und zumeist tödlich endendes Problem seien. Doch „Resistance Fighters“ (Produktion: Broadview Pictures) berichtet auch von diversen Fällen aus dem Westen, in denen die Ärzte (nahezu) machtlos waren gegenüber widerstandsfähigen Krankheitserregern. Der Titel des Films bezieht sich dabei auf all die Wissenschaftler, Ärzte und Aktivisten, die gegen diese für die Menschheit existenzielle Bedrohung kämpfen und die, allen Hindernissen und aller scheinbaren Aussichtlosigkeit zum Trotz, gegenzusteuern versuchen.

Es ist eine leise, eine schleichende und unsichtbare Gefahr, die dieser akribische und auch bildnerisch-atmosphärisch starke Film (Kamera: Johannes Imdahl, Sven Kiesche) über eine reale, sich allen bisherigen Anzeichen nach anbahnende Katastrophe aufzeigt Dem Umstand, dass diese Gefahr so abstrakt daherkommt und im medizinischen Fachbereich verborgen zu sein scheint, ist es wohl auch geschuldet, dass (bislang) kein großer Aufschrei und keine breite Mediendebatte zu dem brisanten Thema stattfinden. Man kann nur hoffen, dass sich das auch mit Hilfe dieses wichtigen Films, der hier Aufklärungsarbeit leistet, zumindest ein Stück weit ändert. Den vom ZDF für das Arte-Programm zugelieferten Film sahen 240.000 Zuschauer bei einem Marktanteil von 0,8 Prozent.

29.03.2019 – Katharina Zeckau/MK

Print-Ausgabe 8-9/2019

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