Friedemann Fromm: Die Freibadclique
(ARD/SWR/MDR/NDR/SR/Degeto)

Stimmiges Porträt einer verlorenen Generation

20.04.2018 •

20.04.2018 • Das Leben könnte kaum schöner sein. Eine Clique von männlichen Teenagern verbringt die Sommerferien im örtlichen Freibad. Man sitzt am Beckenrand, raucht, albert herum und wartet, bis die schöne Lore auftaucht. Eine langhaarige Blondine im knallroten Badeanzug, die den Jungs schon mal ein Lächeln zuwirft, wenn sie sich vom Zehner stürzen, um ihr zu imponieren. Gelegentlich über den Ort dröhnende Tiefflieger und uniformierte Soldaten im Freibad deuten indes an, dass diese Idylle keine ungetrübte ist.

Das Geschehen spielt in der schwäbischen Provinz im Jahr 1944 und im Radio wird vermeldet, dass der Führer einen „feigen Anschlag“ überlebt hat. Die fünf Jungs der Clique, allesamt Jahrgang 1929, haben keine Lust, sich im Endstadium eines längst verlorenen Krieges noch als Kanonenfutter verheizen zu lassen. Nicht zuletzt, weil es ihnen absurd vorkommt, das Leben zu verlieren, ohne auch nur ein einziges Mal Sex gehabt zu haben. Als sie dann doch noch zur Musterung einbestellt werden, geloben sie, sich jedenfalls nicht für die Waffen-SS zu melden. Dazu könne man schließlich nicht verpflichtet werden.

Aber die alten Regeln, so müssen sie erfahren, gelten im Sommer ’44 längst nicht mehr. Während des Kriegseinsatzes trennen sich die Wege der beiden Freunde und Hauptprotagonisten. Während Knuffke (Theo Trebs), was nicht zu verhindern war, zur SS an die Front geschickt wird, bleibt Onkel (Jonathan Berlin), wie er von allen genannt wird, in der Heimat, wo er mit dem Volkssturm und lächerlicher Bewaffnung den Vormarsch der US-Armee aufhalten soll. Doch schon bei der ersten Feindberührung macht sich Onkel aus dem Staub und schlägt sich durch, bis die Amerikaner kurz darauf einmarschieren. Irgendwann nach Kriegsende taucht auch Knuffke wieder auf. Er hat zwar ein Auge verloren, ist aber ansonsten bester Dinge. Er trägt jetzt Anzug, macht blühende, wenn auch nicht ganz legale Geschäfte mit den GIs und verkehrt in deren Clubs.

Der Spielfilm „Die Freibadclique“ (Produktion: Zieglerfilm Baden-Baden) ist eine Adaption des gleichnamigen, autobiografisch gefärbten Romans von Oliver Storz aus dem Jahr 2008. Storz, der drei Jahre später verstarb, war selbst mehrfach ausgezeichneter Filmregisseur („Drei Tage im April“), der sich in seinem umfangreichen Werk immer wieder mit dem Leben unter dem Nationalsozialismus in der Provinz auseinandergesetzt hat. Drehbuchautor und Regisseur Friedemann Fromm („Weissensee“, „Die Wölfe“) hat aus Storz’ Vorlage einen bemerkenswerten Film gemacht. Auch wenn der Krieg hier stets präsent ist, Bomber über die Kleinstadt fliegen und aufgeknüpfte deutsche Deserteure an Bäumen und Häusern hängen, handelt es sich nicht um einen klassischen (Anti-)Kriegsfilm. Anders als in Bernhard Wickis Klassiker „Die Brücke“ (1959) ist unter den Jugendlichen keiner, der noch an den „Endsieg“ glaubt oder Lust verspürt, zum Helden zu werden.

Der Krieg ist für die Mitglieder der Freibadclique nur, wie einer mal sagt, „dieser ganze Scheiß“. Ein Scheiß, der sie massiv daran hindert, ihr Leben zu leben. Und das ist für Teenager schließlich schon in Friedenszeiten kein Zuckerschlecken. Weit wichtiger als Fragen der Politik sind die nach dem Sex, wie beispielsweise die, ob es ein untrügliches Zeichen für den weiblichen Orgasmus ist, wenn die Frau zu schielen beginnt. Einzig Onkel könnte zu diesem Thema etwas beisteuern, hält sich aber vornehm zurück. Schließlich hat er sich von einer Kriegerwitwe verführen lassen. Fromm inszeniert die wortlose Kontaktaufnahme im Kino, wo aus den Lautsprechern die Propaganda-Phrasen der „Wochenschau“ dröhnen, als höchst sinnlichen Moment. Später, als Onkel mit ihr schläft, ruht der Blick der Frau die ganze Zeit auf einem Foto ihres verstorbenen Mannes in Uniform, das neben ihrem Bett auf dem Nachttisch steht. Er gibt romantischere Konstellationen für das erste Mal.

Ebenso eigenwillig wie eindrucksvoll nimmt sich die Bildgestaltung des Films aus (Kamera: Anton Klima). Die Szenen im Schwimmbad kommen in gleißendem Sonnenlicht daher und das Wasser ist so strahlend blau, dass man sich an die Swimmingpool-Bilder von David Hockney erinnert fühlt. Und wenn Onkel und Knuffke sich für ihren Tandem-Sprung vom Turm aufstellen, um Lores Blicke auf sich zu ziehen, scheinen sich ihre angespannten Körper auf pure Physis zu reduzieren. Die Versuche der beiden, ihre Sprünge nach Kriegsende wieder aufzunehmen, muten dagegen wie ein verzweifelter Versuch an, so zu tun, als sei in der Zwischenzeit nichts geschehen. Und statt die Befreiung in bunten Bildern zu feiern, verdunkelt sich der Film zusehends, beherrschen düstere Brauntöne das Bild. Von Euphorie weit und breit keine Spur. „Die Freibadclique“ (4,79 Mio Zuschauer, Marktanteil: 15,4 Prozent) ist ein stimmiges, sehr sehenswertes Porträt einer verlorenen Generation zwischen Aufbruch und Untergang mit zwei durchweg überzeugenden Hauptdarstellern.

20.04.2018 – Reinhard Lüke/MK