Hajo Seppelt/Grit Hartmann/Edmund Willison/Jürgen Kleinschnitger: Geheimsache Doping – Das Olympia-Komplott: Der scheinheilige Kampf gegen den Sportbetrug (ARD/WDR)

Anerkennung und Firlefanz

09.02.2018 • Die beim WDR angesiedelte ARD-Dopingredaktion, die Sportredaktion des Deutschlandfunks, die öffentlich-rechtliche schwedische Fernsehanstalt SVT, die britische Zeitung „Sunday Times“ und das Anfang 2018 gestartete Schweizer Online-Magazin Republik – sie alle waren beteiligt an dem Zustandekommen des Fernsehzweiteilers aus der Reihe „Geheimsache Doping“ (vgl. zuletzt diese MK-Kritik), den das Erste unter dem Titel „Das Olympia-Komplott: Der scheinheilige Kampf gegen den Sportbetrug“ am späten Abend des 29. Januar zeigte, zehn Tage vor Beginn der Olympischen Winterspiele 2018 im südkoreanischen Pyeongchang. Erst am Tag der Ausstrahlung hatte die ARD bekannt gegeben, die beiden Filme in einer Doppelfolge auszustrahlen. Der Doku-Zweiteiler entfaltete eine enorme Breitenwirkung – was auch an dem großen Netzwerk der an den Recherchen beteiligten Medien lag, die in ihrer Berichterstattung jeweils eigene Schwerpunkte setzten.

Als wichtigster Interviewpartner in dieser internationalen Gemeinschaftsproduktion erwies sich „Russlands derzeitiger Staatsfeind Nummer 1“, wie die Autoren der ARD ihn nannten: Grigori Rodschenkow, ehemals Leiter des Dopingkontroll-Labors in Moskau. 2014 bei den Olympischen Winterspielen in Sotschi spielte er – mit Wissen von Staatspräsident Wladimir Putin, wie der Ex-Laborchef sagt – eine zentrale Rolle beim Vertuschen des russischen Staatsdopings. Rodschenkow befindet sich derzeit in den USA in einem Zeugenschutzprogramm und hielt sich zumindest zum Zeitpunkt des Interviews für die TV-Produktion in einem Versteck auf, in dem es keinen Handy- und Internet-Empfang gibt, sondern in dem er nur über ein Festnetztelefon zu erreichen war. ARD-Autor Hajo Seppelt musste das Interview von einem Konferenzraum in New York aus führen, das hatte der Anwalt Rodschenkows kurzfristig verlangt.

Nachhaltiger wirkte indes ein Gespräch mit der früheren Fechterin Claudia Bokel, die von 2012 bis 2016 Vorsitzende der Athletenkommission und damit gleichzeitig Mitglied der Exekutive des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) war. Sie trat dafür ein, dass Russland von den Sommerspielen 2016 in Rio de Janeiro ausgeschlossen wird – und bezog damit eine andere Position als der deutsche IOC-Vorsitzende Thomas Bach. „Wie ist es, wenn man sich gegen Thomas Bach stellt?“, will Seppelt von ihr wissen. Sie antwortet: „Ich stelle mich nicht für oder gegen jemanden, sondern für oder gegen eine Sache.“ Bokel, eine erfahrene Funktionärin (sie ist Präsidentin des Deutschen Fechterbundes und Mitglied im ZDF-Fernsehrat), wirkt aufgewühlt, geradezu verängstigt. So agieren vor der Kamera sonst nur Menschen, die aus einer extremen Organisation ausgestiegen sind und noch darüber grübeln, ob es wirklich so eine gute Idee ist, sich in der Öffentlichkeit zu äußern.

Hier hat die zweiteilige Dokumentation eine reizvolle Leerstelle. Über die Gründe zu spekulieren für Thomas Bachs „Kotau gegenüber Russland“, wie es der Sportpolitikveteran Walther Tröger im ersten Teil formuliert, verbietet sich für die Filmemacher. Sie begäben sich damit auf journalistisch und vielleicht auch, zumal sie es bei der Person Bach mit einem Juristen zu tun haben, rechtlich heikles Terrain. Doch sie liefern dem Zuschauer genügend Anhaltspunkte, damit er sich dazu ein Bild machen kann.

Der Unterschied zwischen den beiden Teilen dieses „Geheimsache-Doping“-Zweiteilers besteht grob gesagt darin, dass der erste Enthüllungen zur jüngeren Vergangenheit liefert, während sich der zweite in gegenwärtige Vorgänge einmischt. In diesem zweiten Teil von „Das Olympia-Komplott“ schleusen die Filmemacher bei einem Schweizer Mediziner, der schon lange verdächtigt wird, Dopingmittel zu verkaufen, einen verdeckten Rechercheur ein. Außerdem gelingt Seppelt und seinem Team der Nachweis, dass die im – vermeintlichen – Kampf für einen sauberen Sport genutzten Flaschen, in die die Olympia-Teilnehmer Urin abgeben müssen, als Beweismittel untauglich sind: Jeder, der ein Interesse daran hat, diese Proben zu manipulieren, kann die kleinen Flaschen öffnen, ohne dass dies nachweisbar wäre.

Offenbar war es für diesen Zweiteiler noch schwieriger, Bilder zu finden, als es sonst beim Thema Doping der Fall ist. Dieses Mal ist nicht nur Hajo Seppelt, der renommierteste unter den vier Filmemachern, sehr oft zu sehen (vor dem Computer, vor dem Laptop, vor ausgedruckten Dokumenten an der Büro-Glaswand), auch seine Koautoren rücken sich manchmal ins Bild, mehrmals zum Beispiel Grit Hartmann. Die Fragen, vor denen die Autoren standen, lauteten: Wie lassen sich Beweise fürs systemische Vertuschen von Doping bebildern? Wie geht man damit um, dass ein zentrales Interview nur per Telefon geführt werden konnte? Wie setzt man auf bestmögliche Weise einen Haufen brisanter Dokumente zum russischen Staatsdoping ins Bild, in denen es nur so wimmelt von prägnanten Formulierungen à la „Sportler waren verpflichtet, sauberen eingefrorenen Ersatz-Urin rund um die Uhr jeden Tag bereitzuhalten“ (bezogen auf die Sommerspiele 2012 in London)?

Man darf, was die Verwendung aus der Not geborener Bilder angeht, also eine gewisse Nachsicht walten lassen. Nachvollziehbar ist zum Beispiel eine Passage, in der das Vertauschen von Urinproben nachgestellt wird. Es ist auch legitim, dass man ausprobiert, die Darstellung von Dokumenten grafisch aufzulockern und den Ton dabei auf verschiedene Weise zu verfremden. Die Art, wie das im Zweiteiler „Das Olympia-Komplott“ geschah, untermauerte aber eher den Eindruck, dass eine nüchterne, altmodische Präsentation von Dokumenten oft effizienter ist als eine besonders effektvolle.

Bei einigen anderen Ideen handelte es sich aber um nichts als Mätzchen. Muss man mehrere Sekunden lang das Textaufnahme-Symbol eines Smartphones zeigen? Muss man die Information, dass zwischenzeitlich der Kontakt zum Informanten Rodschenkow abgebrochen war, damit illustrieren, dass man Seppelt zum Smartphone greifen und den Anruf dann ins Leere gehen lässt? Noch komischer: Nachdem Seppelt die Zuschauer über einen Anruf von Rodschenkows Anwalt in Kenntnis gesetzt hat, ist gleich darauf Seppelt am Handy zu sehen. „Where do I have to go?“, spricht er in den Apparat. In dieser Szene darf der Investigativjournalist mal wieder seine schauspielerischen Fähigkeiten beweisen; es ist beileibe nicht die einzige.

Wie immer bei Dokumentationen, in denen Hajo Seppelt eine tragende Rolle spielt, ist es also äußerst schwierig, ein Gesamturteil zu fällen. Der Sendezeit vergeudende Firlefanz fällt wieder negativ ins Gewicht. Dennoch ist es anerkennenswert, dass es dem Team um Seppelt hier erneut gelingt, maßgebliche Informanten zum Gespräch zu bewegen oder von ihnen Dokumente zur Verfügung gestellt zu bekommen. Dieses Vertrauen muss man sich immer wieder aufs Neue erarbeiten, so banal das klingen mag.

09.02.2018 – René Martens/MK

Print-Ausgabe 16/2018

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