Volker Schlöndorff: Der namenlose Tag (ZDF)

Zonen existenzieller Verdunkelung

12.02.2018 • Wenn Filmemacher, die ihre Sensibilität und ihren Stil im Kino ausgebildet haben, fürs Fernsehen arbeiten, entstehen oft erfreulich eigenwillige Werke, die sich erzählerisch und visuell deutlich vom Fernsehfilm-Durchschnitt abheben. Die Bilder sind präziser komponiert, die Wahrnehmung der Körper und Räume ist sinnlicher, physischer, direkter. Hans-Christian Schmid demonstrierte das jüngst souverän mit seinem ARD-Vierteiler „Das Verschwinden“ (vgl. MK-Kritik). Und in Volker Schlöndorffs ZDF-Film „Der namenlose Tag“ (Produktion: Provobis) erkennt man schon in den ersten Minuten, dass hier kein handelsüblicher Fernsehkrimi mit witzelnden Ermittlern und einer banalen Whodunit-Logik abgespult, sondern ein vielschichtiges Drama atmosphärisch dicht präsentiert wird.

Die Bilder flirren und flackern wie Erinnerungs- oder Traumbilder. Einerseits erzählen sie nüchtern, erscheinen zugleich aber wie innere Gesichter oder Rätselbilder. Ein weißer Vorhang, der durch ein offenes Fenster weht. Eine dunkle Gestalt, die eine Allee einsam durchwandert. Die Gestalt entpuppt sich tatsächlich als die Silhouette eines düsteren Schicksalsboten. In der Talsenke hinter der Allee erahnt man die Stadt. Es ist Erfurt. Die Romanvorlage für diese Fernsehproduktion, der gleichnamige Krimi-Bestseller von Friedrich Ani, spielt in München. Doch Schlöndorff, der auf der Basis von Anis Vorlage das Drehbuch geschrieben hat, siedelt die Story in Erfurt an und erkundet die Stadt als labyrinthischen Ort schroffer Kontraste. Hier der altehrwürdige Dom, dort triste Vorstadtsiedlungen.

Volker Schlöndorff, der im nächsten Jahr seinen 80. Geburtstag feiert, zählt zu den Galionsfiguren des Neuen Deutschen Films. Berühmt gemacht haben ihn seine Kinoadaptionen großer Literatur. Er verfilmte Romane von Günter Grass, Robert Musil, Marcel Proust, Max Frisch. Nach seinem Regiedebüt mit der Musil-Adaption „Der junge Törless“ (1966) spielte er in seinem zweiten Spielfilm, dem Krimi „Mord und Totschlag“ (1967), raffiniert mit den Genremustern. Genau das tut Schlöndorff auch in „Der namenlose Tag“, seinem nunmehr 30. Spielfilm. Zwei Todesfälle wollen geklärt werden, aber wichtiger als die Ermittlungen ist das Eintauchen in Zonen existenzieller Verdunkelung.

Im Zentrum steht ein seit zwei Monaten pensionierter und als „Todesbote“ titulierter Kommissar (Thomas Thieme), dessen Spezialität die Übermittlung von Todesnachrichten war. Sein Standardsatz lautet: „Mein Name ist Jakob Franck, ich bin Kriminalbeamter, ich muss ihnen eine sehr traurige Nachricht überbringen.“ Auch jetzt im Ruhestand wird er noch bisweilen losgeschickt, weil die unerfahrenen Kollegen im Kommissariat bei der Überbringung der traurigen Nachrichten nur „mit plumper Nüchternheit oder falscher Anteilnahme“ vorgehen. Ex-Kommissar Franck hingegen weiß, wie man einfühlsam Hiobsbotschaften überbringt. Er nimmt Anteil, ohne aufdringlich zu sein, und hat gelernt, seiner Intuition mehr zu vertrauen als vorschriftsgemäßer Ermittlerlogik. Er legt sich auf den Rücken und entdeckt in den Schattenspielen an der Zimmerdecke die entscheidenden Hinweise. Auch jetzt, wenn ihn ein Fall aus der Vergangenheit wieder einholt. Vor zwei Jahren hatte sich im Stadtpark eine 17-jährige Schülerin erhängt. Jedenfalls war „Selbstmord“ die offizielle Version, an die Franck aber nicht glaubte. Nun taucht der Vater des Mädchens auf und überbringt die Nachricht, dass auch seine Ehefrau sich erhängt habe. Deshalb macht der Kommissar im Ruhestand sich daran, „einen toten Fall zum Leben zu erwecken“.

In manchen Momenten stilisiert Schlöndorff den „Todesboten“ Franck allzu melancholisch als „einsamen Wolf“, so dass seinen Ermittlungen der innere Antrieb abhandenkommt. Auch fällt es Devid Striesow ungewöhnlich schwer, die Verzweiflung des vom Schicksal schwer geschlagenen Familienvaters facettenreich umzusetzen. Doch das sind inszenatorische Schwachstellen, die insgesamt nicht besonders ins Gewicht fallen, weil vor allem die Frauenfiguren überzeugend und packend dargestellt werden und die atmosphärisch überzeugende Kraft der Bilder stark hervortritt. Im Kern wird erzählt, wie ein kleinbürgerlicher Familienvater von seinen Statusbemühungen (Einfamilienhaus am Stadtrand) derart absorbiert wird, dass er die Menschen, die ihm nahestehen, gar nicht mehr in ihrer eigenwilligen Lebendigkeit wahrnehmen kann. „Der namenlose Tag“, vom ZDF auf dem Montagssendeplatz „Der Fernsehfilm der Woche“ ausgestrahlt, hatte 5,85 Mio Zuschauer und einen Marktanteil von 18,0 Prozent.

12.02.2018 – Rainer Gansera/MK