Oliver Kienle/Jana Burbach/Jan Galli/Christian Schwochow: Bad Banks. 6‑teilige Serie (Arte/ZDF)

Im Wettlauf mit der Zeit

26.03.2018 • Frankfurt am Main. Das Bankenviertel. Vor dem Geldautomaten der Bank Deutsche Global Invest bilden sich lange Schlangen. Die Menschen sind erregt, verängstigt. Höchstbeträge werden abgehoben. Dann ist die Maschine leer. Eine Gestalt in schwarzem Kapuzenpullover passiert die Gruppe. Polizei und Krankenwagen rauschen vorüber. Vermummte errichten Barrikaden, zünden Feuerwerkskörper. Die verhüllte Person, immer von hinten gefilmt, durchschreitet die Fronten, gänzlich unbehelligt, als trüge sie eine Tarnkappe. Dabei ist sie es, die den Aufruhr verursacht hat.

Schließlich sieht man die Gestalt von vorn. Eine junge Frau, die von einem Mitstreiter über den Hintereingang in die Bank geschleust wird. In den Fluren Zeichen der Auflösung. Papiere liegen auf dem Boden. Die Frau sucht etwas, findet es nicht, schickt an jemandem per SMS eine Nachricht. Ein Mann tritt aus einem der Büros. „Wofür?“, fragt er. Und brüllt: „Wofür, Jana?“ Jana Liekam (Paula Beer) schürzt trotzig die Lippen, dann rennt sie davon. Im Hintergrund flimmert ein Fernseher. Die Nachrichten. Der Bundesfinanzminister ruft dazu auf, den Banken zu vertrauen: „Ihr Geld ist sicher.“

Nicht von ungefähr erinnert diese Pre-Title-Sequenz in ihrer Machart an einen Imagefilm. An den eines deutschen Geldinstituts, einen Werbespot, in dem eine junge Kapuzenträgerin durch Frankfurt zu ihrem Arbeitsplatz joggt. Damit setzt das aus Headwriter Oliver Kienle, Jana Burbach und Jan Galli bestehende Autorenteam gleich zu Beginn ein Signal. Das Werbezitat und das Politikerwort, so ähnlich gefallen im Rahmen der realen Bankenkrise, die unwirkliche Art, wie Jana Liekam geradewegs Demonstranten und Polizeilinien durchschreitet, sprechende Namen wie Schultheiß, Fenger, Pohl, der symbolträchtige Umstand, dass ein Bankenaufseher körperlich behindert ist – all diese Dinge können als Signale gelesen werden: Die Geschichte hier bewegt sich jenseits der Realität, die Handlung ist zugespitzt, partiell überdreht, nicht frei von spekulativen Momenten.

Erzählt wird in der Serie „Bad Banks“ (Regie: Christian Schwochow) vom Aufstieg der Bankangestellten Jana Liekam (Paula Beer). In Luxemburg arbeitet sie als Assistentin des Investment-Spezialisten Luc Jacoby (Marc Limpach), macht im Grunde dessen Arbeit, während er als Verkäufer auftritt und ein Playboy-Leben führt. Vor einer Dienstreise nach Brüssel muss sie ihn aus einem Obdachlosenasyl abholen, wo er wegen Drogenvergehens Sozialstunden ableistet. Weil er unterwegs lieber schläft, statt sich auf Geschäftstreffen vorzubereiten, ist es Jana, die die Kunden überzeugt. Was Luc ihr prompt verübelt. Er lässt sie kurzerhand in Brüssel sitzen. Als sie in Luxemburg ankommt, wartet schon der Sicherheitsdienst auf sie, um sie gleich wieder hinauszueskortieren. Luc Jacoby, Sohn des Vorstandsvorsitzenden, hat, so scheint es, aus Rache ihre Kündigung veranlasst.

Jana Liekam aber entwischt ihren Aufpassern, dringt ins Büro von Geschäftsführerin Christelle Leblanc (Désirée Nosbusch) vor und verlangt, den Tränen nah, Auskunft darüber, warum sie ihren Posten in der Bank räumen soll. Die Chefin durchschaut die Hintergründe, hält zwar die Entlassung aufrecht, wird aber Janas Mentorin: Sie schleust ihren Schützling bei der Deutschen Global Invest ein, einem Konkurrenzunternehmen. Jana ist dankbar dafür. Noch weiß sie nicht, dass sie für Christelle Leblanc spionieren soll.

In Frankfurt trifft Jana auf ihren neuen Abteilungsleiter Gabriël Fenger (Barry Atsma). Der ist bekannt für seine risikofreudige Anlagepolitik. Der Geschäftsführung der Deutschen Global Invest schien er genau der Richtige, um dem kriselnden Institut zu alter Größe zu verhelfen. Eingeführt hat er sich mit einer dieser anfeuernden Reden, der noch viele folgen werden, gespickt mit englischen Begriffen und herausgebelferten Imperativen wie: „Let’s talk the work, men!“ Oder: „Be hungry, be aggressive, be ambitious, guys. Work with your heart!“

Von Herz im Sinne von Barmherzigkeit kann hier nicht die Rede sein und auch der Verstand scheint auszusetzen, denn die Belegschaft lässt sich vom inhaltsfreien Wortgewölle mitreißen. Sein ausgeprägtes Charisma ist das Kapital dieses Mannes und es beeindruckt auch Jana Liekam. Fenger erteilt ihr einen Auftrag: Sie soll das für ihren früheren Arbeitgeber entwickelte Anlageprojekt verbessern und Luc Jacoby ausstechen. Wenn das Manöver gelingt, winkt eine Festanstellung. Sie bekommt wie gewünscht ein Team zugeteilt. Den Kundenbetreuer Adam Pohl, den Mathematiker Shantimay und Thao Hoang, die sich selbst schon an Liekams Stelle gesehen hatte. Die Bank stellt Jana eine Luxuswohnung zur Verfügung. Zwei Etagen in einem Glaspalast, mit Blick auf Frankfurts Bankentürme.

Jana Liekam bewährt sich. Mit Kompetenz, aber auch mit faulen Tricks. Eine Vorwegnahme dessen, was kommen wird. Christelle Leblanc hatte es der Novizin schon erklärt: Es gebe keine Loyalität in dieser Branche. Jana begreift schnell – und passt sich an. Jeder hier verfolgt, von Gier und Machthunger getrieben, eigene Interessen.

In der sechsteiligen, zunächst am 1. und 2. März bei Arte ausgestrahlten und dann vom 3. bis 5. März mit jeweils zwei Folgen im ZDF gesendeten Serie, die auf eine Idee der Produzentin Lisa Blumenberg zurückgeht, klingen die Bankenskandale der letzten Jahre an, jene hochriskanten Geschäfte mit krankenden Krediten und waghalsigen Spekulationen. Den Zynismus dieses Treibens pointieren die Autoren in einer Szene, in der Jana und ihre Kollegen außer sich vor Freude sind über ein kalifornisches Erdbeben, weil dessen fatale Auswirkungen ihren Mitbewerber in Verlegenheit bringen.

Angesichts dieser Kaltschnäuzigkeit verwundert Janas zuweilen plötzlich ausbrechende Verletzlichkeit. Fühlt sie sich ungerecht behandelt, kommen ihr die Tränen, gerät sie unter Druck, erleidet sie heftige Panikattacken. Auch hier zeigt sich unverkennbar: Diese Erzählung ist ein sehr cleveres, dramaturgisch durchdachtes Konstrukt, das auf Emotionen abzielt und durchsetzt ist mit Konzessionen an das Unterhaltungsfernsehen. Wenn der Prüfer der Bankenaufsicht im Auftrag des intriganten Finanzvorstands Quirin Sydow (Tobias Moretti) von einem osteuropäischen Callgirl angeflirtet und letztendlich auch verführt wird, wenn sich die einerseits hochkompetente, andererseits vor dem autoritären Vater kuschende Thao Hoang eine wüste Sex-Eskapade mit einem Oberschüler leistet und nach einer schmerzlichen Zurückweisung zur Stalkerin wird, dann wird überdeutlich spürbar, dass die im Grunde trockene und abstrakte Materie des Investment-Bankings hier publikumswirksam aufgepeppt werden sollte.

Der Hollywood-Film „Wall Street“ von 1987 steht als Modell im Hintergrund. Wie der dort von Charlie Sheen gespielte Bud Fox ist Jana Liekam eine soziale Aufsteigerin, ihr unmittelbarer Auftraggeber ein charismatischer Verführer. Doch anders als Gordon Gekko in „Wall Street“ wird sein Pendant Gabriël Fenger in „Bad Banks“ selbst zum Opfer. Der siegessichere Manager muss erfahren, dass er hereingelegt wurde, dass er als Prügelknabe dienen soll für eine Bilanzmanipulation der Deutschen Global Invest – eine Schwachstelle, die Jana zu nutzen wissen wird.

An „Wall Street“ angelehnt scheint in „Bad Banks“ auch die Bildgestaltung von Frank Lamm, der mit einer agilen Handkamera selbst in Büroräumen Dynamik zu schaffen versteht, wo optisch öde Vorgänge wie mathematische Berechnungen, Vertragsprüfungen, Kursbeobachtungen visualisiert werden müssen. Das alles ist bis hin zur Tonmischung, einer Sinfonie aus Vorder- und Hintergrundgeräuschen, mit höchster Sorgfalt inszeniert. Bemerkenswert auch das Augenmerk auf zeitliche Abläufe, in anderen Serien und Fernsehfilmen oft sträflich vernachlässigt. Die Autoren behelfen sich des öfteren mit – meist nächtlichen – Autofahrten, um die Szenenfolgen zeitgenau anordnen zu können. Da obliegt es Hauptdarstellerin Paula Beer, am Steuer sitzend, schweigend, allein durch ihr Mienenspiel Janas Bewusstseinszustand zu vermitteln. Je nach Stand der Handlung Tatendrang, Euphorie, Zweifel, Verärgerung, Enttäuschung. Manchmal mehreres davon gleichzeitig. Eine beeindruckende Leistung.

Doch das Lob für die schauspielerischen Beiträge sollte sich nicht auf die Hauptdarsteller konzentrieren. Im Gegenteil. Neben einigen präzise und nuanciert aufspielenden Nebendarstellern wie Mai Duong Kieu und Hadi Khanjanpour wirken gerade die namhaften Stars, darunter Tobias Moretti und Jean-Marc Barr, bestenfalls und in weniger gutem Sinne routiniert. „Bad Banks“ (Letterbox Filmproduktion und Iris Productions) ist eine süffige, an europäischen Schauplätzen mit internationalem Personal gedrehte Soap, vom Aufwand her auf Premium-Niveau, aber ohne jene dramaturgische Tiefe und subtilen Figurenzeichnungen, die die Serie über den Durchschnitt heben würden. Unterhaltungswert und Spannung bezieht die eher aktions- als charakterbetonte Produktion aus dem schlichten, auf mehreren Ebenen durchgespielten Mechanismus, dass sich die Protagonisten beinahe unausgesetzt im Wettlauf mit der Zeit befinden. Im Fall des Leipziger Bürgermeisters Schultheiß (Jörg Schüttauf) rangiert dieser Handlungsmotor am Rande des guten Geschmacks: Der Lokalpolitiker ist schwer krebskrank und möchte vor seinem absehbaren Tod noch ein Vier-Milliarden-Euro-Bauprojekt abgesichert wissen.

Zu kurz kommen bei all dem, anders als im erwähnten Hollywood-Film „Wall Street“ oder beispielsweise auch in der ZDF-Produktion „Der Bankraub“ (vgl. MK-Kritik), die Opfer der dubiosen, rücksichtslosen Finanzgeschäfte. Denn die Bankiers spielen – klugerweise – nicht mit ihrem eigenen Geld. Wenn die Betroffenen überhaupt ins Bild genommen werden, dienen sie wie in der Eröffnungssequenz nur als Staffage. Mitleid erntet eher noch die Hauptfigur Jana Liekam. Weil sie sich, durchaus willig, in den schwindelerregenden Kreisel aus Risikogeschäften, luxuriösem Lebensstil und hedonistischen Exzessen ziehen lässt, verliert sie ihren Lebensgefährten und die innig geliebte Stieftochter. Was Jana nicht hindert, in der gewohnten Weise – draufgängerisch, erfolgshungrig, nimmersatt – weiterzumachen. Stoff für eine Fortsetzung. In den letzten Szenen der ersten Staffel ist sie bereits angelegt. Und wird nach Angaben des ZDF auch kommen.

26.03.2018 – Harald Keller/MK

Print-Ausgabe 23/2018

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