Niels Borchert Holm: Die FIFA-Familie – Eine skandalöse Liebesgeschichte (Arte)

Aus der Schlüsselloch-Perspektive

10.03.2018 • „Ich habe noch nie Männer so schnell rennen sehen“, erklärt Mary Lynn Blanks. Mit diesen Worten beschreibt sie ihre erste Erfahrung mit einem Fußballspiel. Sie besuchte damals nicht irgendein Stadion, sondern kein geringeres als das Estadio Santiago Bernabéu, in dem Real Madrid seine Heimspiele austrägt. Was für Fans ein Heiligtum darstellt, erschien in den Augen dieser naiven Betrachterin aus den USA, wo Fußball kaum eine Rolle spielt, als skurriles Event. Die Schauspielerin Mary Lynn Blanks hatte eigentlich keine Affinität zu diesem Sport. Aber dann wurde sie die langjährige Lebensgefährtin von Chuck Blazer, der von 1996 bis 2013 Mitglied im Exekutivkomitee des Weltfußballverbandes FIFA war.

Die etwas schräge Perspektive auf das Phänomen Fußball ist das große Plus der erfrischenden Sportdokumentation „Die FIFA-Familie – Eine skandalöse Liebesgeschichte“, die Niels Borchert Holm ursprünglich für das öffentlich-rechtliche dänische Fernsehprogramm DR 2 herstellte und die nun über die redaktionelle Einbringung durch das ZDF von Arte ausgestrahlt wurde. Grundsätzlich neue Erkenntnisse etwa über die Bestechung bei der heftig umstrittenen Vergabe der Fußball-WM 2022 an Katar liefert der dänische TV-Autor zwar nicht; das ist auch nicht seine Hauptzielrichtung. Mit seinem Porträt über den im Juli 2017 verstorbenen Selfmade-Man Chuck Blazer, das für den US-amerikanischen Fußballfunktionär wenig schmeichelhaft ausfällt, gelingt Borchert Holm jedoch ein aufschlussreicher Blick hinter die Kulissen des mächtigen Verbandes und auf dessen Machenschaften. Mary Lynn Blanks fungiert dabei als eine Art Kronzeugin.

Aus den Erzählungen seiner Gefährtin ist zu erfahren, dass Blazer im Gegensatz zu den meisten anderen Spitzenfunktionären der FIFA tatsächlich nie etwas mit aktivem Fußball oder der ernsthaften Ausübung eines Traineramts zu tun hatte. Dank seines Instinkts für die Geschäfte, die sich mit diesem Sport machen ließen, wurde er jedoch Mitglied der „FIFA-Familie“ mit ihrem damaligen Oberhaupt Sepp Blatter (Verbandspräsident von 1998 bis 2015). Im Schnelldurchlauf zeichnet der rund 60-minütige Film nach, dass im Zuge des Kommerzialisierungsschubs seit den 1990er Jahren immer größere Summen in die Kassen der FIFA gespült wurden.

Wie dies im Detail funktioniert, erklärt beispielsweise Phaedra Almajid, die damalige Medienkoordinatorin der WM-Bewerbung Katars. Vor der Kamera schildert sie, was man ohnehin vermutete: dass hier bestochen wurde. Ein enger Mitarbeiter von Katars FIFA-Mitglied Mohamed bin Hammam kaufte in einem Hotel in Luanda (Angola) mit jeweils 1,5 Mio Dollar die Stimmen von drei afrikanischen FIFA-Mitgliedern, die dann für die Vergabe an Katar votierten. Für Sportjournalisten ist Hammam kein Unbekannter. Im Jahr 2002, also zwei Jahre nach der Vergabe der WM 2006 an Deutschland, erhielt er 6,7 Mio Euro deutscher Provenienz. Für Phaedra Almajid ist ein solcher Stimmenkauf, wie ihn auch Katar praktizierte, ein in der FIFA gängiges Prozedere: „Ich glaube nicht, dass sie irgendetwas anders gemacht haben als andere.“

Der Film macht deutlich, dass diese Geschäfte lange Zeit reibungslos funktionierten, weil die „Familie“ des Weltfußballverbandes zusammenhielt wie die Mafia. „Die FIFA ist wie die ‘Sopranos’ – nur mit schlechteren Menschen“, erklärt ein Insider. Der Film zeigt daraufhin, dass es ab 2013 zur großen Erschütterung kam, weil die FIFA eine Schwachstelle hatte – Chuck Blazer. Niels Borchert Holm führt vor Augen, dass der Funktionär aus den USA nicht nur nichts mit Fußball am Hut hatte; auch seine Bestechungsgelder schleuste er so stümperhaft an der Steuer vorbei, dass das FBI ihm auf die Schliche kam und ihn somit unter Druck setzen konnte. Blazer willigte daraufhin ein, andere FIFA-Mitglieder auszuspionieren, während die amerikanische Bundespolizei mit einem versteckten Mikrofon mithörte. Das alles ist mehr oder weniger bekannt.

Nicht wirklich neu ist auch, dass Frankreichs ehemaliger Staatspräsident Nicolas Sarkozy seinem Intimfreund Michel Platini, seinerzeit Chef des europäischen Fußballverbandes UEFA, die Vergabe der WM 2022 nach Katar nahegelegt haben soll. Als Gegenleistung würde der Wüstenstaat Flugzeuge von der Grande Nation kaufen und den Auftrag für den Bau der Stadien an französische Firmen vergeben.

Sehenswert ist diese Dokumentation insbesondere, weil sie dank der ebenso unbedarften wie aufschlussreichen Schilderungen von Mary Lynn Blanks quasi durch die Schlüsselloch-Perspektive einen Blick auf das feudale Innenleben der FIFA-Spitze ermöglicht. Dabei geht es nicht allein um die Praxis der Korruption und die obszöne Form der Geldverschwendung. So erzählt Blanks unter anderem, dass Blazer im Trump Tower eine eigene Wohnung nur für seine zwei Katzen angemietet hatte.

Der Film „Die FIFA-Familie“ ermöglicht vor allem den Blick auf eine ungute Kombination aus Geldgier und buchstäblicher Unsportlichkeit. Denn nur ein Mann wie Chuck Blazer, der bereits durch seine physische Erscheinung signalisierte, wie wenig ihm persönlich an Leibesertüchtigung lag, konnte es dulden, dass Spitzenfußballer aus aller Welt im Jahr 2022 in Katar, wo es nicht einmal eine Fußball-Liga gibt, bei mörderischen 50 Grad Celsius über den Rasen hecheln müssen. Mary Lynn Blanks würde wahrscheinlich auffallen, dass die Männer dabei nicht ganz so schnell rennen.

10.03.2018 – Manfred Riepe/MK

Print-Ausgabe 23/2018

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