Torsten Striegnitz/Simone Dobmeier: Mein Berlin – 28 Jahre mit und ohne Mauer (RBB Fernsehen)

Kalenderfühlige Fingerspitzen

09.02.2018 • Da ist den Berlinern, dem RBB, ein kleiner Bewusstseinscoup gelungen. Sogar die ARD-„Tagesschau“ meldete in ihrer 20.00-Uhr-Ausgabe ein Faktum, ein Datum, das symmetriebeflissene Geschichtsfreunde oder sagen wir PR-Strategen oder sagen wir Zäsuren-Besserwisser ersonnen haben. Die „Tagesschau“ berichtete am 5. Februar zu der verwirrenden Einblendung „Berlin feiert ‘Zirkeltag‘. Mauerbau doppelt so lange her wie Mauerfall“ von einem Ereignis, von dem man gar nicht angenommen hatte, dass es ein Ereignis sei.

Möglicherweise war dieses Ereignis auch nur die mediale Simulation eines Ereignisses. Aber während man sich als Zuschauer einerseits noch fragte, was diese Schlagzeile denn nun bedeutet und bevor man sich darüber zu ärgern anfing, dass die „Tagesschau“ über designte Ereignisse berichtet, begann zum Glück im Dritten Programm RBB Fernsehen eine historische Reportage von Torsten Striegnitz und Simone Dobmeier, die sich des Nichtereignisses auf so wundervolle Weise annahm, dass man froh war, dass sich jemand dieses Nichtereignis aus den kalenderfühligen Fingerspitzen gesogen hatte.

Am 5. Februar 2018 war es 28 Jahre und 88 Tage her, dass die Mauer gefallen war und genauso lange stand die Mauer von 1961 bis 1989, 28 Jahre und 88 Tage. Das ist in diesem Fall der Zirkeltag. Die beiden Autoren machten sich in ihrem Film auf die Suche nach dem besonderen Mauer- und Berlin-Gefühl, mit und ohne Mauer, mit Zeitzeugen, die die Mauer erlebt haben, und mit solchen, die die Mauer nur als Medienbild oder Familienerzählung kennen. Es traten auf: eine Amerikanerin, die in Berlin arbeitet, ein West-Berliner Zollbeamter, der an der deutsch-deutschen Grenze Dienst tat, eine ältere West-Berlinerin, die die Grenze hautnah erlebte, der Pfarrer der Versöhnungskirche/Ost, ein Ost-Berliner Kleingärtner, eine türkisch stämmige West-Berlinerin, die mit sieben Jahren nach Berlin zog, eine palästinensische Weddingerin, die Berlin ohne Mauer erlebte, Toni Krahl, der Sänger der Band „City“ („Die Stadt war wie eine Hafenstadt, die Mauer war das Meer“), Romy Haag, die Travestiekünstlerin, und eine Ost-Berliner Radiomoderatorin.

Jede dieser Personen hatte ein eigenes Berlingefühl, jeder beleuchtete bestimmte Etappen, jeder von ihnen sprach Berlin eine eigene Liebeserklärung aus, jeder hatte eine eigene biografische Nähe oder Distanz zur Mauer. Liz, die Amerikanerin, attestierte den Berlinern Geschichtsbewusstsein und Geisterpräsenz: „Jede Stadt hat ihre Geister, aber in Berlin spürt man die Geister noch.“ Die Reportage verband die Interviewpassagen mit ingeniösen Stadtbildern, die einerseits das Gesagte illuminierten, die aber andererseits eine poetische Eigenständigkeit behaupteten und von großer Orts- und Stadtrhythmus-Kunde zeugten.

Die meisten Berlin-Filme oder auch -Serien – siehe zuletzt „Berlin Station“ bei Netflix – haben kein Gespür für subkutane Schwingungen und Bilder; hier war dieses Ortskundegefühl reichlich vorhanden. Auch der Text, sehr bewusst komponierte und literarisch geschulte Schnoddrigkeit (kongenial von Boris Aljinovic gestaltet), traf Bewohner, Ton, Ort und das Zwischen-den-Zeiten-Gefühl. Den beiden Autoren gelang eine mitreißende Montage, die souverän zwischen Archivbild, Interviewszenen und Neudrehs vermittelte und dem Zuschauer den Eindruck aufdrängte, hinter diesen Geschichten liegen tausend andere, die auch erzählt hätten werden können. Die Dichte der Narration – es war ein bewegtes Geschichtsgewimmel, keine zu vereinheitlichende Berlin-Empfindung – ist sicher auch das Verdienst von Kameramann Falco Seliger, der Berlin in seiner grandiosen Tristesse und seiner tristen Grandiosität einfing und auch in kleinen Arrangements große Bilder entdeckte. Ach…ach…und nicht zuletzt trug die flattrig-melancholische Musik von Masha Qrella (ihre Texte griffen auf Gedichte von Heiner Müller und Thomas Brasch zurück) dazu bei, dass man sich wünschte, dieser Film möge mehr als 45 Minuten bleiben, begleiten, das eigene historische Bewusstsein kitzeln, animieren.

Und die Mauer? Ging es nicht um die Mauer? Doch, schon, aber nicht im konventionellen Fernsehhistorie-Gewand, vielmehr ging es hier um emotionale und psychische Grenzverläufe und Grenzbildungen, es ging um Herzgewächse aus deutsch-deutschem Stein und Stacheldraht, es ging um die Mauer als Mentalitätsstempel und globale Signatur im kleinen, kleinsten Leben. Alle Zeichen und Zeilen spenden reichlich Beifall für diesen Film.

09.02.2018 – Torsten Körner/MK

Print-Ausgabe 13/2018

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