Das Ding des Jahres. 6-teilige Erfindershow mit Lena Gercke, Joko Winterscheidt und Hans-Jürgen Moog, Moderation: Janin Ullmann (Pro Sieben)

Marktwirtschaft frisst Unterhaltung

21.02.2018 • In der Nacht vom 19. auf den 20. Dezember 2015, in der allerletzten Ausgabe der Pro-Sieben-Show „Schlag den Raab“, hatte sich Stefan Raab ohne ersichtliche Not als Fernsehgesicht verabschiedet (vgl. MK-Artikel). Die TV-Abstinenz hält der Über-50-Jährige bis heute so beinhart durch, dass die „Stern“-Frage „Was macht eigentlich..?“ unbedingt gestellt werden müsste – wenn man nicht seit diesem Februar die Antwort wüsste: Er ist wieder da. Raab macht wieder Fernsehen. Allerdings nur hinter der Kamera, als Erfinder und Produzent von „Das Ding des Jahres“, einer neuen Show bei Raabs früherem Haussender, in der Tüftler und Bastler ihre Erfindungen in einer Art präsentieren, dass man sich augenreibend fragt: Und das hat sich wirklich der Stefan Raab ausgedacht?

Der Innovationsmotor des deutschen Fernsehens, der Stefan Raab war, er läuft nicht mehr rund. Sein neues Show-Ding ist eigentlich ein Unding zur Wochenend-Primetime, das allein schon damit nervt, dass man bei Pro Sieben das PR-Versprechen „3 Juroren, 40 Erfindungen und 100 Prozent Begeisterung“ übertrieben ernst genommen hat, speziell die Sache mit der Begeisterung. Der muss bei der Aufzeichnung der Shows (nur die sechste und letzte ist live) unter Zuhilfenahme eines Einpeitschers energisch nachgeholfen worden sein. Denn das Studiopublikum rastet immer wieder aus, wo es eigentlich gar keinen Anlass zum Ausrasten gibt. Oder wie lässt sich sonst der Klatschorgasmus erklären, den Kandidat Gazi Avakhti erfährt, als er, hallo, die eingebaute Smartphone-Halterung an dem von ihm erfundenen Multifunktionsbecher „GA Shaker plus“ präsentiert? Selbst Pro-Sieben-Größe Joachim „Joko“ Winterscheidt, der mit dem bekannten ‘Werbeprofi’ Lena Gercke und dem weniger bekannten Einzelhandelsmanager Hans-Jürgen Moog (Rewe) das sogenannte „Kompetenzteam“ aka „die Jury“ bildet, ist verwirrt: „Die Leute drehen gerade durch, als hättest du das Rad erfunden. Ist ja Wahnsinn!“

Genau! Wahnsinn auch, dass Stefan Raab plötzlich mit einer Show aus der Versenkung kommt, die in ihrer Grundidee dem Format „Die Höhle der Löwen“ ähnelt, das auf Vox nunmehr seit vier Staffeln (die fünfte ist in Arbeit) Publikumsbegeisterung auslöst, und zwar nicht nur beim Konsum der Sendung selbst. Produkte aus der „Höhle der Löwen“ füllen die Regale in den Supermärkten. Eine Win-Win-Situation für alle Beteiligten. Dass der werbefinanzierte Sender Pro Sieben erst mit so viel Verspätung in dieses Geschäft mit Erfindungen einsteigt, ist dann schon regelrecht erstaunlich.

Wer das Vox-Vorbild ideologisch bedenklich findet, weil dort in Reinkultur nach den Regeln des Raubtierkapitalismus Geschäfte gemacht werden, von denen man nicht weiß, wie sie hinter den Kulissen zustande kommen, findet in „Das Ding des Jahres“ – zumindest auf den ersten Blick – wenig Anhaltspunkte für solche Kritik. Die Juroren treten hier nicht als Investoren mit dicker Spendierhose auf, sondern als Konsumenten. Sie sollen testen, bewerten und entscheiden, welcher Erfindung der Kandidaten sie in ihrem Haushalt den Vorzug geben würden. Hauptaufgabe von Moderatorin Janin Ullmann ist es denn auch, stets daran zu erinnern: „Was könnt ihr am besten gebrauchen?“

Zur Auswahl standen bisher unter anderem eine „Fußwiese“ für die rückenfreundliche Hygiene untenrum sowie eine fahrradtaugliche „Helmmütze“ für obenrum. Die drei Juroren werden immerzu „eingeladen“, die Produkte zu testen, was sie auch mit wechselndem Enthusiasmus tun. Gercke ist kaum vom Klapprad mit E-Motor herunterzuholen, auch der Cocktail aus der Cocktailmaschine schmeckt ihr gut, aber das Toilettenpapier in Kaffeefilterformat will dann keiner einem „praktischen Test“ unterziehen. Stoff für den einen oder anderen Witz geben Erfindungen wie eben die „Toilette to go“ schon her. Aber spannend und innovativ? Ist die Verpackung als „Show“ bestimmt nicht.

Zäh ziehen sich die Drei-Stunden-Abende von Kandidat zu Kandidat hin in einem Setting aus Garagenbauten und drei Jury-Clubsesseln auf weiter Betonbodenflur, das mit seiner kühlen Farbgebung die Temperatur der Show gen Gefrierpunkt rückt. Da ist, bis auf zwei Thuja-Bäumchen im Topf, nichts Heimeliges, an dem sich das Auge wärmen könnte. Mehr Farbe und vor allem mehr Show-Temperament bietet da die samstags zeitgleiche RTL-Konkurrenz „Deutschland sucht den Superstar“ („DSDS“) mit Oberjuror Dieter Bohlen, so dass es einen nicht wundert, dass diese lame duck von Pro Sieben quotentechnisch gegen die Uralt-Erfindung „DSDS“ ziemlich alt aussieht. So erreichte zum Beispiel die dritte Ausgabe der Raab-Show nur 10,2 Prozent Marktanteil bei der jüngeren Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen, während das Bohlen-Ding auf RTL in der 15. Staffel mit leichten Verlusten immerhin noch 18,5 Prozent holte.

Das Regelwerk von „Das Ding des Jahres“ ist zudem geradezu ulkig und wirft Fragen auf: Warum müssen immer je zwei Erfindungen, die in ihrem Entwicklungsstadium und ihrer Alltagstauglichkeit so verschieden sind wie Äpfel und Birnen, zum „Duell“ antreten? Warum kommt das Studiopublikum, das per Abstimmungsgerät immerhin die Hoheit darüber hat, wer von den acht Erfindern pro Sendung weiterkommt, nicht öfter zum Zug, etwa über eine auflockernde Zwischenfrage? Und nicht zuletzt: Wie will „Das Ding des Jahres“ am 10. März im Live-Finale, wenn sich alle bis dahin ermittelten Finalisten der Endabstimmung stellen, überhaupt noch überraschen?

Dem Gewinner winkt ein Werbedeal auf den Sendern der Pro-Sieben-Sat-1-Gruppe in Höhe von „sage und schreibe 2,5 Millionen Euro“ (Ullmann). Das klingt nach spektakulär großzügiger Geste, dürfte aber jenen Erfindern, die ihr Produkt erst noch zur Marktreife führen müssen, nicht viel nützen. Sie brauchen kein weiteres Marketing, sondern vielmehr Investitionskapital. Marketing bekommen sie, ob sie gewinnen oder nicht, ohnehin durch ihren 15-Minuten-Auftritt in der Show. Und der wirkt. So vermeldete Pro Sieben mit Verkäuferstolz, dass der Finalist Martin Müller „innerhalb von 24 Stunden nach seinem Auftritt“ 400.000 Euro Umsatz mit seinem via Smartphone gesteuerten Modellauto gemacht habe. Wer braucht da unbedingt noch zusätzlich einen Werbedeal mit den Sendern der Pro-Sieben-Sat-1-Gruppe?

Noch vor dem großen Finale wird hinter der Show-Kulisse abgeräumt. So ist Herr Moog nicht nur derjenige in der Jury, der immer brav nach den Preisvorstellungen der Erfinder für ihr Produkt fragt. Als Chefeinkäufer von Rewe hat er seine Deals bereits gemacht: Der „Gourmet-Honiglöffel“ oder die „Drip-Line für den Spüllappen“ aus „Das Ding des Jahres“ gehören zum Rewe-Sortiment. Das eigentliche Ding des Jahres also ist: Marktwirtschaft frisst Unterhaltung.

Aber, so bleibt abschließend noch anzufügen, da die Pro-Sieben-Sat-1-Gruppe gerade so im Verkäuferschwung ist, startet bei Sat 1 am 21. März gleich die nächste Unternehmensgründershow: „Start up! Wer wird Deutschlands bester Gründer?“. Dafür hat Sat 1 den Finanzunternehmer und Investor Carsten Maschmeyer engagiert. Er ist parallel aktiver Vox-„Löwe“...

21.02.2018 – Senta Krasser/MK