Dinah Marte Golch/Claus Cornelius Fischer/Markus Imboden: Tatort - Einmal wirklich sterben (ARD/BR)

Starkes Familiendrama

06.12.2015 •

In einem Eigenheim wird abends auf ein Ehepaar geschossen. Die Frau erleidet dabei tödliche Verletzungen, der Mann überlebt schwer verletzt. Quirin, der sechsjährige Sohn des Paares, ist unauffindbar. Ein Raubmord? Offenbar nicht. Keine Einbruchspuren, keine durchwühlten Schränke. Womöglich eine Entführung. Doch das Kind wird wenige Stunden nach der Bluttat verwirrt, aber ansonsten wohlbehalten vor einem Münchner Krankenhaus aufgefunden.

Die Kommissare Batic und Leitmayr, die mit der Aufklärung des Falls beauftragt sind, tappen gänzlich im Dunkeln. Denn auch ein Familiendrama scheint wenig wahrscheinlich. Sollte der Mann zunächst seine Frau getötet und anschließend versucht haben, sich selbst zu erschießen? Warum hat er den Sohn verschont? Und wieso ist die Tatwaffe nicht zu finden? Von den überlebenden Opfern ist kaum Hilfe bei der Aufklärung zu erwarten. Das Kind ist offenbar derart traumatisiert, dass es kein einziges Wort herausbringt und der Vater liegt auf der Intensivstation im Koma. Dennoch ist er es, genauer gesagt: sein Körper, der die Ermittlungen schließlich vorwärts bringt.

Denn die Ärzte entdecken bei dem Vater die Narbe einer alten Schusswunde. Zur Freude der Fahnder ist diese Schusswunde auch aktenkundig. Demnach tötete Daniel Ruppert (Harald Windisch) – so heißt der Mann – vor 15 Jahren in Augsburg Frau und Sohn, verschonte seine siebenjährige Tochter Ella, richtete anschließend das Gewehr gegen sich selbst und überlebte. Der Konkurs seiner Firma hatte den Dachdecker zu der Verzweiflungstat getrieben. Sollte Ella hier womöglich späte Rache an dem Mann genommen haben, der einst ihre Familie zerstörte? Doch eine Ella Ruppert gibt es nicht. Zwar finden sich in den Datenbanken ein paar Einträge dazu, dass Ella Therapien absolviert hat, doch irgendwann verlieren sich die Spuren ihrer Existenz.

Bei dieser vertrackten Exposition ist klar, dass es die (nach Dienstjahren) zweitältesten Ermittler des ARD-„Tatorts“ in dieser Folge mit dem Titel „Einmal wirklich sterben“ nicht mit einer simplen Tätersuche zu tun bekommen. Und so entwickelt sich dieser Krimi gänzlich ohne Action-Einlagen eher zu einem düsteren Familienpsychogramm. So steht denn auch jene irgendwann ermittelte Ella, die sich jetzt Emma nennt und als Pflegerin im Zoo arbeitet, im Mittelpunkt des Interesses. Als es der jungen Frau gelingt, Quirin aus dem Krankenhaus zu entführen und mit ihm zu fliehen, wird die Geschichte zu einem beklemmenden Drama. Denn die psychisch labile, auf Medikamente angewiesene Frau ist eine tickende Zeitbombe, bei der mit allem zu rechnen ist, wie Polizei-Psychologin Christine Lerch (Lisa Wagner) ein paar Mal zu häufig erklärt.

Anna Drexler spielt jene Emma resp. Ella mit beeindruckender Präsenz. Eigene Hilfsbedürftigkeit wechselt mit trotziger Selbstbehauptung, bei der man davon ausgehen muss, dass sie aus falsch verstandener Fürsorglichkeit auch Quirin umbringen könnte, um ihm ihr eigenes Schicksal zu ersparen. Das Autorenduo Dinah Marte Golch und Claus Cornelius Fischer, das bereits mehrfach für „Tatorte“ Drehbücher schrieb, hat diese vertrackte, aber jederzeit nachvollziehbare Geschichte auf drei Zeitebenen angelegt, gewährt den Zuschauern mehrfach einen Wissensvorsprung vor den Ermittlern und wartet dabei immer wieder mit prägnanten Dialogen auf, die im Gedächtnis bleiben. „Ella hat die Sache damals nicht überlebt“, sagt Emma einmal. Auch Emma wird diesmal nicht überleben. Sie begeht schließlich Selbstmord, lässt Quirin aber laufen.

Regisseur Markus Imboden hat das düstere Drama atmosphärisch ungemein dicht inszeniert, wobei sich die Rückblenden auf die beiden Bluttaten besonders beklemmend ausnehmen. Hinzu kommen diverse Male beeindruckende Bilder (Kamera: Martin Farkas) von Tieren im nächtlichen Zoo, die als schöne, jedoch auch bedrohliche Archetypen erscheinen. Batic (Miroslav Nemec) und Leitmayr (Udo Wachtveitl), die in der jüngeren Vergangenheit oft schon mal wirkten, als wollten sie mit ihren Neckereien ihren Münsteraner „Tatort“-Kollegen Thiel und Boerne nacheifern, halten sich in puncto Gags in dieser Episode wohltuend zurück. Lediglich ihr junger Assistent Kalli (Ferdinand Hofer) bekommt gelegentlich den Spott seiner beiden Chefs zu spüren.

Dennoch wartet dieser bayerische „Tatort“ auch mit einem echten humoristischen Kleinod in Gestalt des betagten Kommissars Xaver Busch (Klaus Pohl) auf. Der hatte damals in Augsburg den Tötungsfall bearbeitet und berichtet nun seinen Münchner Kollegen. Wobei die beiden den verwirrten Schilderungen des Mannes, der sich im Lauf seiner Dienstjahre offenbar ein massives Alkoholproblem eingehandelt hat, allerdings kaum folgen können. Eine wunderbare, tragikomische Figur. Bleibt noch zu erwähnen, dass Leitmayr und Batic in dieser Produktion der Tellux Film am Ende die Täterin nicht zu fassen bekommen. Wo man durch eine Rückblende als Zuschauer wusste, dass Emmas Lebensgefährtin Lissy (Andrea Wenzl) an jenem Abend auf das Ehepaar geschossen hatte, mussten die Kommissare Lissys Beteuerung glauben, Emma selbst sei die Täterin gewesen.

 

06.12.2015 – Reinhard Lüke/MK

Print-Ausgabe 24/2019

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