Niki Stein: Tatort – Der Inder (ARD/SWR)

Stuttgart, in Atem gehalten

22.06.2015 •

Sehr urban kommt dieser „Tatort“ daher, nächtlich-verregnet, schnell, komplex, vor allem aber: politisch. An das Reizthema „Stuttgart 21“ wagt sich die „Tatort“-Folge „Der Inder“ heran, und zwar ohne Rücksicht auf Verluste: Autor und Regisseur Niki Stein kehrt gewissermaßen Stuttgarts Innerstes nach außen und zeichnet ein zutiefst korruptes Geflecht zwischen Wirtschaft und regionaler Politik. Und kommt zu dem desillusionierenden Schluss: Das (in der Realität wie im Film) massiv bekämpfte, zum Großteil aus Steuergeldern finanzierte Projekt eines unterirdischen Bahnhofs dient hier allein dem Zweck, auf der Oberfläche Platz zu schaffen für Spekulationsbauten, an denen sich einige wenige bereichern.

Natürlich ist das fiktiv, doch es finden sich so einige Assoziationen und Anknüpfungspunkte an die realen Querelen rund um das bis zu sieben Milliarden Euro teure Bahnhofsbauprojekt, das die baden-württembergische Hauptstadt wie kein anderes Thema seit Jahren in Atem hält. So weht mehr als ein Hauch von Stefan Mappus herüber, wenn hier der einstige Staatssekretär Dillinger (Robert Schupp) und der frühere Ministerpräsident Heinerle (Ulrich Gebauer) wegen mutmaßlicher Veruntreuung öffentlicher Gelder im sogenannten „Gleisdreieck“-Skandal vor einem parlamentarischen Untersuchungsausschuss aussagen müssen. Zwar wurde gegen den realen früheren Ministerpräsidenten Mappus (CDU) nicht wegen Stuttgart 21, sondern wegen des dubiosen Kaufs eines EnBW-Aktienpakets ermittelt, doch die Parallele ist offensichtlich. Auch dass der Ex-Landesvater im Film Heinerle heißt, erinnert wohl nicht von ungefähr an den Ideengeber zu Stuttgart 21, den Verkehrswissenschafter Gerhard Heimerl.

Das im Film unter dem Namen „Gleisdreieck“ firmierende Projekt scheiterte, weil es Probleme mit Baugenehmigungen gab und sich der indische Investor als Hochstapler entpuppte – was hier auch eine schöne Blüte am Rande ergibt: Auf den titelgebenden Inder namens Mantal, der im ganzen Film nur einmal kurz auf einem Foto zu sehen ist, fielen die geldgierigen Regionalfürsten aus Wirtschaft und Politik nur deshalb herein, weil sie ihn mit dem indischen Stahlmagnaten Mittal verwechselten.

Diese ausführliche Vorrede, die ja sogar ohne Erwähnung der Kommissare auskommt, muss sein bei diesem Krimi, der eigentlich mehr ein Mentalitäten-Tableau ist und auf jeden Fall ein denkbar untypischer „Tatort“. Keine Leiche gleich zum Auftakt, kein „Wo waren Sie gestern Abend zwischen neun und zehn Uhr?“, keine seichte Berieselung durch übersichtliche Krimi-Strukturen. Das typischste „Tatort“-Element sind hier am ehesten noch die Dialekt sprechenden Rechtsmediziner.

Doch so ganz ohne Mord geht es natürlich auch nicht: Die Kommissare Lannert (Richy Müller) und Bootz (Felix Klare) treten auf den Plan, als Dillinger erschossen aufgefunden wird: Beim Joggen im Wald wurde er offenbar gezieltes Opfer eines Profikillers. Dass sich der Ex-Staatssekretär ebendort mit Heinerle treffen wollte, der ebenfalls im Visier des parlamentarischen Untersuchungsausschusses steht, ist ein pikantes Detail, das der Öffentlichkeit auf Anweisung von ganz oben verschwiegen werden muss.

Die Ermittlungen nun führen Lannert und Bootz unter anderem zu dem als Freigänger in Haft sitzenden Architekten Busso von Mayer (Thomas Thieme) und der Vorsitzenden des Untersuchungsausschusses, der Politikerin Petra Keller (Katja Bürkle). Doch warum Dr. Jürgen Dillinger umgebracht wurde, interessiert den Film viel weniger als die Frage, was da eigentlich los ist im Ländle: Wie konnte es passieren, dass ein Bauprojekt eine ganze Region derart aufgewühlt hat?

Dies alles ist ebenso klug wie differenziert geschrieben, gespielt und vor allem inszeniert: Eine enorm komplexe Erzählstruktur schafft Niki Stein, indem er in den Zeitebenen hin- und herspringt und sich so das Geschehen Puzzleteilchen für Puzzleteilchen zusammensetzen lässt. Garniert wird dies immer wieder mit brillanten Vignetten am Rande: etwa wie sich der auch in der Haft selbstbewusst auftretende Architekt von seinem Gefängniswärter anhimmeln lässt oder wie der abgewählte Ministerpräsident selbstmitleidig mit seinem Schicksal hadert.

Gekonnt auch, wie der thematische Überbau, der Umgang des ziemlich deutschen Bedenkenträgertums mit städtebaulichen Großprojekten, ins narrative Geschehen integriert wird. Und zwar, ohne eindeutige Antworten zu geben: Der spannende und nebenbei zitierfreudige Film (9,49 Mio Zuschauer, Marktanteil: 28,3 Prozent) fordert den Zuschauer ständig dazu auf, mitzudenken, sich zu verorten. „Der Inder“ (Produktion: Maran Film) macht es sich und seinem Publikum nicht leicht und unterscheidet sich auch darin wesentlich von der breiten Masse der „Tatorte“.

22.06.2015 – Katharina Zeckau/MK

Print-Ausgabe 23/2019

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