Michael Proehl/Florian Schwarz: Tatort – Kälter als der Tod (ARD/HR)

Vielversprechender Einstand

18.05.2015 •

Früher konnte jeder halbwegs informierte Erwachsene die amtierenden „Tatort“-Fahnder so flüssig herunterbeten wie die Bundesländer oder den aktuellen Kader der deutschen Fußball-Nationalmannschaft. Doch inzwischen dürften sich selbst eingefleischte Fans dieser Krimireihe damit schwertun. Sogar die ARD scheint da bisweilen den Überblick zu verlieren. So werden die Leipziger Kommissare Saalfeld und Keppler auch einen Monat nach Ausstrahlung ihrer Abschiedsfolge auf der offiziellen „Tatort“-Hommage noch immer unter „Die aktuellen Ermittler“ geführt.

Die beiden Neuen in Frankfurt am Main, Kommissarin Anna Janneke (Margarita Broich) und Kommissar Paul Brix (Wolfram Koch), verdanken ihre Jobs allerdings nicht dem Expansionsdrang der ARD, sondern schlicht dem Umstand, dass ihre beiden Vorgänger resp. deren Darsteller von sich aus den Dienst quittierten. Nachdem Nina Kunzendorf im Frühjahr 2013 nach nur fünf Folgen die Verbrecherjagd an den Nagel gehängt hatte, mochte der verbliebene Joachim Król schließlich nicht mehr im Alleingang weitermachen und nahm im Februar dieses Jahres mit der „Tatort“-Folge „Das Haus am Ende der Straße“ einen furiosen Abschied. Król macht Schluss, obwohl ihm der Hessische Rundfunk (HR) mit Margarita Broich eigentlich eine neue Partnerin hatte zur Seite stellen wollen. Etwas merkwürdig mutet diese hohe Fluktuation im Frankfurter Kommissariat schon an. Schließlich waren schon die Vorgänger von Kunzendorf und Król, Andrea Sawatzki und Jörg Schüttauf, nach sieben Jahren freiwillig ausgestiegen.

Immerhin kann der Sender bei den Hessen-„Tatorten“ zumindest hinter der Kamera auf Kontinuität bauen. Autor Michael Proehl und Regisseur Florian Schwarz waren bereits für mehrere herausragende Folgen mit den verschiedenen Ermittlerteams verantwortlich. Darunter auch die grandiose und mehrfach ausgezeichnete Folge „Im Schmerz geboren“ mit Ulrich Tukur als Kommissar Felix Murot und Ulrich Matthes als dessen Gegenspieler (vgl. FK 42/14). Wenig überraschend, dass man dem Duo Proehl/Schwarz nun auch den Einstand von Anna Janneke und Paul Brix anvertraute.

Doch mit der Einführung der beiden Hauptprotagonisten verschwendeten Autor und Regisseur nicht sonderlich viel Zeit. Er ist von der Sitte zur Mordkommission gewechselt, sie hat vorher als psychologische Beraterin für die Berliner Polizei gearbeitet und wohnt in Frankfurt noch bei einer Freundin. Und Brix hat eine ganze Batterie von Weckern am Bett, kommt aber dennoch nur schwerstens aus den Federn. Das war’s aber auch schon mit Informationen über die Neuen. Und auch auf die sonst üblichen Neckereien und Animositäten zwischen den zwei Kollegen hatte man hier konsequent verzichtet. Janneke und Brix kommen sympathisch daher, schleppen offenbar keine Psycho-Altlasten mit sich herum und können miteinander arbeiten. Zwei erfrischend normale Beamte, die es in der Folge „Kälter als der Tod“ allerdings gleich mit einem überaus vertrackten Fall zu tun bekamen.

In einem Haus war fast eine ganze Familie ermordet worden. Lediglich die pubertierende Tochter und deren junge Nachhilfelehrerin waren der Bluttat offenbar entkommen. Die Polizei fand sie später lebend, aber verstört in einer Art Verließ. Bis schließlich klar wurde, dass sich hier eine schwer zu entschlüsselnde Familientragödie zugetragen hatte, an deren Zustandekommen diverse zwielichtige Gestalten beteiligt waren, entwickelte sich das Ganze zu einem durchweg spannenden Krimi. Doch letztlich lagen die Qualitäten hier weniger im Plot als in einer eigentümlichen Atmosphäre, in der das Abseitige praktisch in jeder Sequenz hinter dem Alltäglichen lauerte. So dürfte jener alleinstehende Paketbote, der Sendungen seiner Kunden öffnete und die entsprechenden Waren für sich selbst nachbestellte, um so am vermeintlichen Familienglück der Empfänger teilzuhaben, eine der tragischsten Figuren sein, die je in einem „Tatort“ aufgetreten ist.

Zudem überzeugte der Film durch gute, pointierte Dialoge, ungewöhnliche Einstellungen (Kamera: Philipp Haberlandt) und eine Reihe anderer filmischer Elemente, unter denen einzig die Verwendung des Splitscreens vielleicht etwas überstrapaziert wurde. Unter dem Strich war diese „Tatort“-Folge (9,89 Mio Zuschauer, Marktanteil: 28,4 Prozent) kein preisverdächtiges Meisterwerk, jedoch ein vielversprechender Einstand, der Lust auf mehr machte. Bleibt zu hoffen, dass Margarita Broich und Wolfram Koch es etwas länger miteinander aushalten als ihre jüngsten Vorgänger.

18.05.2015 – Reinhard Lüke/MK