Deutschland tanzt. Samstagabendshow mit Lena Gercke (Pro Sieben)

Die Show ohne Bämm

25.11.2016 •

25.11.2016 • Manchmal lohnt es, den zweiten Blick zu riskieren. Dranzubleiben und zu überprüfen, wie ein Sender mit einem neuen Show-Format umgeht, wie er es wandelt, womöglich zum Guten. Pro Sieben muss man jedenfalls zugutehalten, nach der in vielerlei Hinsicht gepatzten Premiere von „Deutschland tanzt“ noch einmal Hand angelegt zu haben.

Zwei Folgen dieses Tanz-Events sind bereits live aus den Bavaria-Filmstudios in München gesendet worden; die dritte und letzte Ausgabe steht am Samstag (26. November) an, im Finale sind dann noch sechs von anfangs 16 Angetretenen dabei. Fernsehberühmtheiten wie Fernanda Brandao („Deutschland sucht den Superstar“), Taynara Wolf („Germany’s Next Topmodel“), Jan Kralitschka („Der Bachelor“), Friedrich Liechtenstein (Edeka-Spot) und Oliver Pocher (halt berühmt) sind die Protagonisten – und per se kein Grund zum Einschalten. Das Verlangen nach Unterhaltung mit prominenter Tanzeinlage ist gesättigt, seit RTL zuletzt im Oktober popowackelnde Promis übers Parkett scheuchte. Das Format hieß „Dance Dance Dance“ und war ähnlich durchgetaktet wie die anderen Shows mit dem „dance“ im Titel (wie bei RTL „Let’s dance“ oder bei Pro Sieben „Got to dance“) – Tanzerei mit viel Jury-Schnickschnack drumherum

Pocher & Co. hingegen, und das ist grundsätzlich charmant, strampeln sich nicht einfach so auf der Pro-Sieben-Bühne ab – was sie im Übrigen außerordentlich respektabel tun: Pochers Donald-Trump-Nummer zum Uptown-Funk war ein überraschend guter Hit, und auch die gehörlose Profi-Tänzerin Kassandra Wedel wurde als perfekte Kopie von Beyoncé zu Publikums Liebling. Bei „Deutschland tanzt“ wird der Pro-Sieben-Tanzwettbewerb mit dem föderalen Gedanken verquickt, den einst Stefan Raab in den „Bundesvision Song Contest“ (Pro Sieben) einarbeitete. Die Kandidaten treten mit einem Tanz ihrer Wahl an, um für ihr jeweiliges Bundesland zu siegen. Entsprechend tanzt Oliver Pocher für Niedersachsen, Kassandra Wedel für Bayern und so fort. Die zwischen den Ländern ausgetragene Meisterschaft soll (Anruf- und Voting-)Reize schaffen für stolze Landesbürger. In der Theorie zumindest.

Praktisch sieht es so aus, dass regelmäßige Live-Schalten zum Volk Landesstolz zunichtemachen. Pro Sieben hat 16 Reporter in 16 Bundesländer hinausgeschickt, zum Beispiel in eine Krefelder Karnevalskneipe, in das Bratwurstmuseum in Amt Wachsenburg in Thüringen und in ein niedersächsisches Vereinsheim puschelwedelnder Cheerleader. Die Fans in diesen tanzbegeisterten Hochburgen sollen einerseits ihren Landesvertreter anfeuern, andererseits bilden sie die Kulisse für die nach guter Grand-Prix-Tradition abgehaltene Punktevergabe am Ende der Show. Man war da zum Auftakt schon etwas beschämt. Nicht weil die Technik beim Abstimmungsprocedere einmal patzte, das kann in einer Live-Show nun mal passieren, sondern angesichts der dort zelebrierten landestypischen Fröhlichkeit: Ist das Comedy oder einfach nur gaga? Zur zweiten Show blieben einem diese peinlichen Passagen aus der Provinz zwar nicht erspart, aber sie waren wenigstens in der Dosis etwas reduziert.

Dass weniger oft mehr ist, das kam auch bei den sogenannten Experten an, bei Roman Frieling und Nikeata Thompson. Beide sind bereits fernsehbekannt als Juroren mit Hang zum totalen Überdrehen; Frieling kennt man aus „Let’s dance“, Thompson aus „Got to dance“. Insbesondere Roman Frieling trat bei „Deutschland tanzt“ zunächst mit so viel Testosteron an („Da ist Action in der Hose“), dass Nikeata Thompson kaum zu verstehen war. In Sendung 2 – Sachsen, Sachsen-Anhalt, Nordrhein-Westfalen und das Saarland waren da bereits ausgeschieden – gingen die beiden dann vom Gas runter, ließen sogar einander ausreden.

Doch das Hauptproblem dieser Show bleibt ungelöst: die Gastgeberin Lena Gercke. In das 27-Jährige Model scheint Pro Sieben in der Post-Raab-Periode große Hoffnungen zu setzen. Einst ging Gercke durch die harte Heidi-Klum-Modelschule. Seit zwei Staffeln darf sie als Komoderatorin beim Pro-Sieben-Sat-1-Sänger-Casting „The Voice of Germany“ ran und bei der Verladeshow „Prankenstein“ (vgl. MK-Kritik) probierte sie Streiche vor versteckter Kamera. Sie macht das alles, wie Tanzjuror Frieling sagen würde, „engagiert“. Das Teleprompter-Ablesen klappt gut. Aber: Es fehlt der „Bämm“. Da ist kein Witz, keine Schlagfertigkeit, kein Charme bei der hochgewachsenen Blondine, die ihre Geschlechtsgenossinnen gerne mit „Wahnsinn, so hot!“-Lob überschüttet. Hätte ihr Pro Sieben bei „Deutschland tanzt“ nicht den Komiker Ingmar Stadelmann als rotzfrechen character und als Moderationshilfe zur Seite gestellt, wäre einem die Show noch länger vorgekommen, als sie eh schon war.

Das ungeschriebene (Privatfernseh-)Gesetz „Am Samstagabend sollst du nicht kürzer als vier Stunden unterhalten“ hält Pro Sieben auch bei „Deutschland tanzt“ eisern ein. Der Quote scheint es nicht unbedingt zu nützen; sie dümpelte auch nach Ausgabe Nr. 2 weit unter dem Senderschnitt (7,1 Prozent bei den werberelevanten 14- bis 49-Jährigen im Vergleich zu 10,5 Prozent im Senderschnitt). Einen strahlenden Sieger gibt es aber doch schon: das Bühnenbild. Die ausführenden Produzenten von Seapoint, parallel seit neun Staffeln auch für die RTL-Konkurrenz „Let’s Dance“ verantwortlich, haben sich bei „Deutschland tanzt“ mit Feuer, Licht und Poledance-Stange selbst übertroffen. Bämm!

25.11.2016 – Senta Krasser/MK