Am Ende flossen die Tränen: Zum Bildschirm‑Abschied von Stefan Raab

24.12.2015 •

Von Dietrich Leder

Am Ende kamen ihm doch die Tränen. So aufgeräumt sich Stefan Raab in der letzten Ausgabe von „TV total“ am späten Abend des 16. Dezember nach außen auch gab – das heißt, den Fernsehkameras und dem Studiopublikum gegenüber –, dem Moderator war innerlich nicht so zumute. Als er als musikalische Schlussnummer den rheinischen Stimmungsklassiker „Ich bin ene kölsche Jung“ sang und dessen Schlussworte – natürlich „Kölle Alaaf!“ – mittels einer Videoeinspielung den Fußballnationalspieler Lukas Podolski sagen ließ, war dem Fernseh-Entertainer die dadurch selbst ausgelöste Bewegung schon anzumerken.

Stefan Raab schluckte, strengte sich aber an, die Tränen zu vermeiden. Das gelang ihm wenig später nicht mehr, als er sich gegen 0.25 Uhr von seiner Band Heavytones verabschiedete und die „TV-total“-Showtreppe heraufstieg, von deren Spitze ihn dann ein Fahrstuhl nach unten und damit aus dem Bild beförderte. Hier flossen die Tränen, nicht nur bei ihm, sondern auch bei seinem Sidekick Elton, der ihn durch seine letzte Ausgabe dieser seit 1999 viermal die Woche bei Pro Sieben ausgestrahlten Show begleitet hatte.

Eine der besten musikalischen Shows

Vor Jahren hätte sich Stefan Raab über eine solche ausführliche Darstellung einer Sentimentalität vor Lachen ausgeschüttet. Nichts war ihm in dieser Sendung ferner als ein zu starkes Gefühl. „TV total“ demonstrierte von Anbeginn an – und war damit Trendsetter für vieles, was danach kam wie etwa die „Heute-Show“ des ZDF –, dass das Fernsehen vor allem auch Menschen unbarmherzig mit ihren Gefühlen, mit ihren Plattitüden, mit ihren Eigenheiten ausstellt.

Raab bemächtigte sich dieses Materials, entkleidete es des jeweiligen Zusammenhangs und stellte es aus als Zeichen der Absurdität einer medialen Gesellschaft, die keine Scheu vor der Selbstentblößung mehr kennt. Das hatte besonders zu Beginn oft befreiende Züge, gerade auch immer dann, wenn es Semi-Prominente traf oder solche, die es werden wollten, die halt vor nichts zurückschreckten, wenn es denn nur Aufmerksamkeit generierte. Das traf oft genug aber auch ‘einfache’ Menschen, die unvorsichtig genug waren, vor Fernsehkameras zu treten oder deren Aufnahmen halt nicht zu verhindern waren und die sich dann mit Torheiten und Peinlichkeiten verewigten.

Diese gelegentlich finstere, da unerbittliche Seite eines Comedians, der Menschen in einer Öffentlichkeit ausstellt, vor der er sich selbst – vollkommen legitim – mit allen nur erdenkbaren rechtlichen Möglichkeiten schützt, kam in vielen Lobeshymnen, die in diesen Tagen seines Abschieds vom Bildschirm erschienen, zu kurz. Umgekehrt proportional dazu hatte man Stefan Raab in seinen Anfangsjahren ausschließlich auf dieses Ausbeuten von Menschen ebenso wie auf seinen Hang zur Zote oder zum dumpfen Kalauer festgelegt, um nicht zu sagen: reduziert. Damals hatte man übersehen, was „TV total“ von Anfang an auszeichnete. Dass die Sendung nämlich eine der besten musikalischen Shows war, die das deutsche Fernsehen je kannte. Ja, dass Stefan Raab gerade in und mit der populären Musik sich auf eine Art spielerisch auszudrücken weiß wie kaum ein anderer. So waren die Auftritte von Showgrößen im Kölner Studio sowohl im Zusammenspiel mit den Heavytones wie mit Raab selbst die Höhepunkte in der 16-jährigen Geschichte der Sendung.

Eine Belebung des Unterhaltungsfernsehens

An die erinnerten Raab und Elton allerdings gestern in der letzten „TV-total“-Ausgabe nicht. Stattdessen bezogen sie sich ausschließlich auf ihre gemeinsame Show-Geschichte. Gemächlich wärmten sie noch einmal uralte Kamellen auf. Das hatte etwas von einem in die Länge gezogenen Kaffeeklatsch, bei dem sich in die Jahre gekommene Männer mit Mühen und Gedächtnislücken ihrer Ruhmestaten am Stammtisch oder auf der Kegelbahn erinnerten. Unterhaltsam war das nur selten, doch es legte noch einmal eine gewisse sadomasochistische Grundstruktur im Verhältnis beider frei. Elton als Show-Praktikant gab in der Abschiedssendung eine Art von fleischgewordenem Punching-Ball, an dem sich Raab mit Sarkasmus und Häme abarbeiten konnte.

Oft genug spielte Elton ja die Person, die für die Provokationen, die sich Raab für Menschen auf der Straße ausgedacht hatte, den Kopf hinhalten musste. Daran erinnerte die Einspielung einer Sketchreihe der Show, bei der Elton mit einer Bauchrednerpuppe Menschen in der Kölner Innenstadt zu Leibe rückte. Was die Puppe von sich gab, stammte von Raab, der über ein Mikrofon, Funkstrecke und Lautsprecher die Menschen neben Elton anquasselte, animierte und provozierte. Die Reaktionen der Menschen musste wiederum Elton erleiden, der als vermeintlich bauchredender Urheber dessen ausgemacht wurde. Das leicht sadistische Spiel des körperlich abwesenden Raab wurde erst mit dem masochistischen Erleiden der falschen Vorwürfe und Attacken auf Elton vollständig.

Man kann diese sadomasochistische Struktur als die Blaupause einer medialen Versuchsanordnung nehmen, die in vielen anderen Fernsehshows (von den Casting-Wettbewerben bis zur sogenannten Dschungelshow) angewandt wird und dort zum alleinigen Motiv ausgebaut wurde. Dazu passte auch der böseste Witz der letzten „TV-total“-Ausgabe, als Raab bilanzierte, dass in den Jahren seiner Show in Deutschland die Zahl der Arbeitslosen um fast zwei Millionen zurückgegangen sei. Er sagte das in Anwesenheit all der Mitarbeiter, die mit dem Ende seiner Show nun ihren Arbeitsplatz verlieren und von denen nicht wenige derzeit gegen ihren Arbeitgeber – die Kölner Firma Brainpool, an der Raab weiterhin Anteile hält – vor dem Arbeitsgericht klagen.

Nach „Schlag den Raab“: Die Show ist aus

So ist am Ende festzuhalten, dass „TV total“ oft genug besser war als das, was Stefan Raab in dieser finalen Sendung selbst als wichtig erachtete. Dass er wie kein anderer in den vergangenen rund 15 Jahren das Unterhaltungsfernsehen belebt, angereichert und provoziert hat, steht ohnehin außer Frage und wurde an dieser Stelle schon gewürdigt als die, die ihn heute bei seinem Abgang feiern, ihn glatt ignorierten.

Seinen allerletzten Auftritt hatte der 49-Jährige, dessen Fernsehausstieg bei Twitter unter dem Hashtag #Raabschied mit viel Aufmerksamkeit begleitet wurde, dann am 19. Dezember ab 20.15 Uhr mit „Schlag den Raab“. Diese letzte war die insgesamt 55. Ausgabe der samstagabendlichen Moderatorenherausforderungsshow bei Pro Sieben, und sie dauerte mal eben sechs statt vier Stunden. Statt Tränen floss hier noch einmal Geld. Insgesamt 1,5 Millionen Euro wurden an vier Gewinner verteilt. Bingo! Die Show ist aus. Dem deutschen Fernsehen wird Stefan Raab ohne Zweifel fehlen.

24.12.2015

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