Daniel Harrich/Gert Heidenreich: Gift (ARD/BR/SWR/Degeto) / Daniel Harrich: Gefährliche Medikamente – gepanscht, gestreckt, gefälscht (ARD/NDR/SWR/BR)

Den Blick auf die Gefahr gelenkt

15.05.2017 •

Im Jahr 2015 bestritt die ARD in ihrem Ersten Programm zwei sogenannte Themenabende mit Produktionen von Daniel Harrich. Im Februar jenes Jahres lief ein Schwerpunkt, der aus dem Spielfilm „Der blinde Fleck – Das Oktoberfestattentat“ und der Dokumentation „Attentäter – Einzeltäter? Neues vom Oktoberfestattentat“ bestand (vgl. MK-Kritik). Im September folgte ein Themenabend zu illegalen deutschen Waffenexporten, bestehend aus dem Spielfilm „Meister des Todes“ und der Dokumentation „Tödliche Exporte – Wie das G36 nach Mexiko kam“ (vgl. MK-Kritik). Für die Recherchen, die unter anderem in die beiden letzteren Filme einflossen, erhielt Harrich 2016 den damals erstmals vergebenen Grimme-Preis in der Subkategorie „Besondere journalistische Leistung“. Mit dem Spielfilm „Gift“ und der Dokumentation „Gefährliche Medikamente – gepanscht, gestreckt, gefälscht“ liefert Harrich nun also bereits den dritten Schwerpunkt dieser Art.

Der für die meisten Zuschauer vielleicht wichtigste Aspekt von Harrichs Recherchen in der Pharmabranche dreht sich um die Frage: Welche Folgen haben gefälschte Medikamenten für die Konsumenten? Der Begriff „gefälscht“ – das machen sowohl der Spielfilm als auch die Dokumentation deutlich – ist eher eine Nebelkerze. Wie groß das Spektrum der Pharmakriminalität ist, verdeutlicht der Untertitel der Dokumentation („gepanscht, gestreckt, gefälscht“). Die Konzerne sorgen sich vor allem darum, dass jemand ihre Produkte kopiert und so tut, als verkaufe er das Original. Für die Käufer dagegen sind gefälschte Präparate vor allem dann problematisch bis gefährlich, wenn die versprochene Substanz zu gering dosiert ist. Auch hier gibt es Unterschiede: Eine wirkungslose Viagra-Tablette richtet eher geringfügigen Schaden an; wenn aber Malaria- oder Tuberkulosekranke ein wirkungsloses Medikament einnehmen, hat das fatale Folgen.

„Im Zweifel hat der Patient halt nicht überlebt“, sagt der Medikamenten-Importeur Günther Kompalla (Heiner Lauterbach) an einer Stelle im Spielfilm „Gift“. Der Mann verdient sein Geld unter anderem mit dem Vertrieb wirkungsloser Medikamente und ist – zunächst – der Bilderbuch-Bösewicht in „Gift“. Seine Antagonistin ist – zunächst – die Interpol-Ermittlerin Juliette Pribeau (Julia Koschitz). Kompalla macht aber eine Wandlung durch, nachdem bei einer Untersuchung im Krankenhaus herauskommt, dass er Bauchspeicheldrüsenkrebs hat und nicht mehr lange leben wird. Er will mit sich selbst im Reinen sein, wenn er stirbt. Vor allem strebt Kompalla nun an, sich mit seiner Tochter Katrin (Luise Heyer) auszusöhnen, die in einem Armenvierteln der indischen Stadt Mumbai als Ärztin für eine Hilfsorganisation arbeitet und viel eben auch damit beschäftigt ist, zu verhindern, dass die kranken Menschen dort an wirkungslose Medikamente geraten.

Dieser eine familiäre Konflikt reicht den Autoren des Drehbuchs – Gert Heidenreich und Regisseur Harrich haben es gemeinsam geschrieben – aber noch nicht. Auch Pribeau hat es nämlich privat nicht leicht: Ihre Kinder leben bei ihrem Mann, denn sie hat den Kampf gegen die Pharmakriminalität – „Medikamentenfälschung ist Massenmord!“, sagt sie bei einer auf realen Geschehnissen basierenden EU-Parlamentsanhörung – einem heilen Familienleben vorgezogen.

Die Fragen, die der Spielfilm „Gift“ (4,22 Mio Zuschauer, Marktanteil: 15,5 Prozent) angesichts dieser Konstellation aufwirft, lauten: Muss man angesichts der Relevanz des Themas und angesichts des allgemein mangelnden Wissens um die Arzneimittelsicherheit eine Geschichte so weit herunterbrechen, dass der Film auch für die Kernzielgruppe der ZDF-Reihe „Herzkino“ attraktiv ist? Ist es angesichts der Komplexität des hier beschriebenen kriminellen Geschäfts (Welche Verantwortung haben Investmentbanken, die an Firmen beteiligt sind, die von solchen Machenschaften profitieren? Warum reagiert die Politik eher defensiv?) notwendig, bei der Besetzung der Rollen auf die Prominentenkarte setzen? Neben Heiner Lauterbach kommt hier noch unter anderem Maria Furtwängler als diabolische Pharmalobbyistin zum Einsatz. Es spricht viel dafür, die Fragen zu bejahen. Dagegen sprechen Lauterbachs limitierte schauspielerische Fähigkeiten. Diese auszuhalten, ist für den Zuschauer keine kleine Herausforderung.

Bei der Dokumentation „Gefährliche Medikamente – gepanscht, gestreckt, gefälscht“ (3,58 Mio Zuschauer, Marktanteil: 13,7 Prozent) gilt es erst einmal zu registrieren: Hier fehlen – erfreulicherweise – Szenen aus dem vorangegangenen Spielfilm. Es ist bezeichnend, dass man das betonen muss. Der sechs Wochen zuvor von der ARD zusammengestellte Themenabend aus einem Spielfilm und einer Dokumentation des mehrfach ausgezeichneten Regisseurs Raymond Ley – „Tod einer Kadettin“ und „Der Fall Gorch Fock – Die Geschichte der Jenny Böken“, ausgestrahlt im Ersten am 5. April 2017 – litt allerdings darunter, dass bei der dokumentarischen Aufarbeitung in überbordendem und tendenziell unredlichem Umfang fiktionale Sequenzen zum Einsatz kamen (vgl. MK-Kritik).

Zu Beginn seiner Dokumentation zeigt Harrich eine an Nierenkrebs leidende Großmutter, die feststellen musste, dass sich ein Mittel, das ihr eine Zeitlang geholfen hatte, plötzlich als wirkungslos entpuppte. Infolge der Einnahme des gefälschten Präparats bildeten sich neue Metastasen. Die Nicht-Einnahme des echten Medikaments habe seiner Patientin die Lebenszeit verkürzt, sagt ihr Arzt (den Fall hatte die ARD tags zuvor in Kurzform schon in den „Tagesthemen“ geschildert, auch um in der Nachrichtensendung auf den Themenabend hinzuweisen).

Zu Wort kommen in der Dokumentation zudem die Interpol-Ermittlerin Aline Plancon, die offenbar als Vorbild für die Spielfilmfigur Juliette Pribeau diente, sowie der erste Whistleblower der Pharmabranche: Dinesh Thakur, der einst für Ranbaxy tätig war, Indiens größten Medikamentenhersteller, erwähnt hier die unzureichenden Kontrollen bei den Firmen und vor allem den Subunternehmen in seinem Land, von denen sich die europäischen Pharmakonzerne abhängig gemacht haben.

Auch die Dokumentation „Gefährliche Medikamente“ (so auch die Überschrift für den gesamten ARD-Themenabend) hinterlässt einen ambivalenten Eindruck. Es ist ein hochrelevanter, allerdings auch allzu kompakter Film. Das wiederum liegt in der Natur der Sache. Das starre Festhalten am Programmschema – die Dokumentation nach dem Spielfilm darf nur 30 Minuten lang sein, damit die „Tagesthemen“ um 22.15 Uhr beginnen können – erweist sich hier mal wieder als kontraproduktiv. Dass das Dritte Programm SWR Fernsehen am 28. Juni (Mittwoch) um 23.30 Uhr noch eine längere Fassung von „Gefährliche Medikamente“ ausstrahlen wird, ist da nur ein schwacher Trost.

In der Woche vor der Ausstrahlung des Themenabends zur Medikamentenfälschung – am Montag, den 8. Mai – hatte sich die ARD bereits einem ähnlichen Thema gewidmet. „Der unsichtbare Feind – Tödliche Supererreger aus Pharmafabriken“ lautete der Titel einer 45-minütigen Dokumentation von vier NDR-Mitarbeitern, die ab 22.45 Uhr im Rahmen der Reihe „Die Story im Ersten“ zu sehen war. Ein Schauplatz des Films, dessen Recherchen als Gemeinschaftsarbeit von NDR, WDR und „Süddeutscher Zeitung“ ausgewiesen wurden, war die südindische Stadt Hyderabad, wo Hunderte von Pharmaunternehmen angesiedelt sind. Multiresistente Keime, die dafür verantwortlich sind, dass Antibiotika nicht mehr wirken, gelangen hier in einem schockierenden Ausmaß in die Umwelt.

Sowohl der Themenabend „Gefährliche Medikamente“ als auch der Film „Der unsichtbare Feind“ zeigen: Es ergeben sich aus der Produktion von Arzneisubstanzen und der Herstellung von Medikamenten ähnliche beunruhigende Probleme, wie man sie aus Dokumentationen und Reportagen über die Textilproduktion im südostasiatischen Raum bereits kennt. Insofern ist es lobenswert, dass die ARD nun den Blick auf dieses Thema gelenkt hat.

15.05.2017 – René Martens/MK