Daniel Harrich/Ulrich Chaussy: Attentäter – Einzeltäter? Neues zum Oktoberfestattentat (ARD/BR)

Journalistischer Kraftakt

24.02.2015 •

Im Oktober 1980 detonierte auf dem Münchner Oktoberfest eine Bombe. Dreizehn Menschen starben und über 200 Personen wurden verletzt. Warum ist das schwerste terroristische Attentat in der Geschichte der Bundesrepublik bis heute unaufgeklärt? Darüber spekulierte der am 10. Oktober 2014 bei Arte und zuvor im Kino ausgestrahlte Spielfilm „Der blinde Fleck – Das Oktoberfestattentat“. Trotz inszenatorischer Schwächen (vgl. Kritik in FK-Heft Nr. 42/14) brachte die fiktive Bearbeitung des Attentat-Stoffs einige Bewegung in das abgeschlossene Verfahren: Im Dezember 2014 wurden sogar die Ermittlungen durch den Generalbundesanwalt wieder aufgenommen. Maßgeblich verantwortlich dafür ist Ulrich Chaussy. Der unermüdliche Journalist, der für den Bayerischen Rundfunk (BR) arbeitet, recherchiert nicht nur seit über 30 Jahren an diesem Fall. Er war auch am Drehbuch des autobiografischen Spielfilms beteiligt, in dem er von Benno Fürmann dargestellt wurde.

Am 4. Februar widmete sich die ARD zur besten Sendezeit ab 20.15 Uhr in einer Art Themenabend zwei Stunden lang dem Oktoberfestattentat. Zunächst wurde der Spielfilm gezeigt (eine Koproduktion von BR, SWR und Arte). Im Anschluss lief die 30-minütige Dokumentation „Attentäter – Einzeltäter? Neues zum Oktoberfestattentat“. Darin präsentierten die beiden Autoren Ulrich Chaussy und Daniel Harrich, der auch für die Spielfilmregie verantwortlich zeichnete, verblüffende neue Spuren, die sich nicht zuletzt aufgrund der Ausstrahlung des Fernsehfilms ergeben hatten. Unwillkürlich denkt man an jene telegene Verbrecherfahndung, die durch die Medienwirkung einer Sendung wie „Aktenzeichen XY…ungelöst“ (ZDF) ermöglicht wird. Da dieser Effekt von den Machern des Spielfilms gewiss nicht bewusst intendiert wurde, erscheinen die neuen Anhaltspunkte umso überraschender.

Dass die dichte, faktenzentrierte Dokumentation nur für denjenigen zugänglich ist, der die Geschehnisse vor Augen hat, versteht sich von selbst. Der Beitrag „Attentäter – Einzeltäter? Neues zum Oktoberfestattentat“ fängt nicht bei Null an. Die komplexe Geschichte mutet an wie ein Krimi, bei dem man mittendrin einsteigt, ohne dass die handelnden Figuren und Zusammenhänge noch einmal erklärt würden. Im Prinzip stellt die Fernsehdokumentation die offizielle Version der Ermittler in Frage, der zufolge der Anschlag von einem Einzeltäter verübt wurde.

Aussagen neuer Zeugen, die sich nach der Arte-Ausstrahlung von „Der blinde Fleck – Das Oktoberfestattentat“ bei Ulrich Chaussy meldeten, berichten übereinstimmend von zwei Verdächtigen, die sich in unmittelbarer Nähe jenes Papierkorbs stritten, in dem die Bombe kurz darauf gezündet wurde. Die Ausführungen eines Sprengstoffexperten, der schon 1980 an den Ermittlungen beteiligt war, stützen die Vermutung, dass die Attentäter zu zweit waren. Eine weitere neue Spur führt in ein Krankenhaus in Hannover. Eine ehemalige Krankenschwester erinnert sich, dass sie dort 1980 kurz nach dem Anschlag einen jungen Mann pflegte, der Unterarm und Hand durch einen angeblichen Unfall mit Sprengstoff verloren hatte. Dieser Patient, der kurz darauf spurlos verschwand, habe „ein Strahlen im Gesicht“ gehabt. Handelt es sich hier um einen mutmaßlichen Mittäter? War er stolz auf seine Tat in München?

Mit einer Fülle von Fakten untermauern Harrich und Chaussy die bereits in ihrem Spielfilm formulierte These: Die Aufklärung des Oktoberfestattentats wurde offenbar von höchster Stelle verhindert. Maßgeblich beteiligt an dieser Obstruktion war Hans Langemann, damals im Münchner Innenministerium zuständiger Abteilungsleiter für den bayerischen Verfassungsschutz. Doch was genau wollte die damalige CSU-Landesregierung vertuschen? Die beiden Autoren stellen es als wahrscheinlich dar, dass das Oktoberfestattentat von Rechtsextremen aus dem Umkreis der damaligen „Wehrsportgruppe Hoffmann“ verübt wurde. Vermutlich hatte der bayerische Verfassungsschutz schon damals die braune Szene mit zahlreichen V-Leuten infiltriert. Die Aufklärung des Anschlags wurde wohl deshalb verhindert, weil der bayerische Verfassungsschutz und die für ihn politisch Verantwortlichen peinliche Fragen verhindern wollten. Noch brisanter werden die Recherchen durch die angedeutete Querverbindung zwischen dem Oktoberfestattentat und der Mordserie, die Angehörige der rechtsradikalen NSU-Terrorgruppe im Zeitraum von 2000 bis 2006 an verschiedenen Orten in Deutschland an Migranten verübt haben.

Nicht jede These, die in der Dokumentation formuliert wird, erscheint hieb- und stichfest. Das kann man auch nicht erwarten, die Täter hatten über 30 Jahre Zeit, um Spuren zu verwischen. Dennoch muss Ulrich Chaussys journalistischer Kraftakt gewürdigt werden. Es ist faszinierend, mit welcher Hartnäckigkeit er über solch einen langen Zeitraum hinweg immer wieder neue Fakten ans Licht befördert. Die Redewendung von den Medien als „vierter Gewalt“ macht hier Sinn. (Die Dokumentation hatte 3,30 Mio Zuschauer bei einem Marktanteil von 11,2 Prozent; den Spielfilm „Der blinde Fleck“ sahen bei der ARD-Ausstrahlung zuvor 3,35 Mio Zuschauer, Marktanteil: 10,3 Prozent.)

24.02.2015 – Manfred Riepe/MK

Print-Ausgabe 7/2021

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