Die nicht enden
wollende Geschichte

Keine Stunde Null: Die Fortsetzung der ARD‑Serie „Weissensee“

Von Brigitte Knott-Wolf
16.10.2015 •

16.10.2015 • Eine Wiederbegegnung mit der DDR-Familie Kupfer als Beigabe zum Nationalfeiertag. Pünktlich zum 25. Jahrestag der deutschen Wiedervereinigung am 3. Oktober wurde jetzt die dritte Staffel der ARD-Fernsehserie „Weissensee“ als Event-Programmierung in Form von drei Doppelfolgen an drei aufeinanderfolgenden Tagen gesendet. Die Serie spielt wieder ausschließlich in Berlin, wobei nunmehr neben Ost-Berlin auch der Westen der Stadt als Schauplatz vorkommt; der Zeitraum reicht diesmal vom 9. November 1989, dem Tag, als die Mauer fiel und ab dem die deutsch-deutsche Grenze Geschichte war, bis zum 15. Januar 1990, der Stürmung der Stasi-Zentrale.

Der Zeitraum der dritten Staffel umfasst also knapp zehn Wochen. Bis zur eigent­lichen Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 reicht er somit nicht, was dafür spricht, dass es noch – mindestens – eine vierte Staffel geben müsste. Die hätte dann, dem Konzept der Serie folgend, nicht mit der deutschen Wiedervereinigung am 3. Oktober zu enden, sondern müsste mit ihr beginnen. Dieses Ereignis würde dann sowohl neue Turbulenzen und Intrigen auslösen als auch die alten Konflikte unter veränderten Bedingungen weiter fortführen, innerhalb und außerhalb der Familie Kupfer. Denn für „Weissensee“ gibt es keine Stunde Null, so wie es sie in der historischen Wirklichkeit auch nie gegeben hat.

Kaum zu übertreffende Intrigendichte

Die erste Staffel „Weissensee“ wurde 2010, zum 20. Jahrestag der Wiedervereinigung, gezeigt; ihre Handlung begann im Jahr 1980. Das Geschehen der zweiten Staffel, die im Jahr 2013 wieder in zeitlicher Nähe zum Nationalfeiertag am 3. Oktober ausgestrahlt wurde, setzte im Jahr 1987 ein (vgl. die Kritiken zu den beiden Staffeln in den FK-Heften Nr. 40/10 und 37/13). Die jeweiligen Zeiträume, in denen die Handlung spielt, sind von Staffel zu Staffel kürzer geworden. Aber wird diese Serie jemals zu einem Ende finden? Für einen solchen Stoff und ein solches dramaturgisches Konzept werden sich in der deutsch-deutschen Geschichte bis in unsere Tage hinein immer genug Anlässe und Charaktere finden lassen, um die Serie mit ihrem Reigen an Hinterhältigkeiten, Lügen, Beziehungskrisen und Karrieredenken unendlich fortsetzen zu können. Wenn auch die Intrigendichte gerade der jetzt ausgestrahlten dritten Staffel kaum noch zu übertreffen sein wird. So wird der Zuschauer beim täglichen Ansehen von zwei Folgen ohne Pause hintereinander in eine gewisse Atemlosigkeit versetzt.

Die neuen sechs Folgen erzeugen ihre Spannung mittels einer hohen und komplexen Handlungs- und Ereignisdichte bei häufigem Wechsel zwischen den einzelnen Schauplätzen und Handlungssträngen. Ruhe bringen dabei zahlreiche sich wiederholende, Erinnerung hervorrufende Momente und eine eher konventionell geführte Kamera, doch kein retardierendes Element eröffnet hier zum Nachdenken anregende Zeit. Eine Ausnahme bildet allerdings die letzte, die 18. Folge, in der es ein Innehalten gibt und die Protagonisten ausgiebig über sich und ihre Lebensumstände reflektieren. Zwar lässt damit die Spannung etwas nach, aber inhaltlich gesehen bleibt die Zukunft der Serien-­Figuren weiterhin unabgeschlossen. Wie es mit der Familie Kupfer und ihrem Umfeld weitergehen könnte, bleibt eine offene Frage.

Wenn man deutsche Zeitgeschichte in Form einer Familienserie erzählt, dann gehört zum Genre – wie der Mord zum „Tatort“ – eine Familienstruktur, auf die sich alle zeitgeschichtlich wichtigen Ereignisse projizieren lassen. So spiegeln sich in ihr die gesellschaftspolitischen Konflikte aus der Endphase der DDR. Neu dabei ist diesmal die westdeutsche Journalistin Katja Wiese (Lisa Wagner), sie wird die neue Freundin von Martin Kupfer (Florian Lukas). Und sie tritt in das Umfeld der DDR-Familie Kupfer zum Zeitpunkt des Mauerfalls, weil die Geschichte dieser Familie – wie die der DDR – ab jetzt nicht mehr ohne Einbeziehung von Westdeutschland erzählt werden kann. Dabei ist die Journalistin Katja, das erfährt man bereits in der ersten Folge, die Tochter eines westdeutschen DDR-Korrespondenten aus den 70er Jahren. Auch der einzige Protagonist aus dem Westen, der in der ersten Staffel mitwirkte, der Amerikaner Robert Schnyder, taucht wieder auf (erneut gespielt von Steffen Groth, allerdings jetzt mit Bart), und zwar in der Rolle eines westlichen Geheimdienstlers, sozusagen als Gegenspieler von Stasi-Mann Falk Kupfer.

Politische Konflikte spiegeln sich in privaten

Die Familie Kupfer um ihr Oberhaupt Hans Kupfer (Uwe Kockisch) und seine Frau Marlene (Ruth Reinecke) umfasst inzwischen drei Generationen, denn auch die Enkel spielen zunehmend mit, beispielsweise in Gestalt von Roman Kupfer (Ferdinand Lehmann), dem Sohn von Falk (Jörg Hartmann) und Vera Kupfer (Anna Loos). In Opposition zu dieser Familie steht diesmal das Demokratische Forum; es erinnert an das real existierende, im September 1989 als Bürgerbewegung von Bärbel Bohley, Katja Havemann, Jens Reich und anderen DDR-Bürgerrechtlern gegründete Neue Forum.

Die politische Opposition kommt in die kommunistische Musterfamilie Kupfer über private Beziehungen der Familienmitglieder, wie zum Beispiel Hans Kupfer, der von seiner Beziehung zu Dunja Hausmann (Katrin Sass) nicht lassen kann, obgleich er über 40 Jahre lang seiner Ehefrau Marlene die Treue hält. Diese – systemtreue – Ehefrau bricht (in der dritten Staffel) zum Zeitpunkt des Mauerfalls auf ähnliche Weise zusammen wie auch die DDR an diesem Tag zusammengebrochen ist: in einer Mischung aus – nicht vollendetem – Suizidversuch und organisch bzw. system-bedingtem Kreislaufkollaps; auch Hans Kupfer wirkt in dieser Staffel gesundheitlich angeschlagen. In der nachfolgenden Generation ist es die Frau des Kupfer-Sohnes und Stasi-Funktionärs Falk, Vera Kupfer (Anna Loos), die – nachdem sie sich in der zweiten Staffel in den in der Protestbewegung engagierten evangelischen Pfarrer Robert Wolff (Ronald Zehrfeld) verliebte und sich daraufhin von ihrem Ehemann scheiden ließ – jetzt aktiv im Demokratischen Forum mitmischt.

Den aufmüpfigen Pfarrer, den man erst in die zweite Staffel hineingeschrieben hatte, hat man jetzt wieder herausgeschrieben, indem er gleich zu Beginn von Staffel 3 ums Leben kommt. Auch hier hat Falk Kupfer, der Bösewicht dieser Serie schlechthin – und Liebling aller sich auf „Weissensee“ beziehenden Fernsehkritiken, die seine schauspielerischen Leistungen in den höchsten Tönen loben – wieder seine Finger im Spiel. Obwohl er auch diesmal wieder nicht unmittelbar für den Todesfall verantwortlich ist, denn Wolffs Ableben ist vielmehr die unbeabsichtigte Folge einer anderen Tat, bleibt Falk Kupfer zuständig für alles Böse, was die Handlung vorantreibt. Mit dem Tod von Pfarrer Wolff verschwindet allerdings auch die Kirche als Teil der Bürgerrechtsbewegung aus der Serie und macht nunmehr dem Demokratischen Forum als Hauptakteur der Bürgerbewegung Platz. Doch spielt auch der tote Pfarrer weiterhin noch eine Rolle, indem die Aufklärung der Art und Weise, wie er zu Tode gekommen ist, einen wesentlichen Handlungsstrang der gesamten dritten Staffel darstellt. Ebenso spielt die damals von Hannah Herzsprung gespielte Julia, die bereits in der ersten Staffel zu Tode kam, wieder indirekt mit, weil Martin Kupfer (Florian Lukas), ihr damaliger Freund, noch immer nach ihrer beider Tochter sucht. Martin ist der jüngere und ‘gute‘ Bruder des allmächtigen großen Bruders und Stasi-Offiziers Falk.

Selbst im Untergang, den gesellschaftspolitischen Auflösungserscheinungen am Ende der DDR, bleibt hier in dieser Serie die klassische Familie als Bezugssystem bestehen – sie erscheint in „Weissensee“ als einzige Institution, die diese Umbruchzeiten überstehen und den Menschen Halt geben kann. Im sozialistischen Musterland, so jedenfalls wollen es die Macher von „Weissensee“, scheint die ‘bürgerliche’ Welt gegen Ende der 80er Jahre noch in Ordnung zu sein. Wo sonst noch findet sich im fiktionalen Fernsehangebot unserer Tage eine solch klassische und weitgehend intakte Familienkonstellation? (Vgl. zu diesem Aspekt auch den MK-Leitartikel über „Familie und Fernsehen“.)

Familie als Ersatzheimat

Das Serien-Konzept wird auch in dieser dritten Staffel strikt durchgehalten. Es wird auf die Wiedererkennbarkeit von Personen und Handlungsmustern gesetzt. Dazu gehört ein unbedingter Realismus, geradezu Naturalismus, in der Abbildung der Räume und Personen. Die historischen Details sind alle sehr stimmig. Die Serie ist mit guten Schauspielern besetzt, die über eine Körpersprache verfügen, die Emotionen auch unausgesprochen verständlich macht. So bleibt in den Dialogen Spielraum für handlungsrelevante Argumente. Vielschichtig und komplex sind die Handlungsstränge, doch dies vor dem Hintergrund einer klassisch-konservativen Erzählweise, die wie ein stabilisierender Faktor wirkt, um die vorherrschenden Konfusionen auf ein über- und durchschaubares Handlungsschema zurückzuführen. Jede Folge endet wie gehabt mit einem mehr oder weniger gelungenen Cliffhanger.

Am Schluss, in der letzten Folge der dritten Staffel, ist bei den Protagonisten mehr Resignation und Erschöpfung denn Versöhnung zu spüren, auf jeden Fall aber kein Auftrumpfen, auf welcher Seite sie auch immer gestanden haben. Doch sie sind zumeist auch keine Verlierer, denn irgendetwas in ihrem Leben hat sich unter diesen Zeitumständen auch zum Guten gewendet und hat sie charakterlich reifen lassen. Der einzige wirkliche Verlierer unter den Hauptrollenfiguren ist Falk Kupfer, der ‘Fiesling’ (dem J.R. Ewing aus der US-Serie „Dallas“ nachempfunden). Nicht nur ist nunmehr seine Macht gebrochen, sondern er leidet auch körperlich, hat Herzprobleme. Und er lässt sich sogar vom westlichen Geheimdienst als Spitzel anwerben, um seine Haut zu retten. An die Stelle seiner einst gegenüber dem Staat DDR gehegten absoluten Loyalität ist jetzt die gegenüber seiner Familie getreten. Die will er in die neuen Zeiten hinüberretten, indem er der Stasi-Behörde das respektable Wohnhaus abkauft, in dem die Familie lebt, und indem er als Lohn für seine Spitzeldienste für sich und seinen Vater Straffreiheit einfordert.

Hier sehnt sich jemand nach Halt in der Familie, dessen Überleben als intakte Institution er beschwört. Und mit Falk Kupfer tut dies jemand, von dem man es eigentlich nicht erwartet hätte. So zeigt auch er sich einmal von einer guten Seite. Beinahe wäre aus ihm sogar noch ein Opfer geworden, denn Dunja Hausmann, deren Tochter Julia einst durch Falks Mitverschulden zu Tode gekommen war, bedroht ihn in einen der letzten Szenen der Abschlussfolge der dritten Staffel mit einer Pistole. Wie diese Konfrontation ausgeht, erfährt der Zuschauer allerdings nicht. Es ist der letzte Cliffhanger in dieser Staffel. Der wäre dann am Beginn der möglichen vierten Staffel einzulösen.

16.10.2015/MK

„Weissensee“, die dritte Staffel: Das Drehbuch schrieben Annette Hess (Folgen 13 bis 15) und Friedemann Fromm (16 bis 18), der auch die Regie führte. Die dritte Staffel hatte im Schnitt 4,76 Mio Zuschauer und einen Marktanteil von 15,8 Prozent. Die sechs neuen Folgen (à 45 Minuten) zeigte die ARD je im Doppelpack: Am 29. und 30. September und am 1. Oktober 2015 liefen im Ersten ab 20.15 Uhr zwei Folgen hintereinander.

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