Carolin Genreith: Das Golddorf – Asyl im Heimatidyll (ARD/NDR/BR/SWR/WDR/RBB)

Ungläubige Blicke

07.08.2015 •

07.08.2015 • „Unser Dorf soll schöner werden – Unser Dorf hat Zukunft“: Diesen Wettbewerb, den deutsche Dörfer seit vielen Jahren untereinander austragen, hat die 5000-Seelen-Gemeinde Bergen am Chiemsee einmal gewonnen. Seither darf sich Bergen „Golddorf“ nennen. In diesem netten Ort stimmt einfach alles. Es gibt Berge, Kühe, Schuhplattler und Trachtenmädel, die sich ihre Haare noch genau so zu Zöpfen flechten, wie es ihre Großmütter getan haben. An jeder Straßenecke könnte einem Hansi Hinterseer begegnen. Und nicht nur der. Dass aus dem hiesigen Wirtshaus plötzlich „schwarze Köpfe herausschauen“, das findet der urige Bauer Sepp Vachenauer, ein gebürtiger Bergener, „gewöhnungsbedürftig“. Seit einiger Zeit werden im Chiemgau nämlich Asylbewerber aus Eritrea, Syrien und Afghanistan untergebracht. Die perfekte Heimatidylle trifft auf Heimatlosigkeit.

Diesem Thema hat Carolin Genreith eine neunmonatige Langzeitbeobachtung gewidmet. Stellvertretend für das Schicksal vieler Asylbewerber porträtiert sie in ihrem Film – der wegen eines zusätzlich um 22.45 Uhr ins Programm genommenen „Weltspiegel extra“ zum Flüchtlingsdrama im Mittelmeer 15 Minuten später begann, als ursprünglich vorgesehen – zwei junge Männer: Ghafar F. und Fishatsyon H.; die Nachnamen der beiden werden in der Dokumentation nicht genannt. Ghafar stammt aus Afghanistan und ist Regisseur. Er hat selbst schon einen Film realisiert. Da er auch für die in Afghanistan stationierte Bundeswehr als Videojournalist gearbeitet hat, wollen ihn die fundamentalistischen Taliban töten. Sein Leben bedroht sah auch der aus Eritrea stammende Fishatsyon, weshalb er aus der Militärdiktatur seines Landes durch die Sahara über Libyen bis nach Deutschland geflüchtet ist. Das Warten auf den Bescheid zu ihren Asylanträgen ist für beide Männer zermürbend, zumal sie das Gefühl haben, dass sie in diesem idyllischen Ort nicht wirklich willkommen sind, wie der Beitrag (Produktion: Nordend Film) unterschwellig deutlich macht.

Bei ihrem Projekt hatte die Regisseurin eigentlich mit einem turbulenten Culture Clash gerechnet. Doch in Bayern sind die Verhältnisse anders. Und auch nicht zu vergleichen mit Gegenden in den neuen Bundesländern, wo Skinheads regelmäßig Jagd auf – vorwiegend dunkelhäutige – Asylsuchende machen. Nein, in Bergen gibt es keine Eklats. Schon gar nicht, wenn eine hübsche junge Regisseurin vom Fernsehen kommt, um mit einem Filmteam die Stimmung auszuloten. Von einer gewissen Gereiztheit berichtet allein Sepp Reitmaier, ein junger aufgeschlossener Zahntechniker, der mit den Asylbewerbern gleich nach deren Ankunft ins Gespräch kam und hinterher prompt von einheimischen Dorfbewohnern angesprochen wurde, was er denn mit „denen da“ zu bereden habe.

Spannungen und Reibungen vermag Carolin Genreith in ihrem Film (980.000 Zuschauer, Marktanteil: 7,5 Prozent) aber nicht wirklich zu dokumentieren. Man ist freundlich zu den beiden Asylsuchenden, doch außer der engagierten Monika Berlitz, die als Kind selbst Vertreibung erlebt hat, knüpft kaum jemand Kontakt mit den Fremden. Was vor allem damit zu tun haben dürfte, dass sie nur Englisch sprechen. Genreith begleitet die beiden ins Schwimmbad, zum Schuhplattler-Wettbewerb und zu einem traditionellen Berglauf. In dieser Szene, in der die Asylsuchenden mit ungläubigen Blicken die Austragung eines schweißtreibenden Extremsport-Wettbewerbs beobachten, treffen buchstäblich Welten aufeinander. Ghafar und Fishatsyon bangen tagtäglich darum, dass sie nicht abgeschoben werden. Aus ihrer Perspektive sieht es so aus, als wenn in Deutschland die Menschen nichts Besseres zu tun haben, als steile Berge hinaufzurennen.

Das alles ist schön beobachtet, vielleicht sogar ein wenig zu schön. Das Idyll mit Blaskapelle vor Berghintergrund wird in „Das Golddorf“ zur provokativ ausgestellten Idylle. Es beschleicht einen das Gefühl, dass die hervorragend in Szene ge­setzte Landschaft wichtiger ist als das Thema der Asylsuchenden. Man ertappt sich irgendwann bei dem Gedanken, dass das Ganze nicht wirklich abendfüllend ist. Und so verwundert es auch nicht, dass der Film es nicht auf eineinhalb Stunden bringt. Für mehr als 75 Minuten reicht es nicht.

07.08.2015 – Manfred Riepe

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