Die Frage nach der professionellen Ethik

Journalismus und Kalter Krieg: Gespiegelt in Interviews mit Korrespondenten

Von Rupert Neudeck
14.08.2015 •

Weit zurück liegt diese Zeit schon, der Fall der Mauer und das damit besiegelte Ende eines vergeblichen Menschheitstraums liegen nunmehr über 25 Jahre zurück. Es wird höchste Zeit, noch lebende Auguren unter den Korrespondenten der damaligen Zeit aufzufinden, die uns Auskunft geben können über das, worüber wir als Zuschauer seinerzeit nichts erfahren haben: die Produktionsbedingungen der Fernsehauslandskorrespondenten in totalitären, aber auch in westlich-liberalen Ländern. Einige von denen, die Lutz Mükke in seinem Buch „Korrespondenten im Kalten Krieg“ in langen Interviews zu Wort kommen lässt, sind inzwischen bereits gestorben, 2010 zum Beispiel Lothar Loewe, einer der umstrittensten Reporter auf der Auslandsbühne des ARD-Fernsehens. Und auch Manfred Pohl, der 1968 für die DDR-Nachrichtenagentur ADN und das „Neue Deutschland“ nach Damaskus ging, er verstarb 2013.

Es sind fünfzehn Korrespondenten, die für das Buch interviewt wurden, wobei das Prinzip der Auswahl nicht deutlich wird. Warum zum Beispiel ist von den WDR-Reportern hier (der jüngst verstorbene) Klaus Bednarz, aber nicht auch Fritz Pleitgen dabei? Auf jeden Fall sind es sieben Journalisten aus der Bundesrepublik und acht Vertreter aus der DDR, die das Befragten-Panel bilden.

Die kämpferische Position

Lothar Loewe vom früheren Sender Freies Berlin (SFB) ist der freigebigste Informant für die Leitfrage des Buchs: Wie konnte sich die professionelle Ethik des Journalismus in Zeiten des Kalten Kriegs bewähren? Um es vorweg zu sagen: Sie konnte es nur sehr schlecht bis gar nicht. Denn die Beschränkungen, denen ein Korrespondent des öffentlich-rechtlichen Fernsehens ausgesetzt war, hätten eigentlich in die Berichterstattung nüchtern Eingang finden müssen. Der Zuschauer aber bekam ein Bild von Verhältnissen, die manchmal extrem, manchmal exotisch waren, indes, mit welch irrsinnigen Bürokratie-Hindernissen die Korrespondenten damals um ein Minimum an Freiraum kämpfen mussten, das wurde nicht deutlich gemacht. Daraus entstand ein Überhang des politischen Wohlwollens, das man allein für die Vergabe des Korrespondentenpostens hergeben musste. Da die totalitären Systeme natürlich um die unerbittlichen Konkurrenzen wussten zwischen den Systemen der freien Länder, konnten sie auf dieser Klaviatur sehr gut spielen.

Insofern war eine offene Äußerung von Lothar Loewe auch der Gipfel des Journalismus. Als Loewe am 21. Dezember 1976 nach so vielen Bemühungen, sich wohlwollend zu zeigen, eben diese Sätze in Ost-Berlin in die Kamera sprach, kam auch der Journalismus zur Geltung, der ja etwas anderes sein soll als Diplomatie. An diesem Tag hatte Loewe gesagt: „Hier in der DDR weiß jedes Kind, dass die Grenztruppen den strikten Befehl haben, auf Menschen wie auf Hasen zu schießen.“

Ähnlich eindrucksvoll gibt Klaus Bednarz zu verstehen, wie schwierig die Verhältnisse im Moskauer Studio waren. Und auch, wie dabei die Konkurrenzverhältnisse zwischen ARD und ZDF und den Zeitungen aufgeribbelt wurden. Bednarz lässt zudem erkennen, wie gewaltig die Rolle der mutigen Dissidenten vom Schlage eines Lew Kopelew war, der ja Netzwerke in alle Himmelsrichtungen ausgespannt hatte. Bednarz verstand auch diese seine Position damals in der sowjetischen Hauptstadt kämpferisch. Er habe sich nach der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE), die in Helsinki stattfand, immer auf deren am 1. August 1975 unterzeichnete Schlussakte mit ihrer Garantie für Meinungs- und Pressefreiheit bezogen und den Zensoren ins Angesicht gesagt: „Ihr habt die Helsinki-Akte damals unterschrieben. Ihr seid stolz darauf. Ihr habt das groß propagiert. Dann könnt ihr uns hier nicht so restriktiv behandeln.“

Es geht in Mükkes Buch um Fernsehkorrespondenten beider Seiten, West wie Ost. Bei den Vertretern aus der früheren DDR stört mich deren anführungslose Bezeichnung als Journalisten. Nach allem, wie man den Beruf je verstehen konnte, konnten das keine Journalisten im Wortsinn sein. Sie hatten vielleicht eine Sehnsucht danach, aber das war es dann auch. Diese „Journalisten“ waren Presse- und Medienagenten ihrer Regierung und der herrschenden Partei und Ideologie. Das macht eben keinen Journalismus, wie auch der Pressesprecher der Bundesregierung kein Journalist mehr ist.

Dass sich die DDR-Vertreter so nannten, ist eine Sache für sich. Sie waren im Auftrag ihres Politbüros unterwegs, bekamen Sprachanleitungen, Richtungsentscheidungen, durften über bestimmte Fragen überhaupt nicht berichten. Es wird zwar im Vorwort des Buchs klargestellt, dass ein Korrespondent aus der DDR eben nicht einfach neugierig sein und seinem journalistischen Impuls nicht nachgeben durfte. Doch nur einer der Interviewten ist in der Lage, nachträglich Selbstkritik zu üben. Es ist Reiner Oschmann.

Unterwegs im Auftrag des Politbüros

Oschmann hatte von Zeit zu Zeit, wie das üblich war, der Hauptverwaltung Aufklärung (HVA), also dem Auslandsgeheimdienst der DDR, Informationen geliefert bei seiner Tätigkeit von 1981 bis 1985 in London. Er sagte: „Wer mich heute fragt, was ich in meinem Leben lieber nicht hätte tun, wo ich mich hätte verweigern sollen, dann sind es diese Kontakte. Ich habe niemanden ans Messer geliefert“, betont er dabei. Doch auch wenn die Geheimdienste zum Kalten Krieg gehörten, so fährt er fort, „betrachte ich die zeitweise Tätigkeit für die HVA rückblickend als meine größte Schwäche, als meinen größten Fehler.“

Die Fragen im Buch sind zum Teil nicht auf der Höhe der problematischen Zeit. Bei einem Korrespondenten der „Westfälischen Rundschau“ (Peter Nöldechen) nicht zu berücksichtigen, dass der Vertreter einer Lokalzeitung aus dem Ruhrgebiet natürlich längst nicht so gefährlich war wie ein Korrespondent des Staatsgrenzen überwindenden Fernsehens zeugt davon, wie naiv manche der Journalisten nur von einer Frage ausgingen: „War alles Propaganda?“

Natürlich war es das nicht. Aber alle sogenannten Journalisten der DDR waren knallharte Parteimitglieder, und sie mussten so knallhart sein, weil sie im Ausland nicht republikflüchtig werden durften. Reiner Oschmann ist im Interview mit seinen Antworten besser als die womöglich absichtlich naiven Fragen, die dann auch verhindern, dass man weiter hätte fragen können. Zum Beispiel: Wer aus dem Familien- und Verwandtschaftsverbund durfte die ostdeutschen Auslandskorrespondenten besuchen? Sie waren ja in einer überragenden Privilegsituation. Der Korrespondent war Reisekader und musste die Gewähr bieten, dass er keine Fluchtüberlegungen anstellte.

Auf die Frage „Würden Sie rückblickend den DDR-Journalismus als Propaganda einstufen?“ gibt Reiner Oschmann die alles entscheidende Antwort: „Na was denn sonst? Der ‘Journalismus’ war stark ideologisiert. Wer noch heute das Gegenteil behauptet, lügt.“ Mit Blick auf die Rahmenbedingungen der DDR, so Oschmann, konnte es wahrscheinlich auch gar nicht anders sein. Die editorische Grundhaltung besteht darin, doch noch – jenseits der schlechten – nach den guten ostdeutschen Journalisten zu suchen. Es gab in der DDR jedenfalls keinen Journalismus, es gab das Gegenteil.

Dass westliche Korrespondenten in die Falle des Systems, vielleicht sogar manchmal in die der Geheimdienste hineingeschlittert sind, wird man nicht dementieren, war aber (und ist auch heute) keine Berufsbedingung. Ulrich Kienzle, damals tätig für den Süddeutschen Rundfunk (SDR), stellt im Gespräch fest, dass er 1974 gleich nach seiner Ernennung zum ARD-Korrespondenten für den Nahen Osten (mit Sitz in der libanesischen Hauptstadt Beirut) vom Präsidenten des Bundesnachrichtendienstes eingeladen und aufgefordert wurde, auch mal zwischendurch für den BND zu berichten. Das kam natürlich für einen Vollblutreporter überhaupt nicht in Frage.

Eine Konstante der deutschen Nahost-Berichterstattung war (und ist es bis heute) die selbstgefesselte Professionalität der Medien gegenüber den Behörden Israels. Kienzle hatte herausbekommen, dass Israel die maronitischen Christen im Südlibanon heftig mit Treibstoff und Baumaterial unterstützte, auch über die Grenze. Am Tag darauf rief der israelische Botschafter den SDR-Intendanten in Stuttgart an und bezichtigte den Korrespondenten der Lüge. Doch anstatt dass sich ein Intendant einen solchen Anruf einfach verbittet, kam es zu einer typisch deutschen Szene, die bis heute die Berichterstattung aus Israel und Nahost immer wieder an den Rand der journalistischen Professionalität bringt: Der Intendant rief bei Kienzle an und fragte, warum dieser Märchen erzähle? Er wollte es dem Intendanten erklären, doch es war längst etwas passiert. Der Chefredakteur der ARD rief an und bot Kienzle den Wechsel auf den Korrespondentenposten in Südafrika an.

Die Zeit, als ein Bericht noch gemorst wurde

Kienzle war schockiert, es war ein Angriff auf seine „Berufsehre, das Schlimmste, was einen passieren kann. Wenn die Unwahrheit sich zu Hause durchsetzt, dann können sie nichts mehr machen“. Kienzle ist einer der wenigen, der über einen solchen Rausschmiss und eine solche Konsequenz, deren Opfer er war, offen berichtet hat. Andere haben darüber im Sinne des Erhalts ihrer Karriere besser kein Wort verloren. Ein halbes Jahr später habe der israelische Ministerpräsident Menachem Begin selbst bekannt gemacht, dass es diese Kooperation mit den Maroniten gab. Kienzle rief SDR-Chefredakteur Emil Obermann an: „Wer hat jetzt Recht behalten, Herr Obermann?“

Man erfährt zusätzlich zum Thema des Buchs vieles über die journalistischen Usancen, die Wandlungen, die es im Presse- und Mediengewerbe gegeben hat. Die Revolution, die durch Handys und die digitale, den Globus umspannende Live-Kommunikation ausgebrochen ist. Ein Interviewter benutzt noch ein Wort, das wir heute weder als Wort noch als Realität kennen: Er habe einen Bericht „gemorst“. Wer kann sich die Morsetaste, auch wenn sie es tatsächlich einmal war, heute noch als Überbringerin von Nachrichten vorstellen? Sensationell waren ab Mitte der 1970er Jahre die Telexgeräte, die schon das Überbringen der Nachricht in Echtzeit möglich machten, aber auch die kennt heute im Zeitalter der digitalen Kommunikation niemand mehr.

Der WDR fing in dieser Zeit an, Live-Gespräche für sein „Mittagsmagazin“ im Hörfunk zu senden. Der Südafrika-Korrespondent des „Spiegel“, Paul M. Schumacher, erzählt im Interview mit Mükke, wie es bei einer Live-Schalte für ein Gespräch mit dem WDR zu einem Knacken kam und jemand auf Afrikaans brutal in die Sendung quatschte. Schumacher daraufhin live: „Freundchen, geh mal von der Leitung runter. Du bist im falschen Programm.“ Da war ein erschrockenes Schweigen zu hören, nochmal ein Knacken, dann war der Korrespondent wieder auf Sendung. Durchgängig haben Geheimdienste immer wieder versucht, sich in die Arbeit der Auslandskorrespondenz einzuschalten, aber wahrscheinlich mit wenig Erfolg. Geheimdienstagenten sind ja auch nur zweite Wahl, manchmal gescheiterte Existenzen im bürgerlichen Leben.

Mit welcher Chuzpe sich Diktaturen daran machen, die Berichterstattung zu kaufen, zeigt das Beispiel des zehnseitigen Gesprächs, das der Staatssekretär im südafrikanischen Informationsministerium, Eschel Rhoodie, verfertigt und damit auch gefälscht hatte. Er übergab es dem „Spiegel“-Korrespondenten, mit dem er Squash spielte, und sagte: „Paul, wenn du dieses Manuskript im ‘Spiegel’ veröffentlichst, hast du die nächsten Jahre Ruhe.“ Schumacher erklärte, er müsse das der Chefredaktion vorlegen, hatte das Papier aber schon in die Jackentasche gesteckt. Rhoodie hatte das Manuskript eigentlich nicht hergeben wollen und prügelte sich dann mit Schumacher in dessen Büro, bis eine Sekretärin sie trennen musste.

Mit einer kundigen Pankow-Exegese lesen

Lutz Mükke berichtet, wie aus dem Muster der verschiedenen Rollen einzelne Ausreißer möglich waren. Aber es waren winzige Ausnahmen. Das hatte bei den DDR-Leuten damit zu tun, dass so gut wie alle gläubige Kommunisten und Sozialisten waren. Stabile familiäre Verhältnisse wirkten sich positiv auf die Auswahl aus. Deshalb gingen die Frauen zumeist mit den Männern an die Berichtsorte. „Ledig oder homosexuell zu sein, war von Nachteil“, schreibt Mükke dazu.

Der überzeugteste DDR-Korrespondent wird gleich zu Beginn interviewt. Dr. Klaus Steiniger war jemand, der sogar Scoops hinbekam, und dennoch ein gläubiger Kommunist war, der seine SED-Mitgliedschaft für selbstverständlich hielt als Vorbedingung für die Berichterstattung. Steiniger sagt, er sei niemals irgendeiner formellen Zensur unterworfen worden. Fast alle 2500 Artikel, die er für das „Neue Deutschland“ geschrieben habe, seien alle so in die Zeitung gekommen, wie er sie geschrieben habe. Trotzdem war das ja keine Zeitung, sondern eine hochoffizielle Parteipostille, die man nur mit einer kundigen Pankow-Exegese lesen konnte.

Steiniger erklärt dann auch gleich, dass das wichtigste Kriterium für jemanden, der als Auslandskorrespondent arbeitete oder arbeiten wollte, das Vertrauen der Oberen war, dass „die Betroffenen immer zurückkommen würden“. Und dass sie ungeschminkt sagten, was sie dort erlebt hätten. Das klingt nun fast schon nach der wirklichen professionellen Ethik. Deshalb fügt Steiniger hinzu: „Ungeschminkt bedeutete natürlich auch: aus einer marxistischen Position heraus.“ Der Korrespondent Steiniger war vorher Staatsanwalt und kann sich auch diesbezüglich weißwaschen, weil er zu der Zeit mal jemanden nicht verurteilt hat, der als Fernfahrer in Güstrow in ein Geschäft kommt und Butter haben wollte. Er sagt der Verkäuferin, dass er als Fernfahrer nicht extra eingetragen sein müsse und zeigt seine Karte. Er bekommt immer noch keine Butter. Darauf sagt der Fernfahrer im Laden laut: „Wenn wir im Sozialismus schon nichts zu fressen kriegen, was soll dann erst im Kommunismus werden?“ Daraufhin wurde der Fernfahrer angeklagt, es kam zu einem Gerichtsverfahren, das der damalige Staatsanwalt Steiniger trickreich niederschlug, so dass der Fernfahrer einer Strafe entging.

Das Buch geht von der klaren Frage nach einer professionellen Ethik aus. Es muss jedoch angezweifelt werden, ob es hier eine Gleichsetzung geben kann, dass Journalisten in den beiden Staaten als gleichwertige publizistische Verteidiger des jeweiligen politischen Systems agierten, in dem sie sozialisiert wurden. Lutz Mükke, der Herausgeber und Autor, weicht allerdings der aufrechterhaltenen Frage nach der professionellen Ethik aus, denn es ist fraglich, ob das Bild und die Rolle eines Journalisten im Osten überhaupt aufrechterhalten werden konnte, wenn alles durch Agitation, Propaganda und marxistische Weltanschauung bestimmt wurde. Das schließt nicht aus, dass jemand, der pro forma ein Staatsjournalist war, auch einmal richtig liegen konnte und beim Prozess gegen die US-amerikanische Bürgerrechtlerin Angela Davis groß auffiel und daraufhin sogar zu US-Außenminister Henry Kissinger gebeten wurde.

Der DDR-Mann war in Washington, einquartiert im Hotel gegenüber dem Weißen Haus. Es war Klaus Steiniger und er wollte sich nach der vermeintlichen Einladung zu Kissinger begeben. Doch der war gar nicht im Land, denn er begleitete gerade den sowjetischen Botschafter nach Moskau. So wurde deutlich, dass für den US-Außenminister der Korrespondent Steiniger der Adlatus eines, wie Kissinger zu sagen pflegte, unwichtigen „drittrangigen Landes“ war.

Lutz Mükke: Korrespondenten im Kalten Krieg. Zwischen Propaganda und Selbstbehauptung. Herbert-von-Halem-Verlag, Köln 2014, 442 Seiten, 69 Abbildungen; 28,- Euro

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