Werner Biermann: Der Primus – Franz Josef Strauß (ARD/BR)

Vom Akteur zum Opfer

12.08.2015 •

Am 6. September jährt sich der Geburtstag von Franz Josef Strauß zum 100. Mal. Aus diesem Anlass zeigt das Erste schon jetzt ein Doku-Drama über das Leben des CSU-Politikers, das Zeitzeugeninterviews, viele Ausschnitte aus dem Fernseharchiv und noch mehr Spielfilmszenen enthält. Letztere sind so umfangreich und dramaturgisch so zentral, dass es eigentlich nicht gerechtfertigt ist, diesen Film als „Dokumentarfilm“ anzukündigen, wie es die ARD in ihren Programminformationen getan hat. So steht gleich zu Beginn eine fiktive Szene über ein Telefonat von Strauß mit seiner Frau Marianne, in dem es um die Entscheidung zur Kanzlerkandidatur im Jahr 1979 geht. „Der Primus“ schildert das Leben des 1988 verstorbenen Politikers nicht in chronologischer Reihenfolge, vielmehr ist der Dreh- und Angelpunkt die Bundestagswahl 1980, die er verliert.

Dieser Wahlkampf bringt Strauß nicht in das angestrebte Amt des Bundeskanzlers. Bei der Wahl müssen CDU und CSU zudem hohe Stimmenverluste hinnehmen, die darauf hindeuten, dass eine Person wie Strauß als Spitzenkandidat seinerzeit der Bevölkerung jenseits des „Weißwurstäquators“ offenbar nicht zu vermitteln war. Strauß selbst, so erzählt es der Film, hat sich später sogar über mangelnde Unterstützung aus den Reihen der CDU bei seinem Wahlkampf beklagt. Auf die Bundestagswahl 1980 – in dem Jahr wurde Strauß 65 – geht der Film immer wieder ein; von diesem Zeitpunkt aus schaut er zurück auf den Werdegang dieses Politikers und erzählt von den ihm danach noch verbleibenden Lebensjahren als bayerischer Ministerpräsident, bis er im Oktober 1988 auf einem Jagdausflug zusammenbricht und zwei Tage später stirbt.

Das Leben von Franz Josef Strauß wird in Rückblenden erzählt; darin geht es auch um die Anfänge in der Münchner Schellingstraße: Strauß, Sohn eines Metzgermeisters, wird in den 1920er Jahren wegen guter Schulnoten vom Pfarrer ans Münchner Maximilians-Gymnasium empfohlen, wo er als Klassenprimus sein Abitur macht, um anschließend ebenso erfolgreich alte Sprachen und Geschichte zu studieren. Auf diesen Werdegang aus kleinen Verhältnissen heraus legt der Film ebenso Wert wie auf die Feststellung, dass die Familie gegenüber den Nazis kritisch eingestellt gewesen sei.

Bei Kriegsende kooperiert Strauß mit den Amerikanern in Schongau, wo er seine Nachkriegskarriere als Politiker in der Position eines Landrats startet. Bald nach Gründung der Bundesrepublik setzt er diese Karriere auch in Bonn unter Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU) fort. Dass Strauß als militanter Antikommunist auftritt, wird in dem Film auf traumatische Erfahrungen während des Russland-Feldzugs zurückgeführt, an dem er als Soldat der Wehrmacht nach seinem Studienabschluss teilnahm.

Viele der bekannten Skandale um Strauß und seine ‘Vetternwirtschaft’ werden zwar erwähnt, aber in der Regel recht kurz und knapp behandelt. Viel wichtiger ist dem Drehbuchautor Werner Biermann, der bereits mehrere Dokumentationen über Strauß gedreht und 2006 eine Strauß-Biografie veröffentlicht hat, etwas anderes: Als entscheidenden Gegenspieler von Strauß macht er das Hamburger Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ mit dessen Herausgeber Rudolf Augstein aus, das viele dieser Skandale aufgedeckt hat. In diesem Zusammenhang gerät Strauß in dem Film allerdings alsbald von der Rolle des politischen Akteurs in die eines Opfers übler Pressekampagnen. So nimmt neben der verlorenen Bundestagswahl 1980 auch die „Spiegel-Affäre“ von 1962 einen großen Raum ein, in deren Folge Strauß als Verteidigungsminister zurücktreten muss. Nach Darstellung des Films deckt er mit diesem Schritt Adenauer, der Strauß ausdrücklich grünes Licht für die Veranlassung der widerrechtlichen Festnahme des „Spiegel“-Journalisten Conrad Ahlers in Spanien gegeben habe. (Ahlers hatte 1962 den die Affäre auslösenden „Spiegel“-Artikel „Bedingt abwehrbereit“ zum Zustand der Bundeswehr geschrieben, der zum Vorwurf des Landesverrats führte.)

„Der Primus“ ist ein technisch aufwendig gedrehter Film mit vielen Reenactment-Szenen, der von der in diesem Genre sehr erfahrenen Produktionsfirma Gruppe 5 (Köln) hergestellt wurde. Wo diese Spielfilmszenen Wert darauf legen, vorzuführen, wie drastisch sich Strauß im privaten Umfeld gelegentlich ausgedrückt hat, geraten diese ‘Wutreden’ jedoch allesamt unglaub­würdig und unnatürlich steif; sie sind nahezu schultheatermäßig inszeniert. Dabei seien sie, so heißt es im Film, von Strauß oft auch eher witzig als cholerisch gemeint gewesen. Doch eine witzige Darstellungsweise gelingt hier noch viel weniger. Die fiktiven Szenen wirken allesamt recht hölzern und erinnern darin eher an Dokumentationen der ZDF-Reihe „Terra X“, für die die Firma Gruppe 5 auch häufig arbeitet.

Die beiden Hauptrollen in den nachgestellten Szenen werden von Schauspielern verkörpert, die diese Rollen bereits in anderen Filmprojekten gespielt haben: Franz Josef Strauß wird dargestellt von Bernhard Ulrich, der diese Rolle bereits in dem Doku-Drama „Konrad Adenauer – Stunden der Entscheidung“ (ARD/SWR/WDR/Arte 2012; vgl. Kritik in FK 31/12) gespielt hatte, auch eine Produktion der Gruppe 5. Das Drehbuch zu „Konrad Adenauer – Stunden der Entscheidung“ war ebenfalls von Werner Biermann verfasst worden. Auch der Darsteller von Konrad Adenauer, Joachim Bißmeier, tritt in beiden Produktionen auf.

Bei „Der Primus“ (1,34 Mio Zuschauer, Marktanteil: 9,4 Prozent) hätte man sich die dokumentarischen Teile ausführlicher gewünscht. Viele dieser Szenen aus den Fernseharchiven zeigen Strauß als politischen Redner; seine Wirkung auf die Bevölkerung wird positiv wie negativ dargestellt, denn neben massenhafter Zustimmung wird auch massenhafte Ablehnung durch Demonstranten sichtbar. Als einen diskursfähigen Politiker mit klaren Konzepten zeigen diese Szenen ihn allerdings nicht.

12.08.2015 – Brigitte Knott-Wolf

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