Lutz Seiler: Kruso (Deutschlandradio Kultur/MDR Figaro)

Anregung zur Lektüre

18.06.2015 •

Es ist ein schreckliches, ein existenzielles Ereignis, das den jungen Germanistik-Studenten Edgar Bendler von seinem Studienort Halle ganz hoch in den Norden auf die Ostseeinsel Hiddensee treibt. Er hatte sich ganz in den Lyriker Georg Trakl versenkt, war gebannt von dessen berauschenden Gedichten, den Einflüssen von Rimbaud und Baudelaire auf dessen Werk, der unglückseligen Liebe Trakls zu seiner Schwester Margarethe, den grauenhaften Erlebnissen, die Trakl als junger Sanitäter in der Schlacht von Grodek hatte, und vom Tod des Dichters durch eine Überdosis Kokain am 3. November 1914. Er war nur 27 Jahre alt geworden, drei Jahre älter als Edgar.

Nach dem Unfalltod seiner Freundin flieht Ed, wie er auch genannt wird, aus seinem bisherigen Leben, sucht sich Unterkunft und Arbeit auf Hidden­see, der Insel, die – so ist zu lesen – zu DDR-Zeiten als geheimer Treffpunkt für Aussteiger galt, die so etwas war wie das Ende der Welt der Deutschen Demokratischen Republik. In der Gaststätte „Zum Klausner“ (die es tatsächlich gab und heute noch gibt) findet er einen Job als Tellerwäscher. Im Westen sozialisiert, denkt man rasch an eine beliebte Zutat bei Autorenbiografien der siebziger und achtziger Jahre. Wer auf sich hielt war, überspitzt gesagt, auch einmal Tellerwäscher gewesen, hatte also zugepackt und sich geschunden, um schreiben zu können, um sich das Schreiben zu finanzieren.

Doch Edgar Bendler will nicht schreiben, er will loskommen von seinen Alpträumen, von der Qual des Verlusts der Freundin, er will einfach für eine Zeitlang in gewisser Weise ein Anderer sein. In dieser Situation, im Sommer 1989, lernt er den ebenso beherrschenden wie rätselhaften Russen Alexander Krusowitsch kennen, den alle im „Klausner“ nur Kruso nennen. Eine schwierige und doch gefühlstiefe Freundschaft beginnt sich in der Gemeinschaft der „Esskaas“ zu entwickeln, wie die Saisonkräfte (= SKs) in der DDR genannt wurden.

2014 wurde Lutz Seilers Roman „Kruso“ veröffentlicht und dieser Titel ist natürlich auch eine Anspielung auf Robinson Crusoe, die Titelfigur des 1719 erschienenen Romans von Daniel Defoe. Seiler gibt in seinem Buch mehr als einen Verweis auf Robinson Crusoe und dessen Freund Freitag. Seilers Kruso aber hat, so wird schnell klar, eine eigene, phantasmagorisch anmutende Mission. Er will nicht, wie Crusoe – sehr verkürzt gesagt – den „edlen Wilden“ durch Christianisierung retten. Aber auch er will retten – was in Seilers gelegentlich lyrisierender Sprache so lautet (in Sätzen von Kruso): „Die Aufgabe des Ostens, Ed, ich meine, des ganzen Ostens, von den kasachischen Jurten angefangen, vom Zirkuszelt meiner Mutter an, in Karaganda, bis zu dieser Insel, dieser Arche, wird es sein, dem Westen einen Weg zu zeigen. Einen Weg zur Freiheit, verstehst du, Ed? Es wird unsere Aufgabe sein, und die Aufgabe des ganzen Ostens. Ihnen, die technisch, ökonomisch, infrastrukturell so weit gekommen sind, mit ihren Autobahnen, Taktstraßen und Bundestagen, den Weg zur Freiheit zu weisen, diese verlorene Seite ihres Daseins.“

Waren es Sätze wie diese, die die Jury des Deutschen Buchpreises 2014 bewogen haben, Seiler vor anderen, durchaus ebenfalls interessanten und preiswürdigen Mitfavoriten die Auszeichnung zu verleihen? Oder war es so, dass Seilers erster Roman ihn als Lyriker auswies, als Autor eines Tons, den man seit langem nicht mehr gelesen oder gehört hatte, und dass dies die Jury betörte?

Inspiriert hat der Preis sicherlich die Dramaturgie des Deutschlandradios Kultur und den koproduzierenden MDR (dessen Hörspielabteilung ihren Sitz in Halle hat, das ja auch im Roman eine Rolle spielt), aus diesem durch und durch epischen Gebilde ein Hörspiel machen zu wollen. Was zwangsläufig dazu führen musste, dass auch in der Texteinrichtung und Regie des erfahrenen Ulrich Gerhardt nichts anderes als eine Lesung entstehen konnte. Zugegeben, eine 90-minütige Lesung auf hohem Niveau – mit Jens Harzer als einzigem Sprecher, Erzähler und in der Rolle des Protagonisten –, umsichtig mikrofoniert, sorgsam auf unterschiedlichen Sprechebenen und mit unterschiedlichen Sprechhaltungen spielend, aber eben doch eine Lesung. Musikalische Splitter von Daniel Dickmeis tun das, was Splitter können: Sie lockern auf, geben akustische Tupfer, skandieren.

Jens Harzers schauspielerisches und sprecherisches Können ist unbestritten, Ulrich Gerhardts in zahllosen Produktionen über viele Jahre ständig gewachsenes Gespür für Literatur und Radio­kultur bekannt und vielfach ausgezeichnet. Und doch, das Beste, was diese Produktion vermitteln kann, ist die Anregung, das Buch zu lesen und sich selbst ein Bild zu machen – unabhängig von Juroren und vielen im Tenor ähnlich lautenden Buchrezensionen. Auch Lutz Seilers frühere literarische Arbeiten sollten dabei nicht vergessen werden, denn die ganz besondere Sprachgestaltung dieses Lyrikers und Erzählers ist allemal die Lektüre wert. (Nach der Ursendung von „Kruso“ am 24. Mai beim Deutschlandradio Kultur wird das Hörstück am 29. Juni vom koproduzierenden Sender in dessen Programm MDR Figaro ausgestrahlt.)

18.06.2015 – Angela di Ciriaco-Sussdorff/MK

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