Deutschlands Städte. 3 Teile, Reihe „Terra X“, Moderation: Harald Lesch (ZDFneo/ZDF)

Komplexe Materie verständlich gemacht

25.07.2015 •

Mit der Reihe „Terra X“ etablierte das ZDF eine Programmmarke für populärwissenschaftliche Beiträge, die bei zumeist annähernd gleichbleibender audiovisueller Gestaltung eine Vielfalt an Themen bietet. Das bis 2008 „ZDF Expedition“ betitelte Format ist doppelt erfolgreich: Die Reihe erzielt über die Fernsehausstrahlung und Abrufe in der ZDF-Mediathek eine hohe Reichweite bei der deutschen Zuschauerschaft; außerdem generiert sie Erlöse durch Auslandsverkäufe.

Die Inhalte umfassen historische und archäologische, geografische, naturwissenschaftliche, bisweilen auch zeitkritische Sujets. Die oft mehrteiligen Beiträge – monothematische Zyklen – unterliegen demgemäß nicht den Kriterien des klassischen Dokumentarfilms. Sie stehen vielmehr in der Tradition eines volksbildnerischen Rundfunks, die bis zum Hörfunk der Weimarer Zeit zurückreicht. Schon damals galten intensive Überlegungen einer Rundfunkdidaktik, die sich nicht an die Bildungselite wendet, sondern an das Gros des Publikums und somit eine leicht zugängliche, attraktive Form voraussetzt, die bis heute je nach dem Stand der Gesellschaft und der Verbreitungstechnik immer wieder neu zu definieren ist.

Der am 4. Juli zunächst auf ZDFneo komplett und dann an drei Abenden (5., 12. und 19. Juli) im ZDF-Hauptprogramm auf dem angestammten „Terra-X“-Sendeplatz am Sonntag um 19.30 Uhr ausgestrahlte Dreiteiler über die Geschichte der deutschen Städte (Produktion: Gruppe 5) liefert ein Beispiel für eine gelungene Umsetzung populärwissenschaftlicher Inhalte. Die Herausforderung für die Autorinnen und Autoren war nicht gering (Teil 1: Sabine Klauser, Klaus Kafitz; Teil 2: Sabine Klauser; Teil 3: Susanne Utzt). Erkenntnisse der Disziplinen Archäologie, Soziologie, Alte und Neue Geschichte, aus Naturwissenschaft und Technik mussten schlüssig geordnet und nachvollziehbar miteinander verwoben werden.

Ein Beispiel für die inhaltliche Umsetzung und die Verknüpfung von Historie mit der Gegenwart aus Folge 1: Ausgehend von der Entstehung der Stadt Hamburg an einem günstig gelegenen Siedlungspunkt finden die Autoren zur Hanse und damit zum Stichwort „Beginn der Globalisierung“. Hamburg erhält vom Kaiser das Privileg des Freihandels, der jedoch 1871 auf den sogenannten Freihafen beschränkt wird. Diese rechtliche Veränderung hat bauliche Folgen. Mietshäuser müssen Lagerhäusern weichen. Die Bewohner werden entschädigungslos vertrieben. Der städtebauliche Effekt: Vordem einander nahe Funktionen wie Wohnen, Lager, Verwaltung verlagern sich ab da in getrennte Viertel und erfordern eine erhöhte Mobilität. Sprung in die Gegenwart: Heute geht der Trend in die umgekehrte Richtung. Als Beleg dient die Hamburger Hafencity.

Diese Sequenz zeigt exemplarisch, dass die Autoren nicht fasziniert in der Vergangenheit schwelgen, sondern heutige Verhältnisse als Ergebnis fortwährender Entwicklung erklären. Entsprechende Bilder – vom Hamburger Hafengeburtstag, von der Umgestaltung früherer Werftgelände – geben auch einem jüngeren Publikum Gelegenheit, gedanklich einzuhaken.

Beiläufig kommt ein derzeit hochwichtiger Punkt zur Sprache: Deutschland ist seit jeher ein Einwanderungsland. Die hier herangezogene Geschichte Mannheims belegt es, dessen Kurfürst im 17. Jahrhundert europaweit um Zuzügler buhlte, mit religiösen, weltanschaulichen, finanziellen, kulturellen Freiheiten warb und seinem Herrschaftsbereich damit zu Prosperität verhalf. Auch der wirtschaftliche Erfolg des Ruhrgebiets – ein weiteres Beispiel – wäre ohne Arbeitsmigranten nicht möglich gewesen.

Modern und jugendlichen Ansprüchen gemäß ist auch die Inszenierung dieses Dreiteilers (wie die von „Terra X“ überhaupt). Der computeranimierte Vorspann führt im Zeitraffer von der Frühzeit der Stadtentwicklung bis zum modernen Autobahnkreuz. Die Kamera fliegt über Stadtlandschaften, zwischen Dächern hindurch, während sich die Architektur ständig wandelt. Das erinnert auf Anhieb an den ähnlich angelegten Vorspann der amerikanischen Kultserie „Game of Thrones“.

Computeranimationen dienen auch an anderer Stelle der Veranschaulichung. In regelmäßigen Abständen werden bestimmte Aspekte vom ZDF-Wissenschaftsjournalisten Harald Lesch moderierend vertieft. Da steht er beispielsweise in einem weitgehend leeren Raum. Aus dem Boden wächst eine tricktechnisch gezauberte Säule und markiert den Städtebestand im Jahr 900 nach Christus. Die nächste Säule stoppt bei 1000 nach Christus. Und dann muss Lesch schon auf eine Leiter steigen, um mit der hochfahrenden dritten Säule mithalten zu können. Bisweilen leistet Lesch eine zeitkritische Kommentierung. Den Umstand, dass Orte wie Germering, Dachau oder Ditzingen in der Liste der Städte mit den höchsten Mitpreisen ganz oben stehen, begleitet er mit den Worten: „Man kann der Gier nicht entkommen.“

Weitere Stilmittel sind Spielszenen und Expertenaussagen, die hier freilich in Zahl und Länge sehr knapp gehalten wurden. Wie Praktiker berichten, legt unter anderem der US-amerikanische Markt sehr viel Wert auf solche Interviews mit Fachleuten möglichst akademischer Herkunft, die das filmisch Gezeigte kraft ihres Status verbürgen. Deshalb werden oft unterschiedliche Schnittfassungen für den US-Markt und die deutschen Abnehmer erstellt, die ihrerseits filmische Darstellungen bevorzugen.

Dramaturgisch und inszenatorisch lässt sich beim Dreiteiler „Deutschlands Städte“ eine ausgewogene Wahl der Mittel konstatieren. Abwechslung ist gegeben, Primat hat dabei immer die Informationsvermittlung, nicht das stilistische Mätzchen. Schwachstellen finden sich im Text, der vor der Kamera von Harald Lesch und aus dem Off von Sprecher Frank Glaubrecht dargeboten wird. Da gibt es Nonsens-Phrasen wie die, „die Städte“ hätten sich „neu erfunden“. Oder auch pauschale Behauptungen wie „Städte machen reicher und klüger“. Die Aussagen werden zwar unterfüttert und finden Widerhall in demoskopischen Untersuchungen, gelten aber nur für Teile der Bevölkerung. Angesichts der ansonsten im oben genannten Sinne vorzüglichen, im besten Sinne lehrreichen Umsetzung einer ungeheuer komplexen Materie sind diese Nachlässigkeiten jedoch verzeihlich. (Die drei Teile von „Deutschlands Städte“ sind in der ZDF-Mediathek weiterhin abrufbar.)

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• Die einzelnen Beiträge der Terra-X-Reihe Deutschlands Städte:

Teil 1: Macht und Reichtum
(4.7., ZDFneo / 5.7., ZDF)
Buch: Sabine Klauser, Klaus Kafitz
Regie: Stefan Schneider, Martin Carazo Mendez, Achim Scheunert

Teil 2: Glanz und Gloria
(4.7., ZDFneo / 12.7., ZDF)
Buch: Sabine Klauser
Regie: Stefan Schneider, Martin Carazo Mendez, Achim Scheunert

Teil 3: Elend und Fortschritt
(4.7., ZDFneo / 19.7., ZDF)
Buch: Susanne Utzt
Regie: Stefan Schneider, Achim Scheunert

25.07.2015 – Harald Keller/MK

Print-Ausgabe 23/2019

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