Bernd Reufels: Mensch Merkel! Widersprüche einer Kanzlerin. Reihe „ZDFzeit“ (ZDF)

Drei-Punkte-Porträt

05.08.2019 •

Lange währende Kanzlerschaften bringen es mit sich, dass den Amtsinhabern in mehr oder minder regelmäßigen Abständen filmische Porträts gewidmet werden. Auch das ZDF hat sich da in der Vergangenheit immer wieder hervorgetan. Der letzte Film des Senders über Angela Merkel (CDU), Bundeskanzlerin seit November 2005, liegt allerdings bereits sechs Jahre zurück. „Macht Mensch Merkel“ nannten Bettina Schausten und Mathis Feldhoff ihre Bestandsaufnahme des Wirkens der deutschen Regierungschefin (vgl. FK-Kritik). Anlass für diesen Film war die seinerzeit bevorstehende Bundestagswahl 2013.

Nun versuchte sich Bernd Reufels anlässlich von Merkels 65. Geburtstag am 17. Juli an einem ähnlichen Porträt. Wobei für den Titel nur einen Baustein des Vorgängerfilms wegzulassen war: „Mensch Merkel!“ hieß der neue Film, was sich freilich daraus ergab, dass der Beitrag als Teil der Reihe „ZDFzeit“ lief, in deren Rahmen wiederum unter dem Rubrum „Mensch!“ seit einiger Zeit in unregelmäßigen Abstanden Politiker und andere bedeutende Persönlichkeiten in jeweils 45-minütigen Filmen porträtiert werden (etwa: „Mensch Franziskus!“, „Mensch Macron!“ oder „Mensch Gauck!“; vgl. diese, diese und diese MK-Kritik).

Hinter den Namen der Porträtierten gibt es dann im Sendetitel stets noch eine knappe Charakterisierung. So war der „Mensch-Merkel!“-Film mit dem Zusatz „Widersprüche einer Kanzlerin“ versehen. Ohne diese Ergänzung hätte man womöglich vermuten können, hier sollte vor allem die Privatperson hinter der Politikerin Angela Merkel im Fokus des Interesses stehen. Aber nach allem, was man über die Kanzlerin weiß, stand kaum zu erwarten, dass sie sich für eine Homestory hergegeben hätte und ihr Ehemann und andere Menschen aus ihrem privaten Umfeld aus dem Nähkästchen geplaudert hätten. Nicht einmal Merkel selbst wollte sich hier offenbar – anders als noch im Porträt von 2013 – über sich äußern. Und auch eine längere Begleitung ihres Arbeitsalltags durch Reufels, sonst gängige Praxis bei solcherart Porträts, hatte die Kanzlerin entweder abgelehnt oder war vielleicht auch vom Filmemacher gar nicht geplant.

So blieb es einmal mehr vor allem politischen Weggefährten aus den verschiedenen Parteien vorbehalten, ihre Sicht auf die nunmehr 14-jährige Amtszeit der Regierungschefin darzulegen. Die Liste der Beteiligten bot dabei kaum Überraschungen. Nobert Blüm, Thomas de Maizière, Wolfgang Bosbach, Annegret Kramp-Karrenbauer (alle CDU), Wolfgang Kubicki (FDP), Katrin Göring-Eckardt (Die Grünen), Franz Müntefering (SPD) oder Gregor Gysi (Die Linke) äußerten sich überwiegend wohlwollend zur Kanzlerin. Lediglich Bosbach ließ Kritik am Führungsstil durch Merkel durchblicken und antwortete auf die Frage, nach welchen Kriterien und in Absprache mit wem die Regierungschefin ihre Entscheidungen treffe: „Ich weiß es nicht.“

Filmautor Bernd Reufels wusste im Kommentar zwar zu berichten, dass es da einen sehr kleinen Kreis an Vertrauten gebe und führte mit Merkels Medienberaterin Eva Christiansen und Merkels Büroleiterin Beate Baumann zwei Frauen an, die zu diesem inner circle gehören sollen; aber Genaueres erfuhr man auch hier nicht. So Reufels die beiden um eine Stellungnahme gebeten haben sollte, werden sie dieses Ansinnen vermutlich so freundlich wie bestimmt zurückgewiesen haben. Schon aus Loyalität zu Merkel.

Hinsichtlich der im Untertitel behaupteten Widersprüche konzentrierte sich Bernd Reufels im Wesentlichen auf drei Punkte. Zum einen war da Angela Merkel, die während einer PR-trächtigen Arktisreise 2007 den Klimawandel quasi zur Chefsache erklärt hatte, um das Thema in den folgenden Jahren jedoch zunehmend aus den Augen zu verlieren. Wofür ihr im Film massive Vorwürfe seitens einer jungen „Fridays-for-Future“-Aktivistin gemacht wurden. Zweiter Punkt: Merkels Entschluss zum Atomausstieg nach dem Super-GAU von Fukushima 2011, obwohl die Bundesregierung erst wenige Monate zuvor eine Verlängerung der Laufzeiten für die deutschen Atomkraftwerke beschlossen hatte. Und drittens durfte natürlich die Entscheidung aus dem Sommer 2015 nicht fehlen, die deutschen Grenzen für die in Ungarn gestrandeten Flüchtlinge offen zu lassen.

Wie einsam insbesondere die beiden gravierenden Entscheidungen zur AKW-Abschaltung und zur Flüchtlingsaufnahme seitens der Kanzlerin gefällt wurden, ist strittig. Zumindest fand in beiden Fällen keine ausführliche Diskussion im Deutschen Bundestag statt. Andererseits ist es keineswegs so, dass Merkel die Beschlüsse in Sachen Atomausstieg und Flüchtlinge nur nach eigenem Wissen und Gewissen gefasst hätte. So gab es vom Journalisten Robin Alexander im Film die Einschätzung, dass die Kanzlern in beiden Fällen lediglich der Stimmung unter den Bundesbürgern nachgegeben habe – eine Erklärung, die sich durchaus plausibel ausnahm, wenn man sich an die Wucht der Fernsehbilder zu beiden Ereignissen erinnert.

Der Privatperson Merkel kam das Porträt (Produktion: Kelvin Film) nicht wirklich nahe. Dass die Kanzlerin bei der schlichten Frage nach dem Befinden schon zusammenzucke, wusste Bettina Schausten, diesmal als Expertin im Film dabei, zu berichten und der Politikberater Michael Spreng steuerte seinen Eindruck bei, dass es sich bei der Regierungschefin um eine „misstrauische Person“ handle. Die Versuche von Bernd Reufels, Erklärungen für diesen Charakterzug in der Vergangenheit der Pastorentochter (Physikerin, protestantisches Arbeitsethos) zu finden, gingen allerdings über Küchenpsychologie kaum hinaus. Die jüngsten Zitteranfälle der Kanzlerin wurden in diese solide Bestandsaufnahme zwar auch noch (vermutlich nachträglich) eingebaut, doch auch hier beließ es das Porträt mit einer Szene, in der es Merkels knappe Auskunft gab: „Es geht mir gut.“ Was auch völlig in Ordnung war. Hier etwa noch Ärzte aufzubieten, die Spekulationen über mögliche Ursachen angestellt hätten, wäre im Rahmen dieses Films (2,72 Mio Zuschauer, Marktanteil: 9,9 Prozent) völlig fehl am Platz gewesen.

05.08.2019 – Reinhard Lüke/MK