Rollenspiel, die zweite: Bundeskanzlerin Merkel erklärt erneut im TV-Talk mit Anne Will ihre Politik

04.03.2016 •

Es wird zu einer Gewohnheit. Die Kanzlerin der Bundesrepublik Deutschland erklärt sich und ihre Politik nicht in ausführlicher Rede im Parlament, sondern in Talkshows. Im Abstand von knapp fünf Monaten war Angela Merkel (CDU) am 28. Februar nun zum zweiten Mal alleiniger Gast bei „Anne Will“ im Ersten, nur dass diesmal das Gespräch am Sonntag und in neuer Studiodekoration stattfand, denn die Moderatorin hatte ja Anfang des Jahres den Sendeplatz gewechselt – vom Mittwoch- auf den quotenstarken Termin am Sonntagabend – und aus diesem Anlass wurde auch das Studiodesign aufgefrischt.

Die Erklärung politischen Handelns in einer Talkshow – es ist eine Lösung, die beiden Seiten nützt. Angela Merkel, die im Dialog im intimen Rahmen stärker wirkt denn als Rednerin vor einer großen Zuhörerschaft. Anne Will, die zum zweiten Mal einen Scoop landete, dem auch jene Respekt zollten, die sich zugleich darüber aufregten.

Jenseits all dessen, was zwischen Merkel und Will zur Asyl- und Einwanderungspolitik besprochen wurde, bleibt die Form bemerkenswert: Zwei Menschen führen unaufgeregt, aber streitbar in der Sache ein monothematisches Gespräch, das nur durch (unnötige) Einspielfilme und durch den Applaus des Studiopublikums unterbrochen wurde. Dass das öffentlich-rechtliche Fernsehen dies nur noch als Ausnahme kennt, beweist sinnfällig – und das deutlicher als viele Untersuchungen – den Verfall seiner Ansprüche. Doch auch Anne Will unterwarf sich den Regeln des Fernsehbusiness, die sich denen des Boulevardjournalismus immer mehr anähneln, als sie ihre neuerliche Sendung mit der Bundeskanzlerin unter die Überschrift stellte: „Deutschland gespalten, in Europa isoliert – Wann steuern Sie um, Frau Merkel?“

Die Mode reißerischer Überschriften, die in diesem Fall nur ob ihrer Länge nicht auf die Titelseite von „Bild“ passen würde, verdankt sich dem Wettbewerb der Talkshows in ARD und ZDF untereinander. Weil alle seit Wochen über dasselbe sprechen lassen, müssen sie sich wenigstens in der Überschrift unterscheiden. Genau dieses Distinktionseffektes bedurfte das Gespräch mit der Kanzlerin allerdings nicht. Warum also dann dieser steile Titel, der ja voraussetzt, dass man in der Politik umsteuern müsse?

Die Antwort liefert das Rollenspiel, dem sich Anne Will – diesmal noch stärker als im Oktober vorigen Jahres beim ersten Merkel-Gespräch – verpflichtet sah. Sie stellte viele Fragen, die aus dem Lager derer stammten, die Angela Merkels Politik seit Monaten entschieden und sich stetig radikalisierend kritisieren. Es handelt sich um Fragen – wie die im Titel der Sendung – mit einem pejorativen Kern, Fragen also, die nicht auf eine Antwort zielen, sondern auf eine Anerkennung und Unterwerfung. Ganz nahm man diese Rolle einer konservativen Bildungsbürgerin der Moderatorin nicht ab. Vielleicht wirkte sie deshalb so nervös wie selten. Zweimal verhaspelte sie sich bei ihren zudem außergewöhnlich langen, ja, überlangen Fragen. Einmal zu Beginn, dann nach acht Minuten, als sie nicht nur die Fernsehzuschauer, sondern auch ihre Gesprächspartnerin so verwirrte, dass Merkel nachfragen musste, was die Moderatorin denn jetzt eigentlich meine.

Der Kanzlerin kamen diese Fragen gerade recht. Die pejorativen Ansätze ließ sie mühelos ins Leere laufen, so wie sie jede Aufgeregtheit an sich abprallen ließ. Stattdessen präsentierte sie sich als diejenige, die gelassen und zweckrational ihre Pflicht leistet, während andere – in der AfD, aber auch an den Rändern von CDU/CSU – hysterisch auftreten und sich mit jeder neuen Wortmeldung radikalisieren. Merkel sagte, ihr eigenes Handeln auch auf europäischer Ebene sei „gut durchdacht und logisch“. Ihr Ziel einer europäischen Lösung, was die Flüchtlingsbewegungen angeht, und einer globalen Initiative, was deren Ursachen in Bürgerkrieg und Elend angeht, habe sich nicht verändert. Sie habe auch keinen Plan B für den Fall, dass solche Lösungen nicht zustande kämen.

Hier wirkte Angela Merkel weniger als Politikerin, die ja stets auch in Alternativen denken muss, denn als Pfarrerstochter, für die der Glaube auch an die eigene Leistungskraft an erster Stelle steht. Ihr Bekenntnis bei Anne Will: „Wenn man dran glaubt, dann kann man Berge versetzen.“ Ein anderes Bekenntnis klang dann weniger nach der Herkunft aus einen evangelischen Haushalt, es war, als Merkel sogar einen Fluch verwendete, um die Notwendigkeit ihrer Politik zu unterstreichen: Es sei ihre „verdammte Pflicht und Schuldigkeit“, so zu handeln, um den Ansprüchen des Grundgesetzes an die Politik gerecht zu werden.

Der Verdacht, dass das Rollenspiel zwischen Anne Will und Angela Merkel abgesprochen war, wurde auch nicht entkräftet durch den Eingangssatz der Moderatorin, die Titelfrage sei denn auch „die einzige Frage, die die Bundeskanzlerin vor dieser Sendung kannte“. Gestützt wird dieser Verdacht durch eine spürbare Nähe zwischen den beiden Frauen, die Merkel nicht nur zum Fluchen, sondern auch zu einem eher privaten Ton einlädt. Einmal spricht sie die Moderatorin verkürzt mit „Wenn’Se mal dabei sind“ an. An einer anderen Stelle duzt die Bundeskanzlerin Anne Will sogar, als sie etwas ungehalten ein Argument wiederholen muss und sagt: „Pass auf...“

Das Ziel des Rollenspiels war klar: Angela Merkel wollte als zweckrationale, logisch denkende, an keiner Stelle nervös oder naiv wirkende Kanzlerin erscheinen. Das ist ihr gelungen. 6,02 Millionen Zuschauer sahen ihr dabei zu.

04.03.2016 – Dietrich Leder/MK