Bernd Reufels: Mensch Gauck! Pastor, Präsident, Freiheitssucher. Reihe „ZDFzeit“ (ZDF)

Pastoral und emotional

24.02.2017 •

Die Amtszeit von Bundespräsident Joachim Gauck endet im kommenden März nach fünf Jahren. Aus Altersgründen stellt sich der 77-Jährige nicht noch einmal zur Wahl. Auf dem Zeitraum seiner Amtsperiode als deutsches Staatsoberhaupt und insbesondere deren Schlussphase liegt auch der Schwerpunkt des innerhalb der Dokumentationsreihe „ZDFzeit“ ausgestrahlten Porträts „Mensch Gauck!“, das jedoch ebenso den gesamten Lebensweg des 1940 in Rostock zur Welt gekommenen, seit dem 18. März 2012 amtierenden Bundespräsidenten nachzeichnet.

Autor Bernd Reufels und sein Filmteam haben Joachim Gauck in der Zeit zwischen September 2016 und Januar 2017 immer wieder mit der Kamera begleitet. Die jüngsten Bilder stammen von der offiziellen Abschiedsrede, die Gauck am 18. Januar im Schloss Bellevue gehalten hat. Darüber hinaus kommen zahlreiche Zeitzeugen zu Wort; die Berliner politische Prominenz ist durch Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) vertreten. Neben eher kurzen Statements aus seinem privaten Umfeld wie beispielsweise eines Jugendfreunds und von zweien seiner Kinder fallen vor allem die vielen prominenten Journalisten auf, die ausführlich zur Person Gauck befragt werden. Sie alle äußern sich positiv zu seiner Präsidentschaft.

Joachim Gauck ist oft ein Favorit der Medien gewesen. Sie haben ihn nicht nur während seiner Tätigkeit als Leiter der sogenannten Gauck-Behörde gestützt, also der Behörde des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen, sondern sie haben sich auch bereits für ihn als Kandidaten für das Bundespräsidentenamt stark gemacht – sowohl im Vorfeld der Bundespräsidentenwahl des Jahres 2010, an der Gauck als eigentlich chancenloser Gegenkandidat von Christian Wulff teilgenommen hatte, wie auch bei der Wahl zwei Jahre später, die Gauck dann ins Amt gebracht hat, als Nachfolger des (nach einer medialen Schmutzkampagne ohnegleichen) zurückgetretenen Bundespräsidenten Wulff. Doch auch schon zu DDR-Zeiten hatte Gauck offenbar ein gutes Verhältnis zu westdeutschen (Fernseh-)Journalisten. Denn in der Dokumentation gibt es TV-Ausschnitte aus einem Interview zu sehen, nachdem er als Pfarrer zu DDR-Zeiten eine Neubau-Plattensiedlung in Rostock zu betreuen hatte, und Bilder von einem von Gauck veranstalteten Kirchentag in Rostock aus dem Jahr 1988, an dem immerhin Altkanzler Helmut Schmidt (SPD) als Gastredner teilnahm.

Deutlich hebt die Dokumentation das pastorale Profil von Joachim Gauck hervor, vergisst aber auch nicht, darauf hinzuweisen, dass er den Beruf des Pfarrers einst nur deshalb ergriffen hat, weil ihm eine andere Studienmöglichkeit als das Theologie-Studium vom DDR-Staat verwehrt geblieben ist. Es wird auch deutlich, dass sein engagiertes Eintreten für die freiheitliche Demokratie mit einem traumatischen Kindheitserlebnis in Zusammenhang steht: Als Elfjähriger musste er erleben, wie sein Vater wegen Spionageverdachts vom russischen Militär inhaftiert und zu 25 Jahre Arbeitslager in Sibirien verurteilt wurde. Der Vater kam dann 1955 wieder frei, im Gefolge der vom damaligen Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU) mit Moskau ausgehandelten Freilassung deutscher Kriegsgefangener.

Den gebürtigen Rostocker Gauck zog es erst als fast 50-Jährigen nach Berlin in die Politik. Die Zeit von der Maueröffnung bis zur Wiedervereinigung hebt er im Gespräch mit dem Filmemacher hervor: „Diese Tage werden immer die größten in meinem Leben sein“, meint er und fügt hinzu: „Befreiung ist noch schöner als Freiheit.“ Gauck gehörte als Abgeordneter (Bündnis 90) der ersten frei gewählten Volkskammer der DDR an. Er setzte sich dafür ein, dass die Stasi-Akten nicht vernichtet, sondern allen Betroffenen zugänglich gemacht wurden. Die dafür geschaffene Behörde wurde mit seiner Person derart identifiziert, dass sie vom Volksmund nach ihm benannt wurde. Er leitete sie von 1990 bis 2000.

Die ZDF-Dokumentation zeigt neben dem pastoralen Profil vor allem auch die emotionale Seite von Joachim Gauck. So beginnt der halbstündige Film (3,09 Mio Zuschauer, Marktanteil: 9,4 Prozent) mit einer Szene vom Auftritt einer Band im Herbst 2016 in der Villa Hammerschmidt, dem Bonner Sitz des Bundespräsidenten, wo die Band den Song „Über sieben Brücken musst du gehen“ spielt. Der Song wurde erstmals im Jahr 1978 von der DDR-Rockband Karat veröffentlicht und war in der DDR schnell zu einem populären Sehnsuchts- und Trostlied avanciert. Die Bilder machen deutlich, wie stark das Lied Gauck emotional berührt. Und diese Melodie ist auch später immer wieder aus dem Hintergrund zu hören und wird somit zum Leitmotiv dieses Filmporträts. Auch andere in den Film aufgenommene dokumentarische Szenen zeigen Gauck immer wieder in Situationen, in denen er offen Emotionen zeigt. Bei aller Vielfalt der gezeigten Dokumente erhält das Filmporträt durch diese besondere Akzentsetzung auf den pastoralen und emotionalen Gauck einen sehr eigenen, stimmigen Charakter.

24.02.2017 – Brigitte Knott-Wolf/MK

Print-Ausgabe 20-21/2019

Inhalt

Abonnement

Jetzt abonnieren