Michael Strompen: Mensch Franziskus! Der unberechenbare Papst. „Reihe ZDFzeit“ (ZDF)

Politische Wirkung

29.03.2018 • Die Reihe „ZDFzeit“ hat inzwischen mit Porträts von Joachim Gauck (vgl. MK-Kritik), Recep Tayyip Erdogan, Gerhard Schröder, Donald Trump, Wladimir Putin oder Emmanuel Macron (vgl. MK-Kritik) ganz unterschiedliche Persönlichkeiten vorgestellt. Ging es hier bislang um den Versuch, aus den öffentlichen Bildern von Politikern „den Menschen“ zu destillieren, so widmet sich der aktuelle Beitrag nun einem geistlichen Führer und Menschen, der geradezu auch politische Wirkung zeigt. Nach dem vor gut fünf Jahren erfolgten Rücktritt von Benedikt XVI., dem Papst aus Deutschland, war die Wahl des Argentiniers Jorge Mario Bergoglio zum Papst eine Sensation, zumindest für Außenstehende. Insider erinnerten sich, dass er bereits bei der Wahl von Josef Ratzinger zu den Favoriten gezählt hatte, aber zugunsten des deutschen Kardinals auf eine weitere Kandidatur verzichtete.

Seit dem 13. März 2013 ist Bergoglio nun als Papst Franziskus das Oberhaupt der katholischen Kirche. Michael Strompen hat für seine ZDF-Dokumentation Zeitzeugen befragt und historisches Bildmaterial zusammengetragen; er baut in seinen Film auch Ausschnitte ein aus der mit dem International Emmy Award ausgezeichneten biografischen Fernsehserie „Der Jesuit – Papst Franzskus“, die in Deutschland von Bibel TV ausgestrahlt wurde (vgl. MK-Kritik). So trägt dieser zur besten abendlichen Sendezeit ausgestrahlte ZDF-Film ein Bild dieses Papstes aus Argentinien zusammen, das dessen Stärken und Schwächen aufzeigt.

Dabei geht es um den Kampf von Franziskus gegen sexuellen Missbrauch durch Geistliche in der katholischen Kirche und gegen die prekären Verhältnisse bei der Vatikanbank, es geht um sein Verhalten während der argentinischen Militärdiktatur, seine oft zurückhaltenden öffentlichen Äußerungen zur Homosexuellenverfolgung in Uganda oder die Diskriminierung der muslimischen Minderheit in Myanmar (dem früheren Burma). Schließlich greift Strompen das Eintreten von Franziskus für eine nachdrückliche Bekämpfung der weltweiten Armut auf, verbunden mit seinem Eintreten für Flüchtlinge. Zuletzt geht es um des Papstes Eintreten für gerechte Arbeit. Das ist eine große thematische Vielfalt, vielleicht schon zu viel für die zur Verfügung stehende Dreiviertelstunde Sendezeit.

Eine ganze Reihe von kritischen Begleitern dieses Pontifikats wie etwa Marco Politi oder Daniel Deckers, die als Autoren von Papstbiografien über Nähe und Distanz gleichermaßen verfügen, und Theologen wie Reinhard Kardinal Marx oder Johanna Rahner erläutern die oft schwierige Situation des Papstes innerhalb einer offenbar verkrusteten Kurie. Diese fürchtet um Privilegien und Macht und schreckt auch nicht vor Intrigen zurück, wie etwa, als es um die Führung des mächtigen Malteserordens ging – eine Affäre, die im Film nur gestreift wurde.

Welche Hürden der Papst überwinden muss, will er auch nur kleinste Reformen durchsetzen, zeigen Zeugnisse der ultrakonservativen Katholikin Gloria von Thurn und Taxis, der der „Abstand“ zwischen Papst und Gläubigen nicht groß genug sein kann, und von Gerhard Ludwig Kardinal Müller, der von Juli 2012 bis Juli 2017 an der Römischen Kurie Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre war. Müller ist der Auffassung, die Struktur und inhaltliche Ausrichtung der Kirche sei durch die Heilige Schrift für immer festgelegt und die Reformmöglichkeiten des Papstes seien daher deutlich geringer, als es außerhalb der Kirche oft wahrgenommen werde.

Ein Vorteil von Papst Franziskus ist es, über ein gerüttelt Maß an Lebenserfahrung zu verfügen, ein Gespür für die berechtigten Anliegen der ihm Anvertrauten und eine Sprache zu sprechen, die auch einfache Menschen verstehen. Hinzu kommt eine gewisse Sturheit, den einmal für richtig erkannten Weg fortzusetzen. Und dass er ein Mensch mit dieser gewissen Unberechenbarkeit ist, die durch den Untertitel des Films betont wird, ist sicherlich auch nicht das schlechteste Merkmal, wenn man etwas verändern will. Franziskus weiß, dass er einen langen Atem benötigt, um seinen Dialog auf Augenhöhe fortzusetzen. Auf Augenhöhe mit den Armen in erster Linie.

„Mensch Franziskus!“ (2,54 Mio Zuschauer, Marktanteil: 7,8 Prozent) war eine zweifelsohne informative Dokumentation für ein Primetime-Publikum, dem Person und Wirken dieses Papstes nicht so sehr vertraut sind. Jedes der angerissenen Themengebiete hätte im Grunde jeweils eigene 45 Minuten füllen können. Als eine Art Bilanz nach fünf Jahren Pontifikat war dieser Film ein angemessener Beitrag.

29.03.2018 – Martin Thull/MK

Print-Ausgabe 16/2018

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