Torsten Körner: 3 Tage im September. Angela Merkels einsame Entscheidung (Arte/MDR) / Sandra Budesheim/Sabine Zimmer: Die Asylentscheider (Arte/ZDF)

Wie ein biblischer Zug

07.07.2017 •

07.07.2017 • Kaum ein anderer Themenkomplex wird in den Medien seit langem so intensiv diskutiert wie die sogenannte Flüchtlingskrise. Im Rahmen eines Themenabends beleuchtete der deutsch-französische Kulturkanal Arte die damit verbundenen Fragestellungen aus zwei entgegengesetzten Perspektiven. Torsten Körners filmische Chronologie (Mitarbeit: Nadja Lischewski) zeichnet jene drei Tage Anfang September 2015 nach, als sich in der ungarischen Hauptstadt Budapest eine humanitäre Katastrophe anzubahnen drohte und vor diesem Hintergrund die deutsche Bundesregierung in Abstimmung mit der österreichischen Regierung entschied, die in Ungarn festsitzenden Flüchtlinge ohne Registrierung einreisen zu lassen. Sandra Budesheim und Sabine Zimmer geben in ihrem Film aufschlussreiche Einblicke in die Arbeit jener Menschen, die darüber entscheiden, welche der Flüchtlinge das Asyl rechtmäßig beanspruchen. Der Arte-Themenabend mit einem vom MDR und einem vom ZDF zugelieferten Film stand unter der Überschrift: „Wir schaffen das!?“, was ein inzwischen berühmter Satz von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) ist, die ihn allerdings ohne die hier hinzugefügte Infragestellung sagte.

Torsten Körner (der auch Autor der MK ist) geht es in seiner Dokumentation vorwiegend um jene emotionale Wirkung, die durch die Dramaturgie der Bilder erzeugt wurde. Sein Film erinnert daran, dass die Problematik mit dem Umgang der ab Ende August 2015 rasch ansteigenden Flüchtlingszahl in Budapest teilweise hausgemacht war. Das deutsche Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) teilte in einem missverständlichen Tweet vom 25. August 2015 mit, syrische Flüchtlinge würden nicht mehr nach Ungarn zurückgeschickt. Aufgrund dieser Ankündigung des BAMF sei es überhaupt erst zu der großen Zahl von Migranten am Ostbahnhof in Budapest gekommen, sagt József Czukor, seinerzeit ungarischer Botschafter in Berlin. Die Flüchtlinge, die sich bis dato in Ungarn vorschriftsmäßig registrieren ließen, hätten sich in der Folge geweigert, sich von den dortigen Behörden erfassen zu lassen. Sie gaben sich alle als Syrer aus. Mobilisiert durch jenen Tweet – der, wie es im Film heißt, „Deutschland zum Sehnsuchtsland gemacht“ habe – verließen sie die Transitzonen im Budapester Ostbahnhof.

Mit jenen eindrucksvollen Bildern vieler Tausender Menschen, die dann „wie ein biblischer Zug“ auf ungarischen Autobahnen und auf Bahngleisen in Richtung Österreich marschierten, versucht der Film, die These zu belegen, die Flüchtlinge selbst hätten die aktive Rolle übernommen. Um die anonyme Masse zu personifizieren, rückt Körner das dramatische Bild des verzweifelten Syrers Mohamad Bakkar ins Zentrum, der sich mit Frau und Kind auf die Bahngleise geworfen hatte. Der Diplomat Czukor, inzwischen außenpolitischer Berater des ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán, bezeichnet das dabei entstandene und um die Welt gegangene Foto als inszeniert. Dieser Aussage widerspricht der Filmautor. Mohamad Bakkar und seine Frau Samia kommen in der rund 50-minütigen Dokumentation mehrmals zu Wort – wobei man leider wenig bis gar nichts über ihr heutiges Schicksal, ihre Herkunft und ihre Geschichte erfährt.

Die Reduzierung der Flüchtlingsproblematik auf diese eine Familie Bakkar dient einer Argumentationsfigur, die Körner mit stakkatohaftem Off-Kommentar darlegt: Hinter dem Bild der Bakkars „steckt kein Regisseur, es ist die Situation selbst, die es hervorbringt. Ein SOS-Signal. Durch die Gegenwart der Kameras wird aus der Ohnmacht der Verzweifelten die Macht der Verzweiflung. Die Flüchtenden lassen ihre Körper sprechen. Ein Akt kommunikativer Notwehr. Fanal statt Fake News.“

Diese Lesart stilisiert die Ereignisse zu der Emphase, die Flüchtlinge hätten sich durch die Wucht solcher Bilder selbst befreit. Doch der Film selbst widerspricht dieser Interpretation teilweise. So erinnert der Autor daran, dass die sich anbahnende Katastrophe „Medien aus aller Welt anzog“. „Flüchtlinge und Medien kooperierten. Beide suchten Aufmerksamkeit“, heißt es im Film. In diesem „medialen Amphitheater“ hätten humanitäre Helfer den Flüchtlingen erklärt, wie sie „Druck ausüben“ konnten. Da sie alle Smartphones dabei hatten, konnten sie „live sehen, wie dieser Druck wirkt“. Die Analyse dieser Inszenierungen, bei den Medien Bilder nicht nur objektiv wiedergaben, sondern auch ins Geschehen eingriffen, wodurch Flüchtlinge auch zu Darstellern gemacht wurden, wird jedoch nicht weiter vertieft.

In „3 Tage im September“ (Produktion: Broadview TV) kommt auch Bundeskanzlerin Angela Merkel zu Wort, um die Ereignisse aus ihrer Sicht darzustellen. Körner – der im vorigen Jahr zusammen mit Matthias Schmidt in einem 90-minütigen Film die Kanzlerin porträtierte (vgl. MK-Kritik) – nutzt dabei damalige Aussagen aus seinem Interview mit Merkel für seine aktuelle Produktion. Etwas in den Hintergrund gerät bei Merkels Äußerungen, dass sie in der Zeit vom 3. bis zum 5. September 2015 von jenen Ereignissen, die durch eine behördliche Direktive mit ausgelöst wurden, im Grunde genommen förmlich überrollt wurde. Die Politik hatte „die Kontrolle verloren“, heißt es schließlich im Film. Von einer „einsamen Entscheidung“ der Kanzlerin, worauf der Untertitel des Films verweist, kann man angesichts der zusammentreffenden verschiedenen Umstände nur bedingt sprechen (der Untertitel wurde übrigens weder zu Beginn noch am Ende des Films insertiert).

Der filmische Fokus auf diese drei Tage im September zeigt gewissermaßen ein ‘helles Deutschland’. Angerissen wird in dem Film die „Melodie der Überfremdung“ in Form von Schwarzweiß-Bildern, auf denen Rechtspopulisten wie Frauke Petry aus Deutschland, Geert Wilders aus den Niederlanden und Marine Le Pen aus Frankreich zu sehen sind. Insgesamt ist die Dokumentation ein interessanter Beitrag zur Flüchtlingsthematik, sie neigt aber dazu, die Ereignisse weniger zu analysieren als sie emphatisch und doch etwas staatstragend nachzuempfinden. Die Folgen der unkontrollierten Einwanderung – von der kurz darauf folgenden Silvesternacht 2015/16 in Köln bis hin zum Terroranschlag im Dezember 2016 in Berlin – wurden erst in dem an den Film anschließenden Gespräch (21.05 bis 21.20 Uhr) zwischen dem Fernsehmoderator Thomas Kausch und dem französischen Journalisten Frédéric Lemaître angeschnitten, der von 2010 bis 2016 Korrespondent der Tageszeitung „Le Monde“ in Deutschland war.

Der Wirkung solcher emotionaler Bilder, auf die Torsten Körner ausgiebig zurückgreift, müssen sich jene Asylentscheider, die Sandra Budesheim und Sabine Zimmer in ihrem Film porträtieren, möglichst entziehen. Der gefühlsmäßige Eindruck, den ein Flüchtling als Antragsteller auf sie macht, sollte bei ihrer Entscheidung außen vorbleiben. Der Dokumentarfilm „Die Asylentscheider“, entstanden als Produktion der ZDF-Redaktion „Das kleine Fernsehspiel“, blickt zwei solchen Asylentscheidern über die Schulter – einem erst seit kurzer Zeit in diesem Job arbeitenden jungen Mann und einer langjährigen Mitarbeiterin des BAMF, dessen Anzahl an Entscheidern im Zuge der Flüchtlingskrise von 370 auf 1775 fast verfünffacht werden musste.

In dem Film – den Arte in einer um rund 35 Minuten gekürzten Version zeigte und den das ZDF am 19. Juni gegen Mitternacht unter dem Titel „Auf dünnem Eis – Die Asylentscheider“ in seiner 95-minütigen Komplettfassung ausstrahlte – gibt es mehrere ausführliche Szenen ohne Zwischenschnitt. Sie dokumentieren die Fragesituation, in der ein Entscheider herausfinden muss, ob die vor ihm sitzende Person abgeschoben werden darf oder nicht. Das bizarre Amtsdeutsch, das der Entscheider dabei per Diktiergerät mit „Punk“, „Komma“, „Fragezeichen“, „Absatz“ verwendet, verwandelt das Procedere in einen fast surrealen Akt.

Aufschlussreich ist der Film (Produktion: Hanfgarn & Ufer), weil er die Schnittstelle zwischen einer bürokratischen Institution und dem menschlichen Faktor erkennbar werden lässt. Wenn Schicksale von Flüchtlingen auf gesetzliche Vorschriften im Sinne bloßer ‘Textbausteine’ reduziert werden, dann spielen Animositäten oft eine Schlüsselrolle. Vor der Kamera räumen die beiden porträtierten Entscheider derartige Schwierigkeiten selbstkritisch ein. Beide wirken menschlich fassbar und aufgeräumt.

Eine zu Wort kommende Flüchtlingsanwältin relativiert dieses Bild indes. Fließbandmäßige Abfertigung führe dazu, dass sich die Entscheider beispielsweise über Tränen mokierten: „Das kennen wir schon. Können die sich nicht mal was anderes ausdenken?“ Frappierend ist auch die beiläufige Feststellung der Anwältin, es gehe bei den Asylverfahren weniger um Gerechtigkeit als um die Erfüllung einer bestimmten Quote. Welche Kosten die aufwändige bürokratische Prozedur verursacht, ging aus der von Arte ausgestrahlten Fassung von „Die Asylentscheider“ nicht hervor.

Die beiden im Rahmen des Arte-Themenabends gezeigten Produktionen ergänzten sich thematisch und stilistisch. Während Torsten Körner mit dem Blick auf den September 2015 die euphorische Seite der Willkommenskultur in den Fokus rückte, machten Sandra Budesheim und Sabine Zimmer die Stimmung danach spürbar. Mit ihrem Beitrag „Die Asylentscheider“ wurde gleichsam das Kleingedruckte der Flüchtlingsthematik aufgezeigt. Zwei wichtige und notwendige Filme, auch wenn sie zwangsläufig Fragen, etwa hinsichtlich der Ursachen der gesamten Problematik, offenlassen mussten.

07.07.2017 – Manfred Riepe/MK