Anne Kauth/Bernd Reufels: Mensch Macron! Aufsteiger, Reformer, Europäer. Reihe „ZDFzeit“ (ZDF)

Jubelperspektive

16.12.2017 •

16.12.2017 • Dieser Film über den seit Mai dieses Jahres amtierenden französischen Staatspräsidenten Emmanuel Macron, der François Hollande ablöste, ist innerhalb des Dokumentationsformats „ZDFzeit“ der sechste einer Reihe von Porträts, die im Titel vor dem Namen des Porträtierten das Wort „Mensch“ und nach ihm ein Ausrufezeichen tragen. Das erste, am 31. Januar ausgestrahlte Porträt war „Mensch Gauck!“ (vgl. MK-Kritik), dem inzwischen entsprechende Filme folgten über die Politiker Recep Tayyip Erdogan, Gerhard Schröder, Wladimir Putin und Donald Trump (in dieser Reihenfolge).

Das nunmehr ausgestrahlte Porträt von Anne Kauth und Bernd Reufels über den erst 39-jährigen Emmanuel Macron, den „Aufsteiger, Reformer, Europäer“ (so der Zusatztitel), ist ein einziges Jubelstück über „den jüngsten Präsidenten, den Frankreich je hatte“, wie es gleich zu Beginn heißt. Er wird als politisches Ausnahmetalent und Hoffnungsträger fast ausschließlich aus positiver Perspektive gezeigt.

Als einzige Gegner seiner politischen Ambitionen werden explizit nur die französischen Gewerkschaften genannt, die „zu zähmen“ Macron sich freilich vorgenommen habe. So werden etwa in der Mitte der Dokumentation Straßenproteste gegen seine Politik und die Äußerung eines Gewerkschafters dazu gezeigt, kurz danach aber kehrt der Film sogleich wieder zu seiner positiven Sicht zurück, indem er erklärt, dass in Frankreich „der befürchtete heiße Herbst“ ausgeblieben sei. Und das deutet im Film Theo Koll, der Frankreich-Korrespondent des ZDF, in seinem Statement über Macrons Politik als „Zeichen seiner klugen Strategie“.

Die meisten Interviewpartner in dieser Dokumentation (Produktion: Kelvinfilm) bemühen sich vor allem um Erklärungen für Macrons steile politische Karriere und seinen außerordentlichen Wahlerfolg. Neben Aussagen von mehr als einem Dutzend französischer Experten, Journalisten, Freunde und von Ehefrau Brigitte Macron werden als Personen von außerhalb Frankreichs vor allem der Publizist und Politiker Daniel Cohn-Bendit (Die Grünen) und der schon genannte Theo Koll befragt, aber auch Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD), Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) und EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker kommen zu Wort. Emmanuel Macron selbst wird nicht exklusiv für dieses Porträt interviewt; er ist in der Dokumentation nur mit älteren Statements zu seiner Politik vertreten.

Die 45-minütige Dokumentation (2,15 Mio Zuschauer, Marktanteil: 6,7 Prozent) beginnt mit Szenen vom ersten öffentlichen Auftritt Macrons als Präsident Frankreichs am 7. Mai 2017 in Paris vor dem Louvre, der musikalisch begleitet wurde von Klängen aus Beethovens Chorsatz der 9. Sinfonie. Sein Geschick im Umgang mit solchen öffentlichen Symbolbildern und seine besondere Begabung, „andere für sich einzunehmen“, werden nun im Film erläutert, seine ersten großen Auftritte mit Repräsentanten von Großmächten wie Putin und Trump werden als Erfolge für den politischen Aufsteiger Macron interpretiert. Auch sein politisches Reformprogramm wird skizziert, das einerseits diverse harte soziale Einschnitte vorsieht, andererseits aber auch Maßnahmen zur Verbesserung von Lebensqualität und gegen Arbeitslosigkeit beispielsweise in den Vorstädten von Paris, den Banlieues. In mehreren, im Verlauf der Dokumentation eingefügten kurzen Rückblenden wird Macrons Werdegang erzählt, die jedoch alle die These über ihn als Ausnahmetalent untermauern. Viel Sendezeit wird auch auf sein Verhältnis zu seiner 24 Jahre älteren Ehefrau verwendet und deren Rolle bei seiner Präsidentschaft.

Das besondere Verhältnis von Frankreich zu Deutschland und insbesondere von Emmanuel Macron zu Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) als ein Bewunderer ihrer Politik kommt erst in den letzten zehn Minuten des 45-minütigen Films zur Sprache. Von den Beeinträchtigungen gemeinsamer deutsch-französischer Europapolitik durch die derzeit in der Bundesrepublik schwierige Regierungsbildung ist noch nicht die Rede. Erst wenige Minuten vor Filmende wird dann darauf hingewiesen, dass die Umfragewerte von Macron inzwischen „im Keller“ seien und somit die euphorische Stimmung in Frankreich, die nachseiner Wahl erst einmal herrschte, gekippt sei.

Theo Koll darf allerdings nach dieser Passage noch einmal eine positive Bilanz ziehen und feststellen, dass Emmanuel Macron schon jetzt zu einer bedeutsamen Person der Zeitgeschichte geworden sei, denn er habe das französische Parteiensystem durch die Neugründung einer eigenen Partei (La République en Marche), die sofort zur stärksten politischen Kraft im Land wurde, nachhaltig verändert und bereits weitreichende Änderungen im Arbeitsrecht durchgesetzt. Es bleibt der Eindruck, als wäre dieses Porträt mit seiner Jubelperspektive eigentlich viel zu spät ins Programm gekommen. Wäre es einige Wochen früher ausgestrahlt worden, hätte es die dann noch vorherrschende positive Grundstimmung gegenüber Macrons Wahlsieg besser getroffen (zu Macron siehe auch diesen MK-Artikel).

16.12.2017 – Brigitte Knott-Wolf/MK