Bettina Schausten/Mathis Feldhoff: Macht Mensch Merkel. Reihe „ZDFzeit“ (ZDF)

Viel Aufwand für wenig Erkenntnis

16.08.2013 •

Nachdem das ZDF sich im Rahmen seiner Berichterstattung über die kommende Bundestagswahl in der Woche zuvor mit dem Film „Kante Klartext Kandidat“ auf die Spuren des sozialdemokratischen Herausforderers Peer Steinbrück begeben hatte (vgl. FK-Heft Nr. 32/13), nun also das andere Porträt, der Film über Angela Merkel (CDU) – erneut mit einer Alliteration überschrieben, erneut mit einer vollgestopften Tonspur versehen, auf der Musik die winzigen Löcher des Kommentars auch noch zukleistert, und ebenfalls in der Reihe „ZDF Zeit“. Doch anders als das Porträt des Herausforderers ging das der Amtsinhaberin nicht von einer (trivial-) psychologischen These aus. Während sich im Beitrag über Steinbrück alles darum drehte, dass der Mann zwar keine Chance habe, sie aber wacker nutzen wolle, kreiste bei Merkel alles um den Pleonasmus, dass die Kanzlerin die Kanzlerin sei.

Das ist angesichts des enormen Aufwands des 45-minütigen Films, für den mindestens 15 Personen – neben vielen Politikern aus Regierung und Opposition auch die Journalisten Nikolaus Blome („Bild“) und Dirk Kurbjuweit („Der Spiegel“) – zu Angela Merkel befragt worden waren, dann aber doch arg wenig. Ehrlicherweise dokumentierte das Porträt seine Defizite direkt oder indirekt. Direkt insofern, als man mehrfach die Gesprächspassagen mit der Kanzlerin selbst mit Bemerkungen dazu einkleidete, wozu diese sich nun eben nicht oder nur sehr eingeschränkt äußern werde. Indirekt insofern, als Gregor Gysi (Die Linke) im Interview Angela Merkel testierte, sie besitze die Fähigkeit, „zufällig zu lächeln“.

Auch wenn das nicht ganz richtig beschrieben ist – Merkel lächelt nicht zufällig, sondern mitunter unwillkürlich, womit sie Anwesende überrascht –, steuerte Gysi damit eine Beobachtung bei, der es diesem Film von Bettina Schausten und Mathis Feldhoff ansonsten gebrach. Nur ein einziges Mal interessierte sich die Kamera tatsächlich für die Person Merkel, als diese vor dem Kanzleramt, auf Staatsgäste wartend, vor einer Flaggenstaffel unruhig auf- und abgeht und im Filmbild ihre Ungeduld deutlich spürbar ist.

Alle anderen Bilder von der Kanzlerin verdankten sich jener Inszenierung der Politik, die der Kommentar immer mal wieder indirekt kritisierte, wenn er Merkel übertrieben als „Popstar der Politik“ oder als „wahre Medienkanzlerin“ bezeichnete oder als er den Begriff der „One-Woman-Show“ des früheren brandenburgischen Innenministers Jörg Schönbohm übernahm, der der einzige CDU-Vertreter in dem Film ist, der Merkel offen kritisiert.

Man sah also, wie Merkel sich fürsorglich bei Flutopfern nach deren Befindlichkeit erkundigte, wie sie in einem öffentlichen Gespräch über einen Kinofilm Details ihrer DDR-Biografie preisgab, wie sie sich bei Pressekonferenzen mit wohlgesetzten Pointen („Herr Rösler ist gerne Vizekanzler, und das kann ich gut verstehen“) in Szene setzt.

Sicher, man kann dem Zuschauer auf diese nahebringen, dass sich Merkel in der Öffentlichkeit inszeniert. Aber spannender wäre es gewesen, zu untersuchen, wie sich die Kanzlerin inszeniert: wie sie etwa ihren Witz und eben das spontane Lächeln einsetzt, wie ihre Stimme von einer kompletten Unverbindlichkeit auf einmal in eine metallene Härte umschlagen kann. Dann hätte man nebenbei auch die im Film gezeigte Liste der von ihr abgehalfterten Granden der CDU, von denen sich einige wie der frühere hessische Ministerpräsident Roland Koch windelweich zu ihr bekannten, um den Gedanken erweitert, wie man von Merkel bei einem solchen Abschied oder Rauswurf behandelt wird.

Statt also analytisch zu arbeiten, betrieb der Film „Macht Mensch Merkel“ (2,79 Mio Zuschauer, Marktanteil: 9,9 Prozent) fleißig Eigenreklame für das ZDF. Mit dem Physiker Harald Lesch und dem Kabarettisten Urban Priol kamen zwei ZDF-Gesichter zu Wort. Zudem wurde eine Ausgabe der „Heute-Show“ zitiert, in der sich Oliver Welke begeistert über Angela Merkel äußerte (und zugleich ein Honorar einforderte), weil sie ein Bonmot über die FDP aus seiner ZDF-Satire-Sendung übernommen hatte. Erkenntnisträchtig war das alles nicht, auch wenn der Satz von Lesch, Merkel würde wie alle „ein großes, unlösbares Problem in kleine, besser lösbare Probleme“ aufspalten und diese dann Stück für Stück lösen, so wirkt. Hier folgt Lesch eher dem Selbstbild der Kanzlerin als einer Eigenanalyse ihrer Politik, denn die Logik der Konsekution, mit der Detailprobleme nacheinander abgearbeitet werden, um das große Problem mittelfristig zu lösen, erweist sich im Alltag der Merkel-Politik als vollkommen falsch – hier werden große Probleme (beispielsweise im Umgang mit der Atomenergie) wie kleine behandelt, die heute mal so, morgen mal anders und übermorgen noch einmal anders angegangen werden.

Dieser Alltagspragmatismus von Angela Merkel, der zugleich den Abschied von liebgewordenen Vorstellungen ihrer Partei bedeutet, gab auch den Takt des Films vor, der sie hier kritisierte (Streit um NSA-Aktivitäten in Deutschland) und dort wiederlobte (Europapolitik), um zum Schluss des Films zu konstatieren: „Am Ende kommt es nur auf sie an.“ Der Satz bezog sich zwar auf die Frage, ob sie nach gewonnener Wahl eventuell schon nach zwei Jahren als Kanzlerin zurückträte, konnte aber genauso gut auf alles andere bezogen werden. Um den Pleonasmus dieses Films mit Gertrude Stein zu erweitern: Die Kanzlerin ist die Kanzlerin ist die Kanzlerin.

• Text aus FK-Heft Nr. 33-34/2013 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

16.08.2013 – Dietrich Leder/FK

Print-Ausgabe 23/2019

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