Der Mut der Journalisten: Eine Passage zum Thema Pressefreiheit aus dem ZDF/Arte-Film „Unantastbar – Der Kampf für Menschenrechte

05.12.2018 •

05.12.2018 • Im ZDF und bei Arte war Claus Klebers und Angela Andersons eindrücklicher Dokumentarfilm „Unantastbar – Der Kampf für Menschenrechte“ zu sehen, am 4. Dezember im ZDF, eine Woche zuvor am 27. November bei Arte (jeweils um 20.15 bis 21.45 Uhr). Der Film enthielt am Beispiel der Türkei auch zwei Passagen über die Gefährdung und Einschränkung von Pressefreiheit. Im Folgenden dokumentieren wir eine der beiden Passagen im kompletten Wortlaut:

Claus Kleber (im Off-Kommentar): „Auf der anderen Seite vom Friedhof, gleich neben dem Strafgericht. Wir sind wirklich leicht zu finden“ – Galgenhumor und ein Standardspruch in der Redaktion von „Cumhuriyet“, der einzigen großen Zeitung der Türkei, die es noch wagt, die Regierung zu kritisieren und investigativ zu arbeiten. Schutz und Überwachung gleichzeitig. Dauernde Polizeipräsenz ist für die Jungredakteurin Esin ein kleiner Teil des Preises, den sie hier für ihre Überzeugung zahlen. Viele ihrer Kollegen waren schon hinter Gittern. Murat Sabuncu zwei Jahre in Einzelhaft, nach einer Erdogan-kritischen Enthüllung. Jetzt ist er wieder Chefredakteur, ein Mann, der sich nicht unterkriegen lässt. Seine Redaktion braucht so einen – mit Humor und breiten Schultern. Titelkonferenz der Ressortleiter. „Cumhuriyet“ hat Auflage verloren unter Dauerattacken der Regierung, aber was sie als Aufmacher setzen, wird beachtet, weit jenseits der Abonnenten. Unfassbar – so gute Laune unter solchem Druck.

Murat Sabuncu (in der Redaktionskonferenz): Wir machen unseren Job mit einem Lächeln, weiter bis zum Ende. Wir sind ein großartiges Team. Ein großartiges Team, eine Familie! Wir machen weiter Journalismus. Wir meinen: echte Presse. Es gibt ja kaum noch Medien, die nicht von der Regierung abhängen. 

Claus Kleber (im Off-Kommentar): Cenol, der die Redaktion mit Tee versorgt, war auch schon hinter Gittern: Beihilfe zur Präsidentenbeleidigung. Bülent, der Online-Chef, kam von einem Erdogan-treuen Großverlag zu „Cumhuriyet“ – aus Überzeugung. Die News dieses Augenblicks wird in den Staatsmedien nur klein gefahren werden, die Opposition hat einen Streit überwunden und einen Kandidaten gewählt, der Erdogan irgendwann gefährlich werden könnte. Aber dafür braucht er Öffentlichkeit. „Cumhuriyet“ ist online, um das Totschweigen zu brechen. – Die top ausgebildete Jungredakteurin Esin könnte irgendwo in Europa sicherer und angenehmer leben.

Esin Ileri (in der Redaktion): Eigentlich war mein Lebensziel, Akademikerin zu werden, eine Professorin, die Studierenden vermittelt, für die Demokratie einzutreten, für Gedankenfreiheit und Meinungsfreiheit. Aber in der Türkei – ich konnte nicht länger an Universitäten arbeiten. Ich finde jetzt, dass Journalismus besser ist, besser als der akademische Weg, um etwas im Land und in der Welt zu verändern. Deshalb. Ich glaube, ich kann es. Ich spreche nicht nur für mich. Alle meine Kollegen wissen, dass Gefängnis droht, dass jede Minute an unsere Tür geklopft werden kann. Alle Leute bei „Cumhuriyet“ sind sich dessen bewusst und sie sind darauf vorbereitet, denke ich.

Claus Kleber (im Off-Kommentar): Wo bleibt solche Leidenschaft, wenn die letzten Leuchttürme erlöschen? – Istanbul, die moderne, weltoffene Stadt zwischen Europa und Asien, rutscht weg in ein Reich der Autokraten. Die Kellner in dem kleinen Café am Bosporus haben sich an den Chefredakteur mit dem Zeitungsstapel gewöhnt, der morgens immer schon dasitzt, wenn sie aufsperren. Murat braucht diesen Ruhepol. Er arbeitet 16 Stunden jeden Tag. Nur wenige stemmen sich dem Abriss des Rechtsstaates weiter entgegen. Die Last auf seinen Schultern wächst.

Murat Sabuncu (in dem Café, draußen, im Interview mit Kleber): Für mich sind das die schönsten Stunden in Istanbul. Diese Stimmung, die herrliche Aussicht, sogar die Hunde sind freundlich. Die beste Zeit in Istanbul ist zwischen sechs und halb sieben Uhr morgens. Tagsüber wird es so laut, dass man nicht mal die Vögel zwitschern hört. Aber jetzt klingt das alles wunderbar in meinen Ohren. Auch das Meer mit den Wellen. Als ich im Gefängnis war, habe ich mir in meinen Gedanken das immer ausgemalt: dieser Ausblick, dieses Geräusch! Deshalb ist es so wichtig für mich, um diese Zeit hier zu sein, um zu lesen.

Claus Kleber (Off-Kommentar): Murat hat jeden Morgen einen bunten Stapel vor sich. (Nachfrage im Interview:) Spricht das nicht für Pressefreiheit?

Murat Sabuncu: Man sieht viele verschiedene Zeitungen, aber bei allen geht es nur um dieselbe Person, da geht’s nur um Erdogan. Bei uns kommt jeder vor. Auch Oppositionsführer. Und Erdogans Verbündete.

Claus Kleber: Und ansonsten ist das eine durch und durch Pro-Erdogan-Industrie?

Murat Sabuncu: Ja, leider.

Claus Kleber: Sie kennen ja viele der Journalisten dort…

Murat Sabuncu: Ja, sie sind meine Freunde, sie sind meine Ex-Freunde. Mit manchen haben wir zusammengearbeitet. Ich möchte von niemandem schlecht reden. Aber vor allem Journalisten müssen doch etwas für Kollegen tun, die ins Gefängnis geworfen wurden. Ich weiß nicht, warum sie nicht etwas für die anderen Journalisten getan haben. Hatten die Angst? Wer Angst hat, kann kein Journalist sein.

Claus Kleber (jetzt wieder im Off-Kommentar): Wenn es bei uns so hart auf hart ginge, wie viel würde wohl bleiben vom Mut der Journalisten.

05.12.2018 – MK

Print-Ausgabe 15-16/2019

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