Türkei: Einschneidende Umwälzung im Medienbereich

26.06.2018 • Am 16. Mai wurde in der Türkei die Übertragung des kompletten Medien-Portfolios der Dogan-Gruppe auf die Demirören-Gruppe abgeschlossen. Am selben Tag wurde für den Verkauf eine Summe von umgerechnet 763 Mio Euro auf das Bankkonto des Dogan-Konzerns überwiesen. Hinter dieser nüchternen Nachricht verbirgt sich eine einschneidende und wohl auch politisch bedeutsame Umwälzung der türkischen Medienlandschaft.

Denn während der Dogan-Konzern als politisch unabhängig gilt, wird dem Demirören-Konzern eine Nähe zum konservativ-islamischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan nachgesagt, der am 24. Juni die  vorgezogenen Präsidentschafts- und Parlamentswahlen in der Türkei gewann und nun über mehr Macht hat denn je. Seit 2003 bestimmt der autokratisch regierende Erdogan als Ministerpräsident und Staatspräsident weitgehend die Geschicke der Türkei. Kritische in- und ausländische Journalisten sind in dem Land ständig in der Gefahr, im Gefängnis zu landen. Ein Journalist, dem ein solches Schicksal widerfuhr, war Deniz Yücel, Türkei-Korrespondent der Tageszeitung „Die Welt“. Er ist seit einiger Zeit wieder frei und zurück in Deutschland (vgl. MK-Meldung). Laut der Organisation „Reporter ohne Grenzen“ sitzen derzeit rund 150 Journalisten im Gefängnis; etwa 150 Medien seien geschlossen worden.

Demirören kauft Dogan-Medien

Der Dogan-Konzern, der bis dahin das größte Medienunternehmen der Türkei war, hat sich durch den Verkauf seiner Fernseh- und Radiosender, seiner Zeitungen und Druckereien nun weitgehend aus der türkischen Medienbranche zurückgezogen. Seit die Demirören-Holding das Dogan-Portfolio übernommen hat, ist sie nun das führende Medienunternehmen in der Türkei. Bereits am 7. Mai hatte die die türkische Wettbewerbsbehörde die Übernahme gebilligt. Damit war der Deal de facto vollzogen.

Einen Tag später, am 8. Mai, kündigte daraufhin Mathias Döpfner, der Vorstandsvorsitzende des Axel-Springer-Konzerns (Berlin), den vorzeitigen Ausstieg seines Unternehmens vom Medienmarkt der Türkei an. Springer hatte sich 2006 mit einem Anteil von 25 Prozent an Dogan TV beteiligt (vgl. hierzu FK-Hefte Nr. 49/06 und 49/08). In den letzten Jahren war der Anteil bereits auf rund sieben Prozent reduziert worden. Man habe sich mit der Dogan-Holding auf einen Verkaufspreis von 160 Mio Euro geeinigt. Als Grund für den Komplettausstieg nannte Springer den Verkauf der Dogan-Medien an die regierungsnahe Demirören-Gruppe. „Das ist ein außerordentlich bedauernswertes Zeichen für den Journalismus in der Türkei“, sagte Döpfner in Berlin.

„Ein bedauernswertes Zeichen“

Die beiden Unternehmen Dogan und Demirören sind Mischkonzerne, bei denen der Energiesektor eine maßgebliche Rolle spielt; sie befinden sich beide im Familienbesitz. Gründer, Ehrenpräsident und Hauptaktionär der Dogan-Gruppe ist der heute 82-jährige Unternehmer Aydin Dogan. Mit seiner Ehefrau Sema Isil und seinen vier Töchtern kontrolliert er 64 Prozent der Dogan-Holding. Die vier Töchter hatten die Dogan-Medien mit aufgebaut.

Gründer, Präsident und Hauptaktionär der Demirören-Gruppe ist der fast 80-jährige Unternehmer Erdogan Demirören. Der Konzernleitung gehören auch seine drei Kinder an, die Söhne Yildirim und Tayfun Demirören und die Tochter Meltem Demirören Oktay. Vorstandsvorsitzender von Demirören Medien ist der 54-jährige Manager Mehmet Soysal.

Anfang April hatte Aydin Dogan in der „Hürriyet“-Zentrale in Istanbul erklärt, dass seine Firma diese Zeitung als „Flaggschiff der türkischen Medien 40 Jahre lang sicher getragen“ habe. Das sei „nicht immer leicht“ gewesen. Er habe stets „den universalen Prinzipien des Journalismus und der objektiven Berichterstattung große Bedeutung“ beigemessen, betonte Dogan. Die Verkaufsverhandlungen mit der Familie Demirören seien „ohne Druck und auf eigenen Wunsch“ erfolgt. Er sei nun über 80 Jahre alt und habe entschieden, seine Tätigkeit als Verleger zu beenden, erklärte Dogan. Die beiden Familien seien über 50 Jahre befreundet. Im Jahr 2011 hatte Aydin Dogan bereits die Tageszeitungen „Milliyet“ und „Vatan“ an die Demirören-Gruppe verkauft, nachdem er 2009 eine Steuernachzahlung von 2,5 Mrd US-Dollar an den türkischen Staat wegen angeblich nicht gezahlter Steuern begleichen musste.

Burda-Gruppe nicht betroffen

Die Liste der Dogan-Medienunternehmen, die jetzt von der Demirören-Gruppe übernommen wurden, ist lang: Der neue Inhaber übernahm die Dogan TV-Holding mit unter anderem dem langjährigen türkischen Fernsehmarktführer Kanal D, die Firma Doruk TV and Radio Broadcasting mit dem Nachrichtenkanal CNN Türk und den Radiosendern CNN Türk Radyo und Radyo D, das Verlagsunternehmen Hürriyet Gazetecilik mit der genannten führenden Tageszeitung „Hürriyet“, der englischsprachigen Ausgabe „Hürriyet Daily News“ und Druckereien, die Firma Dogan Media International sowie das Unternehmen Dogan Gazetecilik mit den Tageszeitungen „Posta“ (Boulevard) und „Fanatik“ (Sport), der Nachrichtenagentur DHA, der Dogan-Internet-Gesellschaft, dem Pay-TV-Betreiber Mozaik (D-Smart) und dem Medienvertrieb Yaysat.

Im Jahr 2017 erreichte Dogan Media bei den Tageszeitungen einen Marktanteil von 21 Prozent und eine Tagesgesamtauflage von 680.000 Exemplaren; davon entfielen auf „Hürriyet“ 316.000. Auf dem Zeitschriftenmarkt erzielte Dogan Media einen Marktanteil von 38 Prozent und einer Gesamtauflage von 3,27 Mio Exemplaren. Davon entfielen 3,25 Mio auf das Gemeinschaftsunternehmen Dogan Burda mit der deutschen Burda-Gruppe (Offenburg). Die Zeitschriften sind vom Verkauf an Demirören nicht betroffen. Die Dogan-Gruppe erwirtschaftete 2017 einen Umsatz von umgerechnet 1,9 Mrd Euro, der Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) betrug in dem Jahr 113 Mio Euro. Auf das Mediengeschäft entfielen dabei 419 Mio Euro des Umsatzes (Ebitda: 24 Mio).

26.06.2018 – me/MK