USA: Erschütterungen für die Broadcast-Networks erfordern Umorientierung

30.11.2018 • Die US-amerikanischen Broadcast-Networks ABC, CBS, NBC und Fox wurden im Jahr 2018 von heftigen Erschütterungen heimgesucht. Verursacht wurden diese hauptsächlich durch einschneidende Veränderungen der Unternehmensstrukturen, personelle Konsequenzen aus der „#MeToo“-Debatte und die immer stärkere Konkurrenz durch die Streaming-Anbieter. Zu Beginn der Fernsehsaison 2018/19 steht keines der vier großen Networks mehr so da wie zuvor. CBS wurde bis in seine Grundfesten getroffen durch den Skandal um seinen Chef Leslie Moonves, der sexueller Ausfälligkeiten gegenüber Frauen beschuldigt wurde und gehen musste (vgl. MK-Meldung). ABC und Fox sind bis in ihren Kern beeinträchtigt von dem Mega-Deal ihrer Muttergesellschaften (vgl. diese MK-Meldung und diese MK-Meldung). Und sogar das vergleichsweise noch relativ stabile Network NBC hat nicht nur seine Programmchefin verloren, sondern muss sich auch darauf vorbereiten, dass sein Eigentümer Comcast beim Wettlauf im Streaming-Sektor nicht länger außen vor stehen will.

Die US-Branchenzeitschrift „Variety“ widmete der Krise unlängst einen langen Beitrag, in dem sie von einem „kollektiven Chaos“ sprach, das die alteingesessenen Broadcast-Networks überfallen habe. Das Blatt verweist darauf, dass nicht bloß die unvorhergesehenen Veränderungen an der Spitze der Networks Schuld an der Situation seien, sondern ebenso die rückläufigen Einschaltquoten, die digitale Konkurrenz und die Verlagerung der Werbeaktivitäten großer Unternehmen in andere Medien. Von 2012 bis 2017 habe sich, so heißt es bei „Variety“, die durchschnittliche Zahl der Fernsehzuschauer im Alter zwischen 18 bis 34 Jahren von 16,1 auf 10,5 Prozent verringert. Ein Wachstum sei nur noch bei Zuschauern im Rentenalter festzustellen.

Die „Big Four“ gegen Netflix

Die Zahlen für die Networks sind umso niederschmetternder, als die Konsequenzen der unternehmensstrukturellen und personellen Veränderungen noch gar nicht in ganzer Breite absehbar sind. Schon bevor Leslie Moonves seinen Abschied nehmen musste, sah sich CBS in tiefgreifende Auseinandersetzungen verwickelt mit seinem Mehrheitsaktionär, dem 95-jährigen Sumner Redstone, und dessen Tochter (vgl. MK-Meldung). ABC und Fox müssen sich umorientieren, nachdem der Disney-Konzern großer Teile von 21st Century Fox erworben hat. Sie können sich nicht mehr darauf verlassen, dass ihnen attraktive Produktionen von Pixar, Marvel und Lucasfilm zugänglich sein werden, denn die Walt Disney Company (zu der auch ABC gehört) wird damit zukünftig hauptsächlich sein im Aufbau befindliches neues Streaming-Angebot Disney plus bedienen. Und auch Comcast, die Muttergesellschaft von NBC, wird wohl nicht mehr lange zögern, sich im Bereich Videostreaming zu engagieren.

Die Folgen zeichnen sich in den ersten Wochen der neuen Fernsehsaison bereits ab. NBC verlässt sich noch mehr als früher auf Sportübertragungen. Es gibt bei dem Network inzwischen so viel Sport, der die Hauptsendezeit okkupiert, dass sich zum Beispiel der erfolgreiche Produzent Dick Wolf mit seiner neuen Serie „FBI“ bei CBS statt bei seinem bisherigen Heimatsender NBC eingenistet hat. Bei allen Broadcast-Networks ist ein Trend zu verzeichnen, der auch schon in der vorigen TV-Saison spürbar war, nun aber zu einer uniformen Plage zu werden droht: Es gibt immer mehr Ableger erfolgreicher Serien, was bei NBC sogar dazu geführt hat, dass am Mittwoch der ganze Abend mit Serien der „Chicago“-Formate besetzt ist („Chicago Med“, „Chicago Fire“, Chicago P.D.“). Andererseits kaufen die Networks immer weniger neue Serien ein. So wurden für die laufende Saison von den fünf Broadcast-Networks (einschließlich des kleineren Senders CW) nur noch 36 neue Serien an Bord geholt. Damit gegen, wie „Variety“ berichtet, jährlich 700 originale Produktionen (Serien und Filme) allein bei Netflix zu bestehen, werde für die „Big Four“ auf Dauer schwierig bis unmöglich sein.

30.11.2018 – Ev/MK

Print-Ausgabe 24/2018

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