Medientage München 2018: Unsicherheit im Zeitalter digitaler Disruption

02.11.2018 • Im Mittelpunkt der 32. Medientage München (24. bis 26. Oktober) standen vor allem die enorme Marktmacht US-amerikanischer Online- und Technologie-Konzerne sowie die Folgen von Algorithmen und künstlicher Intelligenz für die Medienbranche. Nach Angaben der Veranstalter nahmen in diesem Jahr erneut mehr als 7000 Messe- und Kongressbesucher an den Medientagen München teil. Etwa 400 Referenten diskutierten bei über 100 Podiums- und Panel-Diskussionen über die gesellschaftlichen Folgen und Gestaltungsmöglichkeiten einer technisierten Mediengesellschaft. Das Motto dabei lautete: „Engage! Shaping Media Tech Society“.

Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU) ließ sich nach der gerade zurückliegenden Landtagswahl angesichts der laufenden Koalitionsverhandlungen mit den Freien Wählern von Bayerns Staatsminister für Digitales, Medien und Europa, Georg Eisenreich (CSU), vertreten. Und der mahnte, deutsche Unternehmen müssten „Tempo machen, um nicht von der Entwicklung überrannt zu werden“. Die digitale Transformation sei eine „große Aufgabe“. Angesichts der Macht großer Online-Konzerne gelte es nun, Werte, Wohlstand und Demokratie ebenso zu sichern wie Meinungsvielfalt und Meinungsfreiheit. Beim „Kampf um den Erhalt und die Entstehung von Geschäftsmodellen“ seien angesichts der äußerst dynamischen technologischen Entwicklung Kooperationen und Vernetzung europäischer Initiativen gefragt. Für den globalen Wettbewerb seien vergleichbare, transnationale Regeln für alle erforderlich. Dies betreffe etwa Bereiche wie den Datenschutz, das Steuerrecht und die Vielfaltsicherung.

Algorithmen und künstliche Intelligenz

Der britisch-amerikanische Internet-Kritiker und Autor Andrew Keen („How to Fix the Future“) warnte davor, Algorithmen und künstlicher Intelligenz die Macht zu überlassen. Er forderte, politische Regulierung müsse die Privatsphäre, die Persönlichkeits- und die Verbraucherrechte der Mediennutzer schützen. Nur der Mensch, nicht die Technologie könne die Probleme der digitalen Gesellschaft lösen. Keens Appell lautete: Um den epochalen Wandel der Branche zum gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Nutzen einer „Media Tech Society“ möglichst demokratisch zu gestalten, seien Konzepte gefragt, von denen die menschliche Würde und Freiheit nicht untergraben würden.

Siegfried Schneider, Präsident der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien (BLM), hatte bereits in seiner Eröffnungsrede der Medientage München 2018 darauf hingewiesen, Social Media und Algorithmen hätten die Art und Weise, wie Menschen mit Nachrichten und Informationen umgehen, grundlegend verändert. Deshalb müsse nun geregelt werden, wie Menschen ihre Autonomie bewahren könnten, „wenn Algorithmen darüber abstimmen, welche Nachrichten wir hören, welche Partner wir treffen oder wie wir uns in Dilemma-Situationen zu entscheiden haben“.

Wozu wird die KEK noch gebraucht?

Für den Bereich der Rundfunkregulierung forderte der eigentlich für Privatfunk zuständige BLM-Präsident eine Indexierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunkbeitrags und weniger „Fernsehzentriertheit“ bei der Verhinderung von Medienkonzentration. Werde das Konzentrationsrecht nicht geändert, müsse man fragen, wozu die Kommission zur Ermittlung der Konzentration im Medienbereich (KEK) – in der Schneider selbst Mitglied ist – noch gebraucht werde. Zur Zeit könne die KEK nur noch in einem einzigen Fall eine Fusion untersagen, und zwar wenn sich die Senderfamilien von RTL-Gruppe und Pro Sieben Sat 1 Media SE zusammenschließen wollten.

Politik und Wirtschaft, so wurde bei den Medientagen München deutlich, suchen Orientierung im Zeitalter digitaler Disruption. Max Conze, seit Juni neuer Vorstandschef der Pro-Sieben-Sat-1-Gruppe, schlug Allianzen und Kooperationen – etwa in Form einer Streaming-Plattform für Deutschland – vor, um sich gegen große Online-Player aus den USA oder auch China zu wehren.

Ulrich Wilhelm, der als Intendant des Bayerischen Rundfunks (BR) derzeit ARD-Vorsitzender ist, ging noch darüber hinaus. Er empfahl eine gemeinsame europäische Plattform, damit sich heimische Medienunternehmen gegen die US-Technologiekonzern-Riesen Facebook, Google und YouTube durchsetzen können. Ziel einer entsprechenden Mediathek müsse es beispielsweise sein, den Interessenausgleich in der Gesellschaft zu erhalten. Weil Intermediäre aus den USA vor allem auf die Optimierung von Reichweite und Nutzungsdauer setzen würden, bewirke diese Form der Aufmerksamkeitsökonomie eine Verzerrung der öffentlichen Meinung durch Emotionalität und Demagogie. Das habe gefährliche Folgen für die Meinungsbildung und Meinungsvielfalt, warnte der ARD-Vorsitzende. Umso wichtiger sei die Stärkung einer pluralistischen Gesellschaft, in der Journalismus dafür sorgen müsse, dass Informationsquellen genannt würden und die Trennung zwischen Nachricht und Kommentar gewahrt bleibe.

Alwin Mahler, der bei Google Managing Director für Partnerschaften im deutschsprachigen Raum ist, bot seinerseits Medienunternehmen eine stärkere Zusammenarbeit an. Auf das Angebot des Google-Managers, mit klassischen Medienunternehmen zu kooperieren, reagierte indes Stefan Winners, der im Vorstand von Hubert Burda Media für die nationalen Digitalmarken verantwortlich ist, ablehnend. Eine solche Zusammenarbeit helfe den großen Konzernen mehr als den kleinen Partnern. „Wir müssen uns unsere eigenen Datenmodelle bauen“, meinte Winners.

Destabilisierung der Demokratie

Dass Algorithmen, soziale Online-Netzwerke und künstliche Intelligenz die mediale Konstruktion von Wirklichkeit entscheidend prägen, wurde bei fast allen Diskussionen und Vorträgen der Medientage München 2018 deutlich.Martin Ott, der bei Facebook Managing Director für Zentraleuropa ist, versicherte, Facebook habe kein Interesse an Hate Speech oder Fake News. Inzwischen kümmerten sich mehr als 20.000 Mitarbeiter um die Inhalte der weltweit größten Social Community. Um Wahlmanipulationen zu verhindern, arbeiteten etwa zwanzig Experten in einem „War Room“ der Konzernzentrale in Menlo Park daran, Social Bots oder Falschmeldungen zu enttarnen. Auf die Frage, ob eine so große Plattform wie Facebook wirklich neutral sein könne, antwortete Ott ausweichend; er sagte aber, eigene Inhalte seien für das Unternehmen – mit Ausnahme kleinerer Pilotprojekte zu Erforschung von Geschäftsmodellen – kein Ziel (vgl. dazu diesen MK-Artikel).

Zu denen, die auf dem Münchner Branchenkongress eher die Chancen als die Risiken von digitalen Entwicklungen und künstlicher Intelligenz betonten, gehörte Dorothee Bär (CSU). Die Staatsministerin für Digitalisierung im Bundeskanzleramt betonte, sie wolle vor allem unbestimmte Ängste abbauen, etwa vor dem Einsatz von Robotern in der Pflege. In der Forschung und der Entwicklung von künstlicher Intelligenz befinde sich Deutschland immer noch an der Spitze, so Bär. Hier gehe es für Deutschland darum, internationale Standards zu setzen und demokratische Werte in die Digitalisierung mitzunehmen. „Warum soll es nicht möglich sein, Algorithmen auf der Basis demokratischer Werte zu bauen?“, fragte die Ministerin.

 „Wir erleben einen epochalen Wandel – und es passiert nichts“, beklagte der WDR-Moderator Ranga Yogeshwar in einer Keynote und klassifizierte es als „atemberaubend“, dass weder Politik noch Wirtschaft die tiefgreifende Transformation in der digitalen Ära erkennen würden. „Das Internet ist toll, aber wir müssen es regeln und selbst gestalten“, forderte der Physiker und Wissenschaftsjournalist. Nachdem sich Massenmedien durch Social Media in Medien der Massen verwandelt hätten, programmierten sich viele ihre eigenen Wahrheiten. Die Konsequenzen seien eine zunehmende Verrohung in einer digitalen „Schreikultur“ und eine Destabilisierung der Demokratie: „Erregung ist die wichtigste Währung geworden.

Debatte über Niveau und Qualität

In seinen Ausführungen in München bewertete auch der amerikanische Autor und Internet-Spezialist Jeff Jarvis die Kommunikationskultur von sozialen Online-Netzwerken kritisch. Gesetzliche Regelungen könnten dies kaum verändern. Ganz gleich, ob Leistungsschutzrecht, Kartellstrafen oder das Recht auf Vergessenwerden: Google und Facebook hätten durch diese Initiativen nur mehr Macht gewonnen. „Protection is not a strategy for the future“, lautete die These des US-Journalisten (buzzmachine.com). Wichtiger sei zum Beispiel fundierte, wissenschaftlich belegte Faktenrecherche.

Bei der Abschlussveranstaltung der Medientage München, dem sogenannten „Journalism Summit“, diskutierten prominente Medienmacher über die Rolle und Verantwortung von Journalisten im Zeitalter der Aufmerksamkeitsökonomie und Erregungsdemokratie. Armin Wolf, stellvertretender Fernsehchefredakteur des Österreichischen Rundfunks (ORF) kritisierte in einem Impulsvortrag, dass sich die Milieus, in denen Journalisten leben, zunehmend von der Lebenswelt ihres Publikums entfernen würden. Wolf bedauerte, dass sich viele Medien letztlich nicht mehr kontroversen Debatten stellen würden. Außerdem mahnte der Nachrichtenmoderator („ZIB 2“), öffentlichen Debatten fehle es häufig an Niveau und Qualität, rassistische Begriffe würden nicht mehr hinterfragt und ein Teil des Publikums begebe sich in eine Filterblase, an der sachliche Argumente abprallten.

Der scheidende „Spiegel“-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer mahnte, Journalisten müssten pointiert agieren, dürften aber die öffentliche Meinung nicht verzerren. Er sehe kein Problem darin, heftige Debatten zu führen, warne jedoch  davor, leichtfertig mit Sprache zu provozieren. Die WDR-Fernsehjournalistin Isabel Schayani sagte, sie habe sich vorgenommen, „sprachlich abzurüsten“, Zweifel zuzulassen und nicht mehr „darauf gebürstet“ zu sein, eindeutig zu sein. Brinkbäumer erklärte, er halte es für legitim, wenn sich Journalisten aufgrund einer unklaren Faktenlage entscheiden würden, Themen nicht übereilt in der Berichterstattung aufzugreifen. Mittlerweile hätten bereits viele Redaktionen aus ihren Fehlern gelernt: „Die blinden Flecke der Berichterstattung an sozialen Brennpunkten“ würden weniger.

02.11.2018 – mak/MK

Print-Ausgabe 23/2018

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