USA: Kabelsender manipulieren Filme und Serien zur Ausdehnung der Werbezeit

11.02.2016 •

Die Auswirkungen der Abwanderung vor allem jüngerer Zuschauer zu Streaming-Angeboten sind bei den amerikanischen Kabelnetworks inzwischen deutlich zu spüren: Einschaltquoten sinken und die Preise, die für Werbespots gezahlt werden, gehen entsprechend zurück. Doch niemand hat wohl mit dieser Idee gerechnet, für die der Terminus „Compression Technology“ steht und die sich die Manager von Kabelsendern einfallen ließen, um dem Rückgang der Werbeeinnahmen zu begegnen. „Compression Technology“ bedeutet unmissverständlicher ausgedrückt nichts anderes als Betrug am Kunden: Filme und Fernsehserien werden manipuliert, um zusätzliche Zeit für Werbespots herauszuquetschen.

Da berichtet zum Beispiel das „Wall Street Journal“ von einem Zuschauer, dem bei der Ausstrahlung des Kinofilms „The Wizard of Oz“ („Der Zauberer von Oz“) im Programm des Senders TBS auffiel, dass die drolligen Munchkins auf einmal mit viel zu hohen Stimmen sprachen. Der Mann hatte Recht. TBS hatte sich der bei Kabelsendern immer populärer werdenden Kompressionstechnik bedient und ließ den Film einfach ein bisschen schneller laufen, um dadurch die integrierten Werbezeiten um ein paar Minuten zu verlängern.

Zuschauer werden zu Streaming-Plattformen getrieben

Schon längst hat sich das amerikanische Fernsehpublikum daran gewöhnen müssen, dass die Kabelnetworks am Vorspann von Filmen und Serien herummanipulieren. Jede Episode der beliebten Serie „Law & Order“ beginnt bei ihrer Originalsendung im Programm des Networks NBC mit einer Titelsequenz von einer Minute und 45 Sekunden Dauer. Beim Kabelsender TNT indes dauert dieselbe Sequenz nur noch 24 Sekunden: Der Cutter macht’s möglich. Inzwischen aber beschränkt sich die Geldschneiderei der Networks nicht nur auf gelegentliche Schnitte, sondern Filme und Serien werden über die gesamte Abspielstrecke durch beschleunigtes Abspielen entstellt. So wie „The Wizard of Oz“ werden etwa auch Wiederholungen von „Seinfeld“ oder „Friends“ der Prozedur unterworfen.

Was dabei herauskommt, sind kürzere Laufzeiten, die dann durch gewinnbringende Commercials gefüllt werden können. Laut einem Report von Nielsen Research stieg im Dezember vorigen Jahres die für Werbespots bei einer Stundensendung des A&E-Networks zur Verfügung stehende Werbezeit im Vergleich zum Dezember 2013 um nahezu drei Minuten auf insgesamt 18 Minuten und 39 Sekunden. Andere Kabelnetworks wie MTV, Spike oder TV Land quetschen inzwischen Commercials in einem zeitlichen Umfang von mittlerweile schon mehr als 20 Minuten in eine 60-Minuten-Sendung. Die einzigen Ausnahmen sind heutzutage die großen Broadcast-Networks, die gelegentlich sogar damit experimentieren, Pilotfilme ihrer neuen Serien mit weniger Werbung auszustrahlen.

Wie dem zitierten Bericht aus dem „Wall Street Journal“ weiter zu entnehmen ist, mehren sich inzwischen Stimmen von Marketing-Experten, die besorgt sind, dass die Praxis des beschleunigten Abspielens von Filmen und Serien und das damit verbundene Anschwellen von Werbeunterbrechungen negative Konsequenzen haben könnte. Dadurch würden, so befürchten sie, erst recht mehr und mehr Zuschauer in die Arme von werbefreien Streaming-Plattformen wie Netflix oder Amazon getrieben.

11.02.2016 – Ev/MK

Print-Ausgabe 24/2019

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