SWR-Produktion „Dshan“ von Lothar Trolle ist Hörspiel des Jahres 2015

26.01.2016 •

Das SWR-Hörspiel „Dshan“ von Lothar Trolle ist von der der Jury der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste zum Hörspiel des Jahres 2015 gewählt worden. Die Regie bei der Produktion führte Walter Adler (Dramaturgie: Andrea Oetzmann, Komposition: Pierre Oser). Das 77-minütige Stück war am 20. September 2015 im Programm SWR 2 urgesendet worden. Lothar Trolle hatte Anfang der Nuller Jahre den Theatertext „Dshan“ nach Motiven der gleichnamigen, 1935 entstandenen Novelle von Andrej Platonow geschrieben. Im vorigen Jahr hat Trolle den Text dann gemeinsam mit Regisseur Walter Adler überarbeitet und fürs Hörspiel eingerichtet.

Im Zentrum des Stücks steht der junge Ingenieur Nasar Tschagatajew, der den Auftrag übernommen hat, ein kleines Wüstenvolk zu retten, das sich „Dshan“ („Seele“) nennt und dem er selbst entstammt. Er soll das Volk aus der Ustjurt-Steppe heim in den Schoß der Sowjetmacht führen. Florian Lukas spielt den heimkehrenden Fremden Nasar zwischen Mitgefühl und Distanz, Gloria Endres de Oliveira ist das lebenshungrige Mädchen Aidym. Als Erzähler führt Hans-Michael Rehberg durch das Hörspiel. Die deutsche Übersetzung des russischen Textes stammt von Alfred Frank.

Lothar Trolle, 1944 im Harz geboren, absolvierte in der DDR eine Ausbildung zum Handelskaufmann und arbeitete anschließend als Transportarbeiter und als Bühnentechniker am Deutschen Theater in Ost-Berlin. An der Berliner Humboldt-Universität studierte er Philosophie und arbeitet seit 1970 als freischaffender Autor und Übersetzer. Zusammen mit Uwe Kolbe und Bernd Wagner gab er die Untergrund-Literaturzeitschrift „Mikado“ heraus. Seinen Durchbruch erlebte Lothar Trolle mit seinem Stück „Hermes in der Stadt“, das von Frank Castorf 1992 am Deutschen Theater Berlin inszeniert wurde. Von 1994 bis 1999 war Trolle Hausautor am Berliner Ensemble. Er schreibt Theaterstücke, Hörspiele, Prosa und Lyrik und arbeitet als Übersetzer.

Eine meisterhafte Leistung

Die Preisverleihung zum Hörspiel des Jahres 2015 ist am 27. Februar im Literaturhaus von Frankfurt am Main (Beginn: 19.30 Uhr, der Eintritt ist frei). Dort wird das Hörspiel „Dshan“ noch einmal in voller Länge präsentiert. Darüber hinaus berichtet die Jury über ihre Arbeit und begründet ihre Wahl ausführlich. Im Anschluss daran findet ein Gespräch mit den Hörspielmachern und dem Publikum statt (Moderation: Christoph Buggert).

Das Hörspiel des Jahres wird von der Jury der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste stets aus den zwölf Stücken gewählt, die im abgelaufenen Jahr jeweils Hörspiel des Monats waren. Mitglieder der Jury, die jährlich neu zusammengesetzt wird, waren 2015 Oliver Bukowski (Schriftsteller, freiberuflicher Autor für Bühne, Hörfunk und Film), Nathalie Singer (freiberufliche Autorin, Komponistin und Regisseurin für Hörfunk und Bühne, Professorin für Experimentelles Radio an der Bauhaus Universität Weimar) und Hermann Beil (Präsident der Deutschen Akademie für Darstellende Künste).

Zur Begründung ihrer Wahl von „Dshan“ zum besten Hörspiel des vergangenen Jahres rekurrierte die Jury auf den Text, den sie verfasste, als sie das Stück zum Hörspiel des Monats September 2015 gewählt hatte (vgl. MK-Meldung), und schieb unter anderem: „Lothar Trolles Hörspiel nach Motiven des Romans von Andrej Platonow haben der Regisseur Walter Adler und sein Studioteam meisterhaft für den Funk eingerichtet und umgesetzt. Mit Unerschütterlichkeit präsentiert Hans-Michael Rehberg als Erzähler eine scheinbar erratische Geschichte, die sich – mit glänzend besetzten Stimmen und im rasanten Wechsel der Erzählebenen und Hörbilder – zu einem surreal-düsteren seltsam aktuellen Gesellschaftstableau steigert. Ein an die Schmerzgrenze reichender akustischer Marathon, der die eigentlich in einer früheren Welt angesiedelte Handlung angesichts der momentanen Bilder von Flüchtlingsströmen und Armutsmigration seltsam aktuell erscheinen lässt.“

26.01.2016 – da/MK

Print-Ausgabe 23-24/2021

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