USA: Al Jazeera America steht vor der Schließung

07.02.2016 •

Der im August 2013 mit finanzieller Unterstützung des arabischen Ölstaats Katar gestartete amerikanische Nachrichtensender Al Jazeera America (vgl. FK 37/13) wird am 30. April 2016 seinen Sendebetrieb einstellen. Das gaben Verantwortliche des Senders Mitte Januar bekannt. Die meisten Amerikaner werden es gar nicht bemerken, dass dieses Programm aus dem TV-Angebot verschwindet, denn sie haben es bislang kaum bis gar nicht gesehen. Die Verbreitung und die Einschaltquoten des US-Ablegers von Al Jazeera blieben trotz etlicher Auszeichnungen, die der Sender in den vergangenen zweieinhalb Jahren erhalten hat, geringfügig. Wirtschaftliche Engpässe sollen nach Auskunft von Al Jazeera America (AJAM) der ausschlaggebende Faktor für die bevorstehende Schließung sein.

Es war von vornherein ein Wagnis, einen weiteren Nachrichtensender im amerikanischen Kabelfernsehen etablieren zu wollen. Der Hunger auf Nachrichten wird durch die News-Programme der großen Broadcast-Networks, die Kabelsender CNN, MSNBC, HLN und Fox News sowie die Nachrichtensendungen des nicht-kommerziellen Public Broadcasting Service (PBS) mehr als befriedigt. Al Jazeera America glaubte dennoch eine Nische gefunden zu haben, die seine Existenz rechtfertigen und die finanziellen Investitionen fruchtbringend machen könnte: Insbesondere mit langformatigen Reportagen und investigativem Journalismus sollte dieses Ziel erreicht werden. An beiden Formaten mangelt es in der Tat im Nachrichtenangebot des US-amerikanischen Fernsehens.

Seit langem schon haben es die bestehenden auf News spezialisierten Networks aufgegeben, Beiträge jenseits der auf pures Infotainment orientierten Nachrichtensendungen zu entwickeln. Selbst die Magazin-Sendungen der Broadcast-Networks sind in jüngster Zeit immer mehr auf das Niveau von sensationsheischenden Boulevardblättern abgesunken. Die Hoffnung von Al Jazeera America, den Appetit der amerikanischen Fernsehzuschauer auf sorgfältig recherchierte Reportagen, den es früher einmal gegeben hat, wieder wecken zu können, hat sich jedenfalls als Illusion erwiesen.

Ein Name als Hindernis

Was einem Erfolg von Al Jazeera America aber vor allem im Weg gestanden hat, war sein Name, der das Publikum allzu deutlich an die Querverbindung zur arabischen Welt erinnert. Obwohl das Programm des Senders rasch bewies, dass seine Unterstützung durch die Regierung von Katar nicht mit antiamerikanischen oder antiwestlichen Tendenzen gleichzusetzen war, erwies sich die Wahl des Namens aufgrund seiner psychologisch letztlich negativen Konnotation gleichsam als ein Fallbeil, das dem ehrgeizigen Unternehmen wohl sein baldiges Ende bereiten musste.

Al Jazeera hatte sich durch seinen noch vor dem Start von AJAM erfolgten Aufkauf des US-Kabelsenders Current TV, einer Gründung des ehemaligen demokratischen Vizepräsidenten Al Gore, einen Platz im Spektrum des Kabelfernsehens verschafft (vgl. FK 3/13). Current TV selbst ging auf Newsworld International zurück, einen Nachrichtensender der Canadian Broadcasting Corporation (CBC), den Al Gore 2004 erworben hatte (vgl. FK 21/04) und dem später Al Jazeera America strukturell ähnelte.

Die Berufung von Kate O’Brien, einer angesehenen früheren Vizepräsidentin von ABC News, zur Präsidentin von Al Jazeera America, machte von vornherein klar, dass der Sender trotz seines Namens eine unabhängige Berichterstattung anzustreben versuchte. Und sehr bald war AJAM auch das Engagement prominenter Fernsehjournalisten wie Edward Pound (vorher bei der „New York Times“), Andrea Stone („Huffington Post“), Randall Pinkston (CBS News) und Ray Suarez (PBS Newshour) gelungen. Während seiner kurzen Existenz gewann der Sender zahlreiche Preise, darunter Peabody Awards und Emmy Awards. Andererseits geriet Al Jazeera America aber auch nachteilig ins Gespräch durch zwei Klagen von früheren Angestellten, die dem Sender Sexismus und Antisemitismus vorgeworfen hatten.

07.02.2016 – Ev/MK

Print-Ausgabe 3/2020

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