Start der Sky-Serie „Das Boot“: Und dann löst sich eine Hoffnung in Tinnitusschall und Gefechtsrauch auf

27.11.2018 • Am vorigen Freitag (23. November) piepte es im deutschen Fernsehen gewaltig – erst von 20.15 bis 22.15 Uhr im Pay-TV-Programm Sky One, anschließend von 22.00 Uhr bis weit nach Mitternacht bei der ARD. Mit dem Piepsen, das an ein Tinnitus-geräusch erinnert, wird einer der wohl bekanntesten Filmmusiktitel der deutschen Kino- und Fernsehgeschichte eingeleitet: Klaus Doldingers Titelmusik zum Kinofilm „Das Boot“ (1981) und zu der fünfteiligen gleichnamigen Fernsehserie (1985), die auf dem Film basiert.

Diese Titelmusik erklingt auch in den ersten Minuten der Neuproduktion, deren Ausstrahlung Sky an diesem Abend mit den ersten beiden Folgen der achtteiligen Serie startete, die zur Verwirrung aller denselben Titel hat: „Das Boot“. Noch während die zweite Folge dieser neuen Serie bei Sky One lief, begann die ARD in ihrem Ersten Programm trotzig mit der Ausstrahlung der (um 65 Minuten längeren) Director’s-Cut-Fassung des Kinofilms; zu einer Wiederholung der noch einmal um 100 Minuten längeren alten Serie hatte man sich bei der ARD nicht durchringen können.

Produzent der alten wie der neuen Serie wie auch des Kinofilms in seinen beiden Fassungen ist das Unternehmen Bavaria Film, an dem mit WDR, SWR, BR und MDR vier ARD-Sender als Gesellschafter beteiligt sind. Tatsächlich verwandte die Produktionsfirma für die neue Serie neben der Musik eine Menge dessen, was die alte Serie und den Kinofilm ausgezeichnet hatte – so etwa auch die Modelle, die in unterschiedlichen Größen das titelgebende Unterseeboot darzustellen haben; ebenso erkennt man die Kameraästhetik der Szenen im getauchten Boot wieder.

Anderes hingegen ist vollkommen neu. Die Sky-Serie ist ein Jahr später als ihre Vorgängerproduktion angesiedelt, also im Jahr 1942 statt im Herbst 1941. Und sie verfügt über einen starken Handlungsstrang, der an Land spielt und vom Widerstand der Franzosen gegen die deutsche Besatzung handelt. Denn der Ausgangshafen der U-Boot-Fahrten ist weiterhin La Rochelle an der von Nazi-Deutschland okkupierten französischen Atlantikküste.

Die Verlagerungen bzw. Erweiterungen haben auf den ersten Blick den Vorteil einer größeren historischen Vielschichtigkeit. Denn das Problem des alten Films und der alten Serie von Petersen bestand ja darin, dass sie das U-Boot als einen Raum jenseits der Gewaltverhältnisse des Nationalsozialismus schilderten: Der einzige NS-Mann an Bord wird von der Mannschaft schikaniert, die mit ihrem Kapitän einem eher angelsächsischen Elitekult huldigt, als dass sie etwas mit den Nazis oder mit der die Welt erobernden Wehrmacht verband. Hier folgte Petersen der autobiografischen Romanvorlage von Lothar-Günther Buchheim, der sich mit dem idealisierenden Bild der U-Boot-Mannschaft gleichsam selbst in Distanz zu den NS-Verbrechen setzte. Daran ändert auch nichts, dass Buchheims Roman und seine Verfilmung keinen Hehl aus der mörderischen Gewalt des Seekriegs machten, dass beide die Spitze der Marine unter Admiral Dönitz als willfährige Nazi-Leute schilderten, was diese zweifelsohne auch waren.

Umgekehrt resultierte seinerzeit die große Spannung von Film und Serie aus der Beschränkung auf den geschlossenen Raum des abgetauchten Boots, deren Besatzung die Wirklichkeit nur noch über das Sonar mit seinem charakteristischen Piepton und über den verschlüsselten Funkverkehr wahrnahm. Die neue Serie setzt genau an einem dieser klaustrophobischen Momente an, indem sie zu Beginn der ersten Folge den fehlschlagenden Angriff eines deutschen U-Boots zeigt, das daraufhin selbst unter Beschuss gerät. Wie die Mannschaft erst mit Routine, dann mit wachsender Panik und schließlich mit Todesangst darauf reagiert, war so etwas wie eine konzentrierte Fassung der Vorgängerproduktionen, eine Fassung nun aber, die hier überraschend mit der Katastrophe endet, denn dieses Boot wird getroffen und geht mit der Mannschaft unter.

Die Geschichte der neuen Serie setzt dann auch erst nach diesem katastrophischen Prolog ein, als ein neues Boot bemannt wird, einen jungen Kapitän (Rick Okon) erhält und bald zum ersten Einsatz auslaufen wird. Der Kapitän hatte gerade noch vor dem Marine-Gericht bezeugt, dass ein Seemann aus Feigheit einen Befehl verweigert habe. Der Angeklagte wird zum Tode verurteilt und vor ein Erschießungspeloton gestellt. Als er die erste Salve schwer verletzt überlebt, setzt der Kapitän den endgültigen Todesschuss.

Parallel dazu wird in der Sky-Produktion die Geschichte zweier aus dem Elsass stammender Geschwister erzählt, die sich als Deutsche begreifen. Während die junge Frau (Vicky Krieps) ihre Arbeit als Übersetzerin der Gestapo in La Rochelle aufnimmt, wird ihr Bruder (Leonard Schleicher) kurzfristig als Funker auf das auslaufende U-Boot abgeordert. Er hatte zuvor Kontakte zu einer Gruppe der Résistance aufgenommen. Kurz vor dem Auslaufen des Boots verpflichtet er seine Schwester, die zu diesem Zeitpunkt noch eine überzeugte Nationalsozialistin ist, für ihn den Kontakt zur Widerstandsgruppe aufrechtzuhalten, die von einer jungen Amerikanerin (Lizzy Caplan) geleitet wird. Zu diesen beiden jungen und zudem attraktiven Frauen gesellt sich als dritte die Vermieterin der jungen Elsässerin.

Spätestens als dieses Frauen-Dreieck in der filmischen Erzählung etabliert ist, löst sich die Hoffnung, dass die neue der alten Produktion an historischer Komplexität überlegen ist, in Tinnitusschall und Gefechtsrauch auf. Denn die Parallelhandlung mit den Frauen dient Regisseur Andreas Prochaska allein dazu, der verschwitzten Männergesellschaft des U-Boots nun schöne weibliche Körper, die denn auch häufig nackt zu sehen sind, entgegenzusetzen. Das wird insbesondere dann geradezu abstoßend, wenn in einer Folterszene im Gestapo-Keller das weibliche Opfer mit seinen Reizen nicht geizen darf. So wie in der Neuproduktion die Spannung im U-Boot geradezu klassisch nach dem Muster der alten Serie entfacht wird – neben der Bedrohung durch den Feind liefern dafür die internen Konflikte in der Mannschaftshierarchie den notwendigen Stoff –, entspringt die Spannung der an Land spielenden Szenen dem Arsenal von Polizei- und Spionagefilmen und gebiert so beispielsweise Verfolgungsjagden im Nebel.

Wenn man nach den beiden ersten Folgen der Sky-Serie in den von der ARD ausgestrahlten Director’s Cut wechselte, erstaunte einen beim Wiedersehen noch einmal die sensationelle Besetzung der alten U-Boot-Mannschaft. Viele der Schauspieler sah man selten so gut wie damals und ihr Zusammenspiel vor der wie ein Irrwisch durch das Boot geisternden Kamera von Jost Vacano ist immer noch von hoher Qualität. Verglichen mit Jürgen Prochnow (Kapitän), Klaus Wennemann (Ingenieur), Heinz Hoenig (Funker) und Martin Semmelrogge (Wachoffizier) haben es ihre Nachfolger beim neuen „Boot“ schwer, Kontur zu gewinnen. Noch haben sie bei Sky One drei Freitagabende mit je zwei Folgen Zeit.

27.11.2018 – Dietrich Leder/MK