USA: CBS im Auge des #MeToo-Orkans

06.10.2018 • Zuerst war es der angesehene Moderator Charlie Rose, den das Network CBS wegen zahlreicher Beschuldigungen durch angeblich von ihm sexuell belästigte Frauen gehen lassen musste. Nun folgten ihm binnen weniger Tage Leslie Moonves, der Chef des Senders, und Jeff Fager, der Produzent des renommierten Nachrichtenmagazins „60 Minutes“. CBS befindet sich nun unversehens im Auge des #MeToo-Orkans. An diesen Entlassungen mag deshalb kein Weg vorbeigeführt haben, aber die Auswirkungen auf die Zukunft von CBS könnten enorm sein.

Auf dem Nachrichtensektor hat das Network durch die Entlassungen seine langjährige Stabilität verloren, in der Serienproduktion und in der Konkurrenz mit den neuen Medien den Mann, auf dessen erfolgreiche Konzepte alles zugeschnitten war. Der 68-jährige Leslie Moonves bestimmte bei CBS seit 1995 den Weg, zuerst an der Spitze von CBS Entertainment, dann seit 2006 als Chairman und Chief Executive Officer (CEO) der CBS Corporation. Ihm waren die riesigen Erfolge zu verdanken, mit denen CBS Seriengeschichte geschrieben hat, Serien wie „ER“, „Friends“, „Survivor“ und die diversen „C.S.I.“- und „NCIS“-Formate. Jeff Fager trat sein Amt als Executive Producer von „60 Minutes“ im Jahr 2004 an und war nach Don Hewitt erst der zweite Produzent des seit 1968 bestehenden Nachrichtenmagazins. Er hat wesentlich dazu beigetragen, dass der gesellschaftliche Einfluss der Sendung bis zum heutigen Tag alle Konkurrenzprogramme übertrifft.

Aufräumen auf breiter Front

Doch die Skandale um Moonves und Fager waren nicht die einzigen Stürme, die CBS in den letzten Wochen trafen. Auch die rechtlichen Auseinandersetzungen mit dem größten CBS-Aktionär, Sumner Redstones Unternehmen National Amusements, hatten sich zugespitzt. Dabei standen sich Leslie Moonves und Shari Redstone, die Tochter des 95-jährigen und vermutlich geschäftsunfähigen Konzernchefs, inzwischen im Streit vor Gericht gegenüber (vgl. diese MK-Meldung). Die inzwischen auf zwölf Beschuldigungen angewachsenen Vorwürfe gegen Moonves wegen sexueller Ausschreitungen gaben nun Anlass für ein Aufräumen auf breiter Front.

Auf die wesentlichen Punkte zusammengefasst sieht das Resultat so aus: Moonves hat das Unternehmen bereits verlassen und könnte eine reduzierte Abfindung in Höhe von 120 Mio Dollar erhalten, die indes vom Resultat der gegen ihn eingeleiteten Ermittlungen abhängig ist. Joseph Ianniello, der bisherige Chief Operating Officer (COO) der CBS Corporation, wurde als vorläufiger Nachfolger für Moonves eingesetzt. Sechs Aufsichtsratsmitglieder wurden ausgetauscht, unter ihnen einige der stärksten Moonves-Anhänger. Der Rechtsstreit mit National Amusements wurde eingestellt. Und Shari Redstone stimmte zu, ihr vornehmliches, in Moonves-Kreisen heftig attackiertes Ziel, CBS wieder mit Viacom zu vereinen, zumindest in den nächsten zwei Jahren nicht weiter zu verfolgen (Sumner Redstone ist Gründer und über National Amusements Haupteigner des Viacom-Medienkonzerns). Alles in allem sieht die Lage hier nach einem Waffenstillstand aus – dessen Stabilität jedoch von vielen Insidern angezweifelt wird.

Die Tradition gerät ins Wanken

Joseph Ianniello – oder wer auch sonst künftig als CEO der CBS Corporation installiert werden sollte – wird alle Hände voll zu tun haben, die erfolgreiche Tradition der Ära Moonves fortzusetzen oder eine andere, zukunftssichere Perspektive für das Unternehmen zu entwickeln. Auf welch schwankendem Boden traditionelle Gewohnheiten derzeit stehen, hat soeben die Nielsen-Quotenbilanz mit der Bekanntgabe bewiesen, dass zum ersten Mal seit 16 Jahren nicht mehr CBS, sondern das Network NBC der Gewinner der zurückliegenden TV-Saison wurde (vgl. diese MK-Meldung).

Es ist aber nicht bloß der Wettbewerb unter den Broadcast-Networks, der CBS in Zukunft zu schaffen machen wird, sondern deutlicher noch dürfte sich die weiter wachsende Konkurrenz der neuen Medien auswirken. Die Flucht des Fernsehpublikums ins Videostreaming zu Netflix & Co. ist in den USA in vollem Gange, das Publikum nabelt sich ab („Cord Cutting“) von teuer zu abonnierenden TV-Paketen, die viele Programme enthalten, die die Zuschauer eigentlich nicht wollen, die sie aber mitabonnieren müssen. Außerdem haben die Streaming-Anbieter den Vorteil, dass hier beim Schauen die lästigen Werbeunterbrechungen wegfallen.

Schon unter der Führung von Leslie Moonves fiel die durchschnittliche Zuschauerzahl für die Primetime-Sendungen von CBS in der jüngsten Saison um sieben Prozent. Und der neue CEO ist nicht nur für das Network CBS, sondern auch für 27 weitere Fernsehsender, das Kabelnetwork Showtime und den Buchverlag Simon & Schuster zuständig, die alle zum Medienkonzern CBS Corporation gehören.

06.10.2018 – Ev/MK

Print-Ausgabe 25-26/2018

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