USA: Streaming-Anbieter bei der Emmy-Preisverleihung auf dem Vormarsch

20.09.2018 • Am 17. September wurden im Microsoft-Theater in Los Angeles zum 70. Mal die Primetime Emmy Awards verliehen. Hervorstechender Eindruck von der Preisvergabe war etwas, was längst nicht mehr bewiesen werden musste: Die Preisvergabe offenbarte die mit Macht um sich greifende Diversifikation der Fernsehlandschaft. Schon die Nominierungen zu den diesjährigen Emmy Awards hatten klargemacht, dass im US-amerikanischen Fernsehen nicht mehr die traditionellen Broadcast-Networks die erste Geige spielen und auch die Kabelsender um ihre Position ringen müssen. Es sind die immer deutlicher auf dem Markt Fuß fassenden Streaming-Anbieter, derzeit vor allem Netflix und Amazon, die am meisten Aufmerksamkeit auf sich lenken.

War es in den letzten Jahren nahezu schon die Regel, dass der Pay-TV-Sender HBO die Emmys in den wichtigsten Kategorien einkassierte, so hatte sich heuer bereits bei den Nominierungen gezeigt, dass Netflix dem alteingesessenen Sender heftig Konkurrenz machte. Zum ersten Mal in den vergangenen 17 Jahren konnte HBO diesmal nicht die Spitze aller Nominierungen erobern: HBO schnitt mit 108 Nennungen ab, Netflix mit 112 (vgl. MK-Meldung) . Dieser Trend setzte sich nun bei der Preisverleihung fort: HBO lag nicht vorne, sondern musste sich die Spitzenposition mit Netflix teilen. Beide Programmanbieter hatten am Ende des Abends je 23 Emmy Awards eingesammelt. Zum Ergebnis von HBO trugen vor allem die Serien „Game of Thrones“, „Westworld“ und „Barry“ bei, für Netflix taten es „The Crown“ und „Godless“. Ein Trost für HBO: Das Network konnte mit „Game of Thrones“ den begehrten Preis für die beste dramatische Serie gewinnen – was allerdings keine Überraschung war.

Networks können fianziell nicht mehr mithalten

Im Hinblick auf die hochkarätige Konkurrenz war da die Vergabe einiger der anderen Hauptpreise schon überraschender: Als beste Komödienserie gewann „The Marvelous Mrs. Maisel“ (Amazon), als beste Darstellerin in einer dramatischen Serie wurde Claire Foy für ihre Rolle in „The Crown“ (Netflix) ausgezeichnet, der Preis für den besten Darsteller in derselben Kategorie ging an Matthew Rhys für seine Rolle in „The Americans“ (FX) und als bester Regisseur eines Seriendramas gewann Stephen Daldry („The Crown“). Bei den Komödien setzten sich als bester Darsteller Bill Hader („Barry“, HBO) und als beste Darstellerin Rachel Brosnahan („Mrs. Maisel“) durch, während in dieser Kategorie Amy Sherman-Palladino („Mrs. Maisel“) als beste Regisseurin ausgezeichnet wurde. Verwunderung erregte, dass die im Vorfeld als aussichtsreich gehandelte, von Publikum und Kritik hochgeschätzte NBC-Serie „This Is Us“ bei den Hauptpreisen übergangen wurde.

In ersten Kommentaren zur diesjährigen Emmy-Verleihung wurde deutlich, dass die Fachwelt mit deutlich gemischten Gefühlen davon ausgeht, dass sich der Vormarsch der Streaming-Anbieter mit gesteigerter Kraft fortsetzen wird. Schon im laufenden Jahr hat Netflix 8 Mrd Dollar für die Film- und Serienproduktion zur Verfügung gestellt. Da kann bei den herkömmlichen TV-Networks keiner mehr mithalten. Schaut man sich die um die Emmy Awards konkurrierenden Produktionen an, wird auch sogleich klar, warum das viele Geld nicht nur einen numerischen, sondern auch qualitativen Unterschied macht: Immer mehr bewährte und renommierte Autoren, Regisseure und Darsteller laufen zu den Streaming-Anbietern über. Selbst für die Stars des Filmgeschäfts gilt die einstige Verachtung des Bildschirms längst nicht mehr.

20.09.2018 – Ev/MK

Print-Ausgabe 24/2018

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