Frankreich: Drei Frauen leiten den öffentlichen‑rechtlichen Rundfunk

30.05.2018 • Drei Frauen stehen nunmehr an der Spitze der öffentlich-rechtlichen Rundfunkinstitutionen in Frankreich. Delphine Ernotte leitet seit August 2015 France Télévisions, das öffentlich-rechtliche Fernsehen des Landes (vgl. MK-Meldung). Neue Präsidentin von Radio France und damit des öffentlich-rechtlichen Hörfunks ist seit dem 16. April Sybile Veil. Und am 18. April wurde Marie-Christine Saragosse von der französischen Rundfunkbehörde Conseil Supérieur de l’Audiovisuel (CSA) erneut für fünf Jahre an die Spitze des französischen Auslandsrundfunks France Médias Monde gewählt.

Die 40-jährige Managerin Sybile Veil wurde am 12. April vom siebenköpfigen CSA einmütig für ebenfalls fünf Jahre zur Chefin von Radio France gewählt und setzte sich dabei gegen fünf männliche Gegenkandidaten durch. Veil war bei der öffentlich-rechtlichen Groupe Radio France ab 2015 Direktorin für Wirtschaft und Finanzen und galt als einzige interne Kandidatin bei der Wahl auch als Favoritin für die Leitungsposition. Der Neuwahl bei Radio France war eine Führungskrise im Sender vorausgegangen, nachdem der bis dahin amtierende Präsident Mathieu Gallet Ende Januar 2018 durch den CSA abgesetzt worden war (vgl. MK-Meldung).

Neue Präsidentin bei Radio France

Sybile Veil studierte an der Universität Paris III/Sorbonne Nouvelle Politikwissenschaften mit der Spezialisierung auf Europapolitik. Von 2002 bis 2004 absolvierte sie die französische Verwaltungshochschule ENA. An der Elite-Ausbildungsstätte war Sybile Petitjean, so ihr Geburtsname, zur gleichen Zeit wie ihr späterer Ehemann Sebastien Veil und der heutige französische Staatspräsident Emmanuel Macron. Von 2004 bis 2007 arbeitete sie beim obersten Verwaltungsgericht Frankreichs und von 2007 bis 2010 als Beraterin (Bereich: Arbeit und Soziales) des damaligen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy. Danach war sie als Direktorin für Umgestaltung zur Pariser Krankenhauskette Assistance Publique-Hopitaux de Paris (APHP) gewechselt.

Sybile Veils Ehemann Sebastien Veil, mit dem sie seit 2006 verheiratet ist, arbeitet als Investmentbanker. Er ist ein Enkel der im vergangenen Jahr gestorbenen Spitzenpolitikerin Simone Veil, die eine Überlebende des Holocaust war. Neben ihrer Muttersprache Französisch spricht Sybile Veil fließend Englisch und Deutsch.

Die Rundfunkbehörde CSA hob in ihrer Entscheidung hervor, dass das von Sybile Veil für Radio France vorgestellte „strategische Projekt“ dem Sender eine „ehrgeizige und reformorientierte Vision“ gebe. Demzufolge soll sich Radio France in der heutigen digitalen Welt „dauerhaft als Bezugsgröße für die Öffentlichkeit etablieren und die Welt der Töne und Klänge erobern“. Die neue Präsidentin von Radio France sieht ihr Unternehmen dabei als „Speerspitze der Entwicklung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks“ in Frankreich. Radio France, so strebt es Veil an, soll bis 2023 der öffentlich-rechtliche Markführer bei der Information und „ein globales kulturelles Medium“ des öffentlich-rechtlichen Bereichs werden.

Abgesetzte Intendantin wiedergewählt

Die nächsten zwölf Monate will Veil zunächst für interne Reformen bei Radio France nutzen, um damit für die von Staatspräsident Macron angekündigten übergeordneten Reformen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks besser aufgestellt zu sein. Kulturministerin Françoise Nyssen begrüßte ausdrücklich die Wahl von Sybile Veil, insbesondere mit Blick auf die von Macron geforderte große Reform des gesamten öffentlich-rechtlichen Rundfunks im Land (vgl. hierzu diesen MK-Artikel). Die Groupe Radio France erreichte im ersten Quartal 2018 mit ihren sieben Radiowellen einen Marktanteil von zusammen 27 Prozent. Stärkster Sender war dabei das überregionale Programm France Inter mit 11,5 Prozent. Das Mantelprogramm France Bleu, unter dessen Dach 44 Regionalsender zusammengeschlossen sind, erreichte 6,5 Prozent, die Nachrichtenwelle France Info 3,6 Prozent. 

Beim Auslandsrundfunk France Médias Monde (FMM) war die Führungsposition zuletzt mehrere Wochen nicht regulär besetzt. Denn am 13. Februar 2018 hatte der CSA den Vertrag von Marie-Christine Saragosse annulliert. Interimistisch wurde der Auslandsrundfunk ab diesem Zeitpunkt vom 85-jährigen FFM-Verwaltungsratsmitglied Francis Huss geleitet. Die 57-jährige Saragosse musste ihr Amt niederlegen, weil sie nach ihrer Wiederwahl zur Intendantin von France Médias Monde im Oktober 2017 ihre Eigentumsverhältnisse nicht korrekt deklariert hatte. Saragosse hatte aber angekündigt, sich erneut für das Amt zu bewerben. Nach der Klärung der Verhältnisse wurde Saragosse dann vom CSA auch erneut zur Intendantin des Auslandsrundfunks gewählt. Zu France Médias Monde gehören der Fernsehsender France 24 und die Hörfunkprogramme Radio France Internationale (RFI) und Monte Carlo Doualiya (MCD).

30.05.2018 – me/MK

Print-Ausgabe 16/2018

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