Großbritannien: Neue Strategie beim Fernsehsender Channel 4

22.04.2018 •

22.04.2018 • Es war ein Reporter des unabhängigen britischen Fernsehsenders Channel 4, der im März den Skandal um die Datenanalysefirma Cambridge Analytica und den Internet-Giganten Facebook aufdeckte. Auch damit schmückt sich nun Großbritanniens „alternativer Fernsehkanal“. Channel 4 wurde 1982 gegründet, und zwar in der Tat als neuartige Alternative zur öffentlich-rechtlichen Sendeanstalt BBC mit ihren beiden landesweiten TV-Programmen (BBC 1, BBC 2) und zum kommerziellen Fernsehnetwork ITV. Neben den beiden BBC-Programmen und ITV wurde Channel 4 – daher der Name – damals das vierte Programm im Land.

Obwohl durch Werbung kommerziell finanziert, ist Channel 4 eine öffentlich-rechtliche Einrichtung mit dem Auftrag, ein Programm anzubieten, das kulturgeprägt ist und auch Minderheiten bedient. Die Channel Four Television Corporation in London ist als öffentlich-rechtliches Unternehmen dem britischen Ministerium für Kultur, Medien und Sport zugeordnet und wird von der Medien- und Kommunikationsbehörde Ofcom beaufsichtigt.

Erstmals führt eine Frau das Unternehmen

Die Channel-4-Gruppe ist in Großbritannien der drittgrößte Fernsehbetreiber nach der BBC und ITV und erreichte im Jahr 2017 einen Marktanteil von insgesamt rund 10 Prozent. Davon entfielen 5,6 Prozent auf das Hauptprogramm Channel 4. Die restlichen rund 4,4 Prozent gehen in der Summe auf das Konto mehrerer Spartenkanäle des Unternehmens, darunter der Unterhaltungssender E4 und der Kanal Film 4. Die Channel Four Television Corporation hat einen Umsatz von rund einer Milliarde Pfund (1,15 Mrd Euro) pro Jahr und investiert jährlich rund eine halbe Milliarde Pfund in britische Programminhalte.

Mit einer neuen Strategie will Alex Mahon, die neue Unternehmenschefin und erste Frau im Vorstandsvorsitz von Channel 4, nun auch Traditionen aus den Anfängen von Channel 4 wiederbeleben. Die dazu ausgegebene Devise lautet: „4 All The UK“ („Für das ganze Vereinigte Königreich“). Die die 44-jährige Alex Mahon stellte die neue Strategie Anfang März vor. Bei Channel 4 hat nun die größte Veränderung seit der Sendergründung 1982 begonnen.

Das Unternehmen will bis 2019 ein neues großes Firmenzentrum und zwei weitere kleinere Zentren außerhalb von London mit 300 Arbeitsplätzen schaffen. Insgesamt hat Channel 4 derzeit rund 800 Mitarbeiter. Das bisherige Londoner Zentrum in der Horseferry Road soll erhalten bleiben, aber verkleinert werden. Der Anteil der vier britischen Nationen – England, Schottland, Wales, Nordirland – und der Regionen an den programmlichen Inhalten soll von gegenwärtig 35 Prozent bis 2023 auf 50 Prozent steigen. Auch der Anteil regionaler Nachrichten soll deutlich verstärkt werden.

Ein Sender „mit Vielfalt in seiner DNA“

Im April 2018 begann der Auswahlprozess für die neuen Standorte von Channel 4. Über sie soll dann im dritten Quartal 2018 entschieden werden. Zu den Bewerbern zählen Cardiff, die walisische Hauptstadt, und – als die größten englischen Städte nach London – Birmingham, Manchester, Liverpool, Sheffield und Leeds. „Als Veranstalter von öffentlich-rechtlichem Rundfunk mit Vielfalt in seiner DNA hat Channel 4 die einzigartige Fähigkeit, über unsere Gesellschaft nachzudenken“, erklärte Alex Mahon. „Mit dieser neuen Strategie werden wir noch weitergehen, um für die Menschen im gesamten Vereinigten Königreich sicherzustellen, dass sie auf dem Bildschirm und in unserer eigenen Organisation vertreten sind“, so die Channel-4-Chefin weiter.

Alexandra Mahon wurde 1973 in London geboren, wuchs aber in der schottischen Hauptstadt Edinburgh auf. Sie studierte medizinische Physik in London und arbeitete zunächst für das britische Gesundheitssystem NHS. Dann wechselte sie in den Medienbereich und wurde bei der RTL Group in England als technische Beraterin und Strategieexpertin eingestellt. Anschließend arbeitete sie als Direktorin für kommerzielle Entwicklung und Strategie bei der RTL-Produktionsfirma Fremantle Media und als stellvertretende Geschäftsführerin beim Produzenten Talkback Thames. 2006 wurde Mahon Generaldirektorin beim neuen Produktionsunternehmen Shine von Elizabeth Murdoch, der Tochter des Mediengroßunternehmers Rupert Murdoch.

Shine expandierte in der Folge zu einer Unternehmensgruppe mit 27 Kreativfirmen in zwölf Ländern bei einem Umsatz von jährlich 700 Mio Pfund. Von 2012 bis 2015 war Alex Mahon Vorstandsvorsitzende der Shine Group, die britische Fernsehhits von der Kriminalproduktion „Broadchurch“ bis zur Starkochsendung „Masterchef“ produziert. Nach der erfolgreichen Fusion von Shine mit der Produktionsfirm Endemol verließ Mahon 2015 das Unternehmen und übernahm die Leitung des Software-Entwicklers Foundry. 

Im Juni 2017 wurde Alex Mahon dann vom Channel-4-Aufsichtsrat zur neuen Vorstandsvorsitzenden des Unternehmens gewählt. Im Oktober 2017 trat sie ihr neues Amt als Nachfolgerin von David Abraham an. Seither hat sie sich ein eigenes Führungsteam zusammengestellt. Im Zuge dessen wurde Ian Katz, bis dahin Chefredakteur der BBC-2-Nachrichtensendung „Newsnight“, neuer Programmdirektor von Channel 4. Und nicht wenige Beobachter in London sagen heutzutage, dass zum Thema Brexit Channel 4 kritischer berichtet hat und berichtet als die BBC.

22.04.2018 – me/MK